Sie lieben die Angelegenheiten nicht , die von den Waffenleuten entschieden werden müssen . Da fühlen sie sich nicht mehr so ganz als die ersten . - Und sie haben auch gegenseitig viel aneinander auszusetzen . Die Offiziere denken nämlich offenbar : Das sind schlechte Diplomaten , die von solch einer Bewegung wie die der Boxer gar nichts voraus gemerkt haben und sich so überraschen ließen . Und die Ta-jens wiederum denken : Das sind schlechte Soldaten , die so viel Zeit gebraucht haben , bis sie endlich zu uns durchdrangen und uns befreiten . « » Da magst Du recht haben , « sagte Tschun , » unter den Fremden herrscht ja immer Uneinigkeit . Bisher dachten wir freilich , nur zwischen denen der verschiedenen einzelnen Ländchen , aber , wie es scheint , sogar zwischen den verschiedenen Berufen desselben Landes . - Na - um so besser für uns ! « » Freilich , um so besser für uns , « wiederholte Kuang yin , » denn all diese Uneinigkeit wird hoffentlich hindern , daß aus ihrem geeinten Zorn gar zu Schlimmes für uns entsteht . « » Ja , « fiel Tschun ganz eifrig ein , » daran denk ich jetzt auch immer , denn es wäre doch furchtbar , wenn der Boxerwahnsinn von den Ausländern als Vorwand benutzt würde , uns noch mehr Land zu rauben oder uns durch Syndikate , Geldanleihen und sogenannte Ratgeber noch schärfer bevormunden zu wollen . Ganz unerträglich würde das - denn , weißt Du , je mehr man sich ' s überlegt : denselben Glauben wie die Ausländer haben wir ja nun mal - und darum mußte man während der Belagerung schon des Gesichts halber zu ihnen halten - aber das ist auch das einzige Gemeinsame . In allem übrigen sind sie uns doch ... fremd ... fremd ! « Er hatte nach dem letzten Wort gesucht und offenbar kein ausdrucksvolleres finden können . Nachdem er es aber ausgesprochen , wunderte er sich selbst über den Klang , den das Wort hatte . Mißachtung , Abneigung lagen ja darin ! Kuang yin hatte Tschun Unterkunft bis zum Antritt seines neuen Dienstes angeboten . » Einstweilen aber schau Dir die Stadt an - da gibt es jetzt Gelegenheiten , wie sie so bald nicht wiederkehren , « sagte er bedeutungsvoll . Tschun sagte darauf dem Onkel , er fürchte , ihm bei dem neuen Herrn wenig Ehre zu machen , denn er habe ja nichts von seinen Sachen retten können und besitze nur diesen einen Anzug . » In der Lage sind heute viele , « antwortete Kuang yin gleichmütig , » und doch wirst Du sie binnen kurzem in Seide und Zobel einhergehen sehen - ich sagte Dir ja schon : es gibt Gelegenheiten . « Und dann setzte er mit einem schlauen Blinzeln hinzu : » Abends , sobald ich fort kann , gehe ich auch . « Tschun wollte sich nun vor allem nach den Vettern umsehen , die in anderen Stadtteilen wohnten . Auf dem Weg zu Sin schen begegneten ihm anfänglich noch viele fremde Soldaten . Manche trieben laut singend Vieh und Schafe vor sich her . In dieser Stadt , wo alle Lebensmittel verschwunden schienen , hatten sie offenbar einen glücklichen Fund gemacht . Aber auch andere Fremde sah Tschun : Herren , meist zu Pferde , die ihm von früher bekannt waren , nur daß sie jetzt abgemagert und wie verwildert aussahen . Sie führten Leute mit leeren Karren bei sich . Wozu mochten sie die wohl gebrauchen ? Dann wurden die Ausländer seltener . Tschun kam nun in entferntere Straßen , wo Europäer und ihre Anhänger nicht wohnten . Hier war während der Boxerherrschaft wenig zerstört worden . Aber die Bewohner mochten wohl fürchten , daß durch den inzwischen eingetretenen Umschwung jetzt die Reihe an sie kommen könnte : Tschun sah manche mit angstvollen Gesichtern und spähenden Blicken vor ihren Häusern stehen , als ob sie Wache hielten , während andere , scheu und eilig , als fürchteten sie , überrascht zu werden , irgend etwas an den Türen zu arbeiten schienen . Was taten sie da ? Bereiteten sie besondere Verschlüsse ? Erwarteten sie neue Straßenkämpfe ? - Tschun konnte es nicht genau sehen , denn sie verschwanden , sobald sie in der Straße ein fremdes Gesicht gewahrten . - Aber in der nächsten Seitengasse wohnte ja Sin schen , den wollte er fragen - falls er ihn überhaupt noch vorfand - es waren ja so manche in dieser Zeit verschollen ! Doch sobald Tschun um die Ecke bog , sah er auch schon den Vetter vor seiner Türe stehen . Wie die anderen schien auch er irgend etwas daran zu arbeiten - und , ganz wie die anderen , wollte auch er verschwinden , sobald er einen Fremden nahen sah . Doch Tschun rief ihn an , und nachdem ihn Sin schen erkannt hatte , kam er auf ihn zu und begrüßte ihn so erfreut , daß es Tschun beinahe wunderte . - Und nun sah Tschun , was Sin schen und all die anderen so eifrig und verstohlen trieben : sie entfernten von ihren Türpfosten jede Spur der aufgeklebten feurigroten Papiere , deren schwarze Schriftzeichen die Insassen als treue Boxeranhänger bezeichneten ! Und Tschuns Erstaunen gewahrend , erklärte Sin schen : » Ja , siehst Du , es war die einzige Art , uns und unsere Habe in der Zeit zu retten . Wir alle hier haben es getan . Aber jetzt gilt es , die Dinger zu entfernen - sie könnten sonst unser Verderben werden . « Er hatte Tschun inzwischen in sein Haus geführt , und da gewahrte dieser eine seltsame Werkstatt : billige bunte Stoffe lagen am Boden , und sämtliche Angehörigen Sin schens fabrizierten daraus eifrigst allerhand Fähnchen in den Landesfarben der verschiedenen fremden Truppen . Die weiße japanische Flagge mit der roten Kugel war am leichtesten zu machen , und sie wurde in großen Mengen