zum Begreifen erwachte ; erst wenn die Finsternis entwichen , kann der verirrte Wanderer ermessen , wie weiter von seinem Ziel verschlagen worden . Anfangs September erhielt Caspar die erste kurze Nachricht vom Grafen , die auch dessen bevorstehende Rückkehr meldete . Seine Freude war groß , doch war ihr ein ahnender Schmerz zugemischt als könne es zwischen ihm und dem Freund nicht mehr werden wie vordem , als hätte die Zeit sein Antlitz verwandelt . Bei jedem Wagenrollen , jedem Läuten am Tor dehnte sich sein Herz bis zum Springen . Als der Erwartete endlich erschien , war Caspar keines Lautes mächtig ; er taumelte nur so und griff um sich , wie wenn er an der Wahrheit der Erscheinung zweifle . Der Lord veränderte Haltung und Miene ; es sah aus , als verschiebe er ein vorgesetztes Anderssein für später , das Lauern seiner Blicke versank in der weicheren Regung , in die der Jüngling ihn stets versetzte , der einzige Mensch vielleicht , dem er Macht über sein Inneres zugestehen müßte und dessen Geschick er zugleich hinter sich herschleifte wie der Jäger das erbeutete Wild . Er fand Caspar schlecht aussehend und fragte ihn , ob er genug zu essen gehabt habe . Der Bericht über die mit Herrn von Tucher vorgefallenen Streitigkeiten entlockte ihm nur Sarkasmen , doch schien er nicht weiter mißgelaunt darüber . » Hast du denn bisweilen an mich gedacht , Caspar ? « erkundigte er sich , und Caspar antwortete mit dem Blick eines treuen Hundes : » Viel , immer . « Dann fügte er hinzu : » Ich habe sogar an dich geschrieben , Heinrich . « » An mich geschrieben ? « wiederholte der Lord verwundert . » Du wußtest doch meinen Aufenthalt nicht ! « Caspar drückte die Hände zusammen und lächelte . » In mein Buch hab ichs geschrieben « , sagte er . Der Graf wurde nervös , doch stellte er sich zutraulich . » In welches Buch ? Und was hast du denn geschrieben ? Darf ichs nicht lesen ? « Caspar schüttelte den Kopf . » Also Heimlichkeiten , Caspar ? « » Nein , keine Heimlichkeiten , aber zeigen kann ich dirs nicht . « Stanhope brach das Gespräch ab , nahm sich aber vor , der Sache auf den Grund zu gehen . Er war wieder im » Wilden Mann « abgestiegen , doch lebte er anders als vorher . Zu jeder Mahlzeit bestellte er Champagner und teure Weine und trieb den größten Aufwand , als sei es ihm darum zu tun , Reichtum zu zeigen . Er brachte seine eigne Equipage mit , deren Räder vergoldet waren , während am Schlag Wappen und Adelskrone prangten . Als Dienerschaft hatte er einen Jäger und zwei Kämmerlinge , und diese drei Betreßten erregten das Staunen der Nürnberger . Er säumte nicht , sein Ansuchen um die Überlassung Caspar Hausers zu erneuern . Zum Beleg seines günstigen Vermögensstandes wies er , scheinbar nur nebenbei , auf die Kreditbriefe hin , die er seit seiner Rückkunft beim Marktvorsteher Simon Merkel deponiert hatte . Es lag darin eine Gebärde von Prahlerei , als seien so geringfügige Summen kaum der Rede wert ; in der Tat aber waren die Akkreditive , von deutschen Wechselhäusern aus Frankfurt und Karlsruhe ausgestellt , von bedeutender Höhe . Der Magistrat sah sich jedes stichhaltigen Einwands gegen die Wünsche des Lords beraubt . In der Versammlung der Stadtväter wurde die Frage aufgeworfen : ja warum ? Was will er eigentlich mit dem Hauser ? Darauf las Bürgermeister Binder mit besonderem Nachdruck eine Stelle aus der Zuschrift des Grafen vor , worin es hieß : » Der Unterzeichnete fühlt um so mehr den Beruf , sich des unglücklichen Findlings anzunehmen , als er bei langem Umgang mit ihm die selbst einem Vaterherzen wohltuende Erfahrung gemacht hat , wie sehr ihm dies kindliche Gemüt in liebender Anhänglichkeit und Dankbarkeit ergeben ist . « » Fragen wir also den Hauser selber , « hieß es , » man muß wissen , ob er Lust hat , dem Grafen zu folgen . « Caspar wurde vor Gericht zitiert . In tiefer Bewegung erklärte er , er sei überzeugt , daß der Herr Graf den innigsten Anteil an seinem Schicksal nehme , erklärte , mit dem Grafen gehen zu wollen , wohin ihn dieser auch führen werde . Trotz alledem verzögerte sich die förmliche Bewilligung des Magistrats durch eine Reihe erst scheinhafter und ungreifbarer Umstände , die aber nach und nach zu entschiedenem Widerstand erwuchsen , bis sie sich schließlich in einer einzigen Stimme Gehör verschafften , welcher niemand zu widerstehen wagte . Der übermäßige Eifer des Lords , sich der Person Caspars zu versichern , rührte den unterirdisch murrenden Argwohn immer wieder empor . Sein pomphaftes Auftreten mißfiel . dem Bürger , der einer bescheidenen Lebensführung , auch bei Großen , mehr Vertrauen entgegenbrachte als einer Verschwendungssucht , die nur die schlechten Instinkte des Pöbels nährte . Es erbitterte , wenn der Graf in seiner Prunkkarosse daherfuhr , mit Absicht die belebtesten Plätze wählte und nach rechts und links Kupfermünzen ins Volk streute , das sich dann , jeder Würde bar , vor dem in nachlässiger Leutseligkeit thronenden Fremdling im Kot wälzte . Man sprach davon , daß Stanhope vom Marktvorsteher Merkel auf die Kreditbriefe hin hohe Summen entlehnt habe . Merkel , wenngleich er gesichert schien , wurde zur Vorsicht ermahnt ; es lief das Gerücht , der Lord dürfe die Papiere gar nicht angreifen oder doch nur bis zu einer vorgeschriebenen Grenze . Mittlerweile war Herr von Tucher vom Land zurückgekehrt . Die Entwicklung der Dinge war ihm bekannt ; er wollte für seinen Teil ein klares Ende herbeiführen . Er richtete an den Lord einen ziemlich weitläufigen Brief in welchem er ihn schließlich vor die Wahl stellte : entweder den Jüngling ganz zu sich zu nehmen und ihn , den Baron , damit seiner Verantwortlichkeitspflicht zu entheben , oder einen jährlichen Beitrag auszusetzen