wie eine Mozartsche Melodie . Konrad schwieg , erfüllt von jener Schönheit , die zwar alle unbewußt empfinden , die aber nur wenigen zu schauen vergönnt ist , wie etwa die Vornehmheit eines Menschen allen wohltut , die sich ihm nähern , aber nur einzelne , nur gleiche sie zu erkennen vermögen . Leonie sah ihn von der Seite an , verwundert , fast furchtsam . Sie fühlte immer , wenn er weit fort war von ihr , und lernte rasch , daß jedes Wort aus ihrem Munde ihn dann verletzte . Er bemerkte , wie sie zögernd hinter ihm zurückblieb , wie sie bemüht war , sich völlig auszulöschen , nur um sein Fühlen und Schauen , dem sie nicht zu folgen vermochte , nicht zu stören . Arme Leonie ! dachte er . War sie nicht viel , viel ärmer als er ? Waren es nicht dieselben , durch eine lange Ahnenreihe von Herren immer mehr verfeinerten Fühlfäden der Seele , die ihn zu einem überschwenglich Genießenden machten wie zu einem so tief zu Verletzenden ? Sie fuhren im Wagen zurück , denn er war ganz plötzlich sehr müde geworden . Leonie saß neben ihm ; ihre Hände ruhten lässig , handschuhlos , auf ihrem Schoße . Sie waren groß und kräftig wie die antiker Göttinnen , dabei sehr weiß . Es frappierte ihn , daß sie - nackt waren . Er betrachtete die seinen : schlanke , nervöse Hände mit sehr langen spitzen Fingern , - Hände , die , wenn er blind gewesen wäre , Schönheit tastend hätten empfinden können , aber keine Hände zum Zupacken oder Waffenführen . Er seufzte verstohlen - selbst ein teilnehmender Blick seiner Nachbarin , der immer gleich von einem Helfenwollen sprach , wäre ihm verletzend gewesen . Aber nun verstand er auch , warum die Weiße ihrer starken Hand ihm fast schamlos erschien . » Du hast schöne Hände , Leonie , aber sie sollten braun sein , « wollte er sagen , als sie plötzlich wie erschrocken aus ihrem langen Stummsein auffuhr . » Herr Gott , « rief sie , » da fällt mir ja ein , daß ich eine alte Bekannte besuchen könnte ! So ist das Wühlen in der Vergangenheit , zu dem deine Fragen und mehr noch deine Schweigsamkeit mich wider Willen veranlaßt haben , doch zu irgendwas gut gewesen ! « Und sie suchte eifrig in einem Notizbuch , das sie in ihrem Täschchen bei sich trug , bis sie eine schmale Karte fand und ihm hinüberreichte . » Frau Sabine Brandis , « las er , » wer ist das ? « » Das entzückendste Geschöpf , das du dir denken kannst , « antwortete sie enthusiastisch . » Sie gab in Berlin französische Stunden - um für das Universitätsstudium Geld zu verdienen , wie sie mir erzählte - und kam auch zu meiner Gnädigen . Das war , als meine heimliche Tanzerei im Lunaballhaus von dem jungen Herrn , einem ekelhaften Bengel , den ich auf seine Frechheiten hin mal gehörig heimgegeigt hatte , entdeckt worden war , und man mich einfach hinauswarf . Sie half mir damals . Zur Mutter traute ich mich nicht . Volle vier Wochen lang teilte sie ihre mageren Mahlzeiten mit mir und gab mir überdies alles , was ich an Bildung habe ; - auch das bißchen Französisch , über das du dich immer mokierst . « » Das ist aber doch Jahre her , « meinte Konrad , » kennst du denn ihre Adresse ? « » Damals wohnte sie - « , Leonie stockte und suchte wieder in ihrem Notizbuch . » Frühlingsstraße - ich hab ' s ! Vielleicht weiß man dort noch was von ihr . « Am selben Abend - sie war in ihrem Eifer nicht zurückzuhalten - begleitete er sie in den fernen Stadtteil . » Frau Sabine Brandis , « sagte der dicke Grünkramhändler , der vor der Türe saß ; » ei freilich , die wohnt hier , lange schon . Fünf Treppen hoch , links . « Konrad ließ Leonie allein und versprach , sie in einem kleinen Biergarten an der Reichenbachbrücke zu erwarten . Schon brannten die Laternen matt im Dämmerlicht , als er sich an einen der Tische setzte , die in dem winzigen Gärtchen standen . Die übrigen Gäste - sein Tisch war der letzte freie gewesen - genossen lebhaft schwatzend den milden Abend ; Handwerker , Arbeiter , kleine Beamte mochten es sein , nach den Gesprächsfragmenten zu urteilen , die er auffing . Von ihren persönlichen Freuden und Leiden sprachen sie , vom Streik der Bauarbeiter , von den internen Angelegenheiten des Stadtviertels , - der Zukunft von morgen , über die ihr Hoffen und Fürchten nicht hinausging . Kirchturmpolitik , dachte er , aber ohne jene spöttische Selbstüberhebung des gebildeten Europäers , die von der Höhe seines Standpunktes zeugen soll und dabei allzu oft nur seine Leere verrät . Die Zeit verrann . Er sah nach der Uhr . Wo nur Leonie blieb ? Sollte sie einen falschen Weg gegangen sein ? Er fing an , sich zu sorgen ; dabei sezierte er sein Gefühl ; es hätte kein anderes sein können , wenn sie ein Kind oder ein Freund gewesen wäre . Die Laternen glänzten durch den grauen Abend , kühl und fremd . Feuchtwarme Luft stieg von der Isar empor , die ihre gelben Fluten langsam vorüberwälzte . Warum sitze ich eigentlich hier ? dachte er ; um auf ein Mädchen zu warten , das ich nicht liebe , um die Freunde in Berlin glauben zu machen , daß ich mich amüsiere und Renetta Veits Untreue mich gleichgültig läßt ? Sie läßt mich ja auch wirklich gleichgültig , - mehr als das : leer - leer . Wie er den Bengel am Nebentisch beneidete , der leuchtenden Auges davon erzählte , daß der Kampf um Lohnerhöhung in seiner Fabrik von morgen ab seine Wocheneinnahme um eine ganze Mark erhöht