frag ’ den Christian morgen . Aber wer nicht kam , war der Christian , und um Mittag bringt mir ein Junge den Bescheid , ich sollte nicht auf ihn warten , er sei für die Herrschaft verreist , um ein neues Pferd für die Frau Baronin zu holen . Die Lisett war in einer Unruhe , die sich gar nicht beschreiben läßt . Sobald es dämmerte , stand sie am Fenster , und wieder sah man das Licht drüben . Abermals lief sie in ’ s Freie , und kam blaß zurück und warf sich weinend in ’ s Sopha . Gott weiß , sie mußte schon eine Ahnung haben von dem , was ihr bevorstand , denn sie wollte von keinem Trost etwas wissen . ‚ Er ist da und kommt nicht , er liebt mich nicht mehr , ‘ schluchzte sie , ‚ ach ich sterbe , wenn es so ist . ‘ Am dritten Abend dieselbe Geschichte ; die Lisett sah aus wie der Kalk an der Wand . Dann blieb es dunkel im Thurmstübchen . – Ohngefähr vier Tage darauf sitzen wir , die Lisett und ich , im Mittagssonnenschein vor der Hausthür und rupfen Krammetsvögel , und sie schaut so den Federn nach , die in der Luft umherfliegen , während ein banger Seufzer nach dem andern über ihre Lippen geht ; da kommt über den Mühlsteg ein Mädchen gegangen . Zuerst kannten wir sie nicht , denn ihr neuer rother Rock mit den schwarzen Streifen blendete ordentlich in die Augen , dann aber sagte die Lisett : ‚ Das ist ja die tolle Fränzel , was will die hier ? ‘ Richtig , sie war ’ s , und kam gerade auf uns zu getänzelt mit ihren zierlichen Füßen , die in kleinen Spannbänderschuhen und schneeweißen Strümpfchen steckten . Sie hatte ein schwarzes Kamisol an , und ein Paar lange ebenso schwarze Zöpfe hingen ihr auf den Rücken herunter ; das Gesicht mit den funkelnden Augen und der kleinen Nase sah die Lisett an , als wär ’ sie eitel Freundlichkeit . Nun mußt Du wissen , Liesel , die tolle Fränzel war mit uns zur Confirmation gegangen , und ein wilder Kind hat ’ s wohl nimmer gegeben ; Zigeuner hatten sie einst hinter dem Kirchhofszaun liegen lassen , als sie kaum erst acht Tage alt war , und sie ist im Armenhause groß geworden . Ein leichtsinniges , arbeitsscheues Blut war sie von jeher , das Aergerniß der ganzen Gemeinde , der Frau Baronin aber gefiel sie , als sie einst mit einem [ 807 ] Körbchen Beeren auf das Schloß kam . ‚ Sie erinnere sie an ihre Heimath , ‘ hatte sie gesagt , und so kam Fränzel in den Dienst der gnädigen Frau und ging einher so bunt geputzt , als wären unseres Herrgotts christliche Tage eitel Mummenschanz . Wir hörten aber auch bald , daß sie noch immer die tolle Fränzel sei ; da verkehrten so viele fremde Cavaliere im Schloß und hübsch war ja die Fränzel , zu hübsch , und sie hätt ’ gewiß ’ nen braven Burschen gefunden , der sie als seinen ehrlichen Schatz hätt ’ küssen mögen , aber sie war leichtfertig als der Schlimmsten Eine , und – Gott sei Dank ! – noch galt ja Zucht und Ehrbarkeit bei uns daheim . Und so kam sie denn daher ; in den kleinen Ohren hingen große glänzende Goldreifen , und einen Ring hatt ’ sie auch an der Hand , mit der sie so recht auffällig an der schneeweißen Schürze bändelte . ‚ Guten Tag ! ‘ rief sie uns entgegen , und die Lisett sagte wieder : ‚ Guten Tag ! ‘ und fragte : ‚ Was soll ’ s , Fränzel ? ‘ ‚ Nun Jesses , ich sah die Mamsell hier drüben sitzen und wollt ’ mal sehen , wie ’ s bei Euch ausschaut . Ihr braucht Euch ja meiner nicht zu schämen , sind wir doch zusammen confirmirt worden – oder bist Du stolz geworden ? ‘ ‚ Nein , ‘ erwiderte die Lisett , ‚ ich bin nicht stolz , aber wenn Du kommst , so hat ’ s was zu bedeuten – sag ’ mir rasch , was Du willst ! ‘ ‚ Gar nichts , meine Gute , ‘ erwiderte sie und that wie beleidigt , ‚ brauchst Dich meiner nicht zu schämen ; betteln thu ’ ich nicht mehr ; hab ’ mein Brod übrig genug , ‘ und dabei lachte sie , daß man alle die weißen Zähne sah , und drehte sich auf dem Fuße herum , daß der rothe Rock und die Zöpfe nur so flogen . ‚ Siehst so blaß aus , ‘ sagte sie dann plötzlich und fixirte das Gesicht der Lisett , ‚ hast Liebeskummer , he ? ‘ Lisett erröthete über und über . ‚ Was geht ’ s Dich an , wie ich ausseh ? ‘ erwiderte sie kurz und erhob sich so rasch , daß die feinen Federn aus ihrer Schürze nur so in der Luft herumwirbelten . Auf einmal sah ich , daß ihr die Augen schier aus dem Kopfe traten und daß sie sich leichenblaß mit der Hand nach dem Herze faßte und auf die Bank niedersank , und als meine Blicke den ihrigen folgten , da fielen sie auf ein kleines goldenes Herz , das sich aus dem Busentuch der Fränzel geschoben . ‚ Allmächtiger Gott ! ‘ schrie die Lisett – dann aber war sie mit einem Sprunge neben der Fränzel , hatte sie an der Schulter gepackt und fragte mit einer Stimme , die mir durch Mark und Bein ging – so voll schriller Herzensangst war sie – : ‚ Woher hast Du das Herz , Fränzel ? ‘ “ Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Lumpenmüllers Lieschen aus : Die Gartenlaube 1878