. Einhart hatte Heide sofort losgelassen . Er sprang aus den Waldschatten ins Licht ganz hinein . Er machte eine Bewegung mit dem Munde , wie um zu rufen . Aber es kam noch kein Ton . Er rief jetzt wirklich . » Ich komme ! « rief er laut . Weil es ihn auch gleich dünkte , daß er den Ruf verstanden . Und er lief - und lief , wie getrieben , was er konnte , hin ins Moor , wo Henny in der umwachsenen Hütte krank lag . Das Haus lag im Schlitzschattenwerk der alten Eichen ganz verborgen und dunkel . Ein kleines Fenster gab einen rotgoldenen Schein , warm wie eine Seele und stumm . Die Schierlingsstauden und die Nesseln standen wie bleiche Spitzensäume unter dem Fensterschein und flüsterten und zitterten . Einhart schlug sein Herz wie ein Hammer in der Brust . Er drückte leise , wie oft , sein Gesicht an die Scheibe . Alles lag still , wie in Ewigkeit gebunden . Er suchte jetzt einen Halt zu gewinnen . Das Unbegreifliche hatte ihn bedrohlich angefaßt . Er trat noch einmal vom Fenster zurück . Und er sah auf in die Nacht . Über den Schatten des Hauses hingen in den Baumwipfeln die blanken Sterne , als wären Diamanten in die Zweige gesät . Drinnen im Hause regte sich nichts . Dann schlich Einhart neu nahe , sah lange durch die Scheibe in den Dämmerraum und merkte endlich , daß drinnen der Tod selber am Tische saß und schlief . Es war eine von den wunderlichen Visionen Einharts . In dieser Nacht ging es in Einhart wie Irresein schon seit Anbeginn . Da konnte er die Welt noch weniger sehen vor seinen eigenen Bildern . Er drückte ewig die Stirn an die Scheibe , um drinnen - den Tod schlafen zu sehen . Ein alter , müder , starrer Mann , grau wie eine Fledermaus , in einem langen Gewände wie gefaltete Flügel , dessen Kopf unsinnig , und wie zu arg geknickt , unkenntlich auf den Tisch hing . Ganz allmählich erkannte Einhart , daß es der alte Otten selber war . Der Schein des kleinen Lichtes traf seinen grauen Schädel . Auch die alte , strenge , magere Frau Otten saß im großen Lehnstuhle und schlief , das Gesangbuch auf ihren Knien in der Hand haltend , worüber ein Lichtstreif spielte . Das Bett neben dem Tische schien wie eine Bahre mit einem Totenlaken zugedeckt . Wie Einhart lange hingestarrt , erwachte Frau Otten , daß ihre Haubenbänder einen vertrackten Schatten an die Wand warfen . Und der alte Graumann regte sich auch . Die Beiden hielten stumme Totenwacht . Denn Henny hatte eben den langen Schlaf des Todes begonnen . Einhart sah jetzt auch deren Züge genau . Das Fenster war nahe . Das junge , entrückte Totengesicht hob sich langsam aus den weißen Tüchern heraus . Es schien zu lächeln . Einhart wußte es jetzt . Hennys Stimme hatte ihn zärtlich noch einmal gerufen . Er regte sich nicht . Er trat nicht hinein . Er stand nur ewig und ging dann wie ein Schlafwandler ohne Laut in die Nacht der Moore zurück , Schierling und Nesselstauden durchschreitend , dieselben , in denen Henny noch am Tage in Kissen gebettet gesessen . Die Nachtwelt begann in Unruhe aufzuschauern . Die Blumen und Bäume flüsterten . Einhart lief ins Unbestimmte Schritt um Schritt . Tausend Fragen tat er in die Sterne . Allenthalben däuchten wie zarte Gewande über den Heiden aufzusteigen . Er war tief in Rätsel verstrickt in dieser weiten , einzigen Nacht . Als Einhart am Morgen in sein Quartier kam , sah er aus wie ein Kind , so sanft berührt von den fernsten , geheimsten Weisen aus den Gründen , die ewiges Vergehen und ewiges Leben halten . 4 Das Leben auch dieses Sommers ging bald hin . Einzeln verfärbten sich die Blätter der schiefhängenden Birken an der langen , schnurgeraden Chaussee , die hinwies in die Ferne . Einhart hatte die Herbstabende oft einsam in den Weiden gestanden , neckisch umschnaubt von den Mäulern der Mutterstuten und Füllen und hatte in den sinkenden Sonnenglast hineingesehen . Oder er war an den tintenschwarzen Tiefen der Moorgewässer entlang gelaufen , darin Hütte und Strauchwerk und hoher Hängebaum sich düster fremd und kalt spiegeln , und über die Heidehügel hin , hatte den Schrei des Brachvogels über sich klagen hören in die Dämmerluft und war schließlich mit seinen Gesichten und Träumen dann auch selber ins Weite gezogen . In jedem Leben gibt es Zeiten , wo die Seele , überreich an Gehalt und Drängen , nicht recht rasten kann . Wo nicht das Erschauen neuer , fremder Dinge und Wunder hinaustreibt und forttreibt von Ort zu Ort . Nur die unbestimmte Sehnsucht , endlich die schöne Schale der Götter zu finden , sie mit der eigenen Seligkeit und dem Reichtum aus der eigenen Tiefe zu erfüllen . » Denn die Welt des Wurmes und meine Welt ist allenthalben dieselbe . Aber in meinen Augen blitzt diese Welt und glänzt im See Menschenliebe wieder , « sagte Einhart jetzt oft . So war seine Welt nicht die Welt , die draußen war , nur die drinnen jetzt umhütet mit ihm ging . Einhart war noch immer einsam , wie er gekommen war . Er verstand es gar nicht mehr , sich anzuschließen . Keiner der jungen , tüchtigen Maler , die er in der Heide gefunden , und mit denen er beim Mittagsmahle oder nach Feierabend manchmal noch in der kahlen Dorfschenke des Moordorfes zusammen gesessen , kam ihm recht nahe . Das war wohl hauptsächlich , weil ein jeder für sich genug erfüllt war , auf seine Weise die Welt der Beglückung aus Wolken und Lüften , Wasser und Weiden zu greifen . Aber man traute sich auch nicht . Zumal wenn Einhart seine undeutbare Doppeltheit mit sich trug , achtlos spitz und abwehrend im Gespräche seine Blicke