das die Wirtschafterin mit zitternden Händen auf den großen Ausziehtisch stellen mußte , und das Silber nachzählend , das sie selber putzen wollte . Der alte Herr hatte mit schweren Sinnen gerechnet und gezählt ; zum ersten Male kam ihm jetzt eine Art Klarheit seiner Lage , und er fühlte sich gänzlich hilflos . Mit schweren Schritten ging er die Treppe hinab , und gebeugt bestieg er den Wagen , um nach dem Orte zu reisen , wo sein Sohn gestanden . Hier suchte er den Wucherer auf in seinem Hause , das erst neu gebaut war , denn der Mann war ein Bauunternehmer ; eine marmorne Treppe erstieg er , die mit einem teuren Teppich belegt war , und kam in ein prunkvolles Gemach ; es war ihm , als verlasse ihn alles Selbstbewußtsein , das immer natürlich gewesen war , wie er dem stiernackigen Menschen gegenüberstand , der seine gewöhnliche und gemeine Art mit Kaltblütigkeit hinter einer eignen Höflichkeit verbarg , welche der Graf in den Kreisen , welche er sonst gekannt , noch nie getroffen hatte ; vielleicht war der Mensch erst vor kurzem aus dem Zuchthause entlassen , und trotzdem wußte er sich so zu haben , daß der adelige Mann verwirrt wurde vor ihm . Vergeblich versuchte der in einer vornehmen und nachlässigen Manier zu sprechen , er mußte abbrechen und nach einer andern Weise suchen ; am Ende legte er dem andern mit Schüchternheit seine Verhältnisse offen dar , als sei der gegen ihn ein alter und würdiger Herr , dem er vertrauen müsse , und der ihn ermahnen und tadeln , aber auch unterstützen werde . In diesen Minuten , als ihm der künstlich erhaltene Stolz vor der Kraft eines ehrlosen Menschen zusammenbrach , begann in dem Grafen eine Verstörtheit , die ihn am Ende kindisch machte . Der andre , der seinen Vorteil bald bemerkte , wußte ihn zu den Absichten zu bestimmen , die er selbst sich gesetzt , und so wurden die Schulden derart geordnet , daß der Graf ihm kaum je wieder aus den Händen kommen konnte . Ivo , der zweite Sohn , wurde zu der Beerdigung erwartet ; er verspätete sich aber in auffälliger Weise und kam erst , als die Träger den zugeschraubten Sarg eben auf die Achseln nehmen wollten . Nachdem die Feierlichkeit beendet war , saßen die vier Familienmitglieder in trüben Gedanken beisammen . Am Ende begann der Sohn mit einem Scheine , als handle es sich nur um Unbedeutendes , daß er den Vater auf andre Gedanken bringen wolle , und habe er in der letzten Zeit Unglück im Spiel gehabt , und brauche er bis zum übernächsten Tage eine bestimmte Geldsumme , die ihm der Vater gewiß geben werde ; absichtlich brachte er die Bitte in Gegenwart der beiden Frauen vor , weil er dachte , daß für das erste sein Anliegen dadurch geringfügiger erscheinen müsse . In dem alten Herrn wurden durch diese Worte längst vergessene Erinnerungen lebendig , und deren Drang übertäubte in seinem geschwächten Geist das Verständnis dessen , was er gehört . So begann er von seiner Jugend zu erzählen , und wie man damals anspruchsloser gelebt habe , denn nur an Königs Geburtstag habe man Wein getrunken , und sonst Kofent , und er selbst habe einmal seinem Vater kleine Schulden beichten müssen , da habe ihn der übel aufgenommen und ihm vorgerechnet , was er selbst arbeite und verbrauche , und habe ihm dann Hausarrest gegeben vier Wochen lang . Heute aber sei die Jugend leichtfertig , und das Eindringen der reichen Bürgerlichen in die Armee habe die Zeiten vornehmer Einfachheit verdrängt . Ivo saß da in großer Besorgnis , denn in Wahrheit hatte er große Schulden und wußte nicht , wie er seines Vaters Reden auffassen sollte . Und wie der Vater geendet hatte , begann die Mutter , schalt auf die heutigen Zeiten , in denen es keine treuen und sorgsamen Dienstboten mehr gäbe , und erzählte weitläufig von ihrer Leinenaussteuer , wieviel Dutzend sie von jeder Sache gehabt , und wie das alles auseinandergerissen sei , so daß sie nichts Vollständiges mehr vorfinde , und das Wenige , das noch in den Schränken liege , sei übel gewaschen . Dabei war , als seien die fünfzehn Jahre ihres Krankenlagers gar nicht gewesen , und sie verwechselte die Zeiten , denn indem sie von einigen Leuten sprach , dachte sie an deren Eltern , die in den Jahren , welche sie im Sinn hatte , so aussahen wie die jetzt . Dem Ivo wurde es unheimlich durch seine eigne Angst und durch das wirre Sprechen der Eltern , und er blickte hilfesuchend auf seine Schwester ; die aber hatte ihren eignen Gedanken nachgehangen und seine Bitte überhört , weil sie im Ton nicht auffällig gewesen war , und da sie den Verfall der Eltern allmählich hatte vor sich gehen sehen , so waren ihr auch diese Reden nicht auffällig gewesen . So saß sie da im schwarzen und geschlossenen Kleid , die Hände im Schoße liegend und ins Leere blickend ; sie bedachte aber , wie sie es erreichen könne , daß sie diesem Leben entfliehe , denn bis zur Unerträglichkeit hatte sich der Überdruß in ihr gesteigert . Aber wie der junge Offizier sich derart ganz allein zwischen diesen drei Menschen fühlte und seine Sorge ihm mit Schwere auf das Herz fiel , stieg es ihm heiß in die Augen , und zwei Tränen rannen ihm über die Backen und in die Winkel des zuckenden Mundes . Hierdurch wurde die Schwester aufmerksam , und indem ihr nun seine früheren Worte in klares Bewußtsein traten , fragte sie erschreckt , ob seine Schuldenlast vielleicht sehr hoch sei ; er aber war so bekümmert , daß er nicht zu reden vermochte , und so nickte er nur mit dem Kopfe . Dann , während sich inzwischen unter den Eltern ein Streit entspann um ein silbernes Salzfaß , das die Mutter vermißte , klagte er mit