von dem sie das Kind hatte ? « » Gott - er war wohl ein Mensch , der überhaupt nicht lieben konnte , viel zu zerspalten und zu zerfahren . Und sie sah einen großen Künstler in ihm , einen Menschen , wie er ihr nie wieder begegnen würde , der ihr unendlich viel gab . Vor allem dachte sie daran , daß er frei bleiben müßte , und dann wohl auch an das Kind - - aber das ist noch nicht alles . Den Mann , den sie heiratete , kannte sie eigentlich kaum - das ist wohl meistens so . - Wir haben uns doch auch erst nachher kennengelernt . - Als sie seine Frau wurde , war er ihr beinah gleichgültig und fremd , aber dann fing sie an , ihn zu lieben - anders wie den anderen - , vielleicht nicht so leidenschaftlich , aber viel tiefer . Sie war glücklich mit ihm , und er war sehr glücklich . - Das Kind kam nicht zum Leben - , ihr Mann war in der Zeit gerade verreist , und niemand erfuhr davon . - Zuletzt vergaß sie es selbst beinah , und es kam ihr vor , als ob alles nicht wahr gewesen wäre . « Ellen meinte , er müßte ihr Herz klopfen hören , es schlug langsam und schwer . - Die Art wie sie erzählte , hatte für Reinhard etwas seltsam Erregendes . Ihm wurde immer beklommener zumut , vielleicht ging es wie eine ferne Ahnung durch seine Seele , von der er selbst nicht wußte . » Dann sah sie den anderen wieder - zufällig - und da hatte er ein Kind mit irgendeinem Mädel - und nun fiel mit einemmal alles in sich zusammen , ihr war , als ob selbst ihre Schuld entwertet sei , die ihr immer wie eine Art Heiligtum vorgekommen war . Und auch was sie sonst in ihm gesehen hatte , war fort , alles Illusion , die in nichts zerrann . Wenigstens in dem Augenblick kam es ihr so vor - vielleicht war es auch ungerecht - , aber es tat ihr so entsetzlich weh , daß er ihr Kind nicht gewollt und nun ein anderes hatte . Und dann fing sie ein neues Verhältnis an , das ihr gerade in den Weg kam . Und als sie das getan hatte , fühlte sie plötzlich , daß sie nun ihrem Mann alles sagen und sich von ihm trennen müßte . « Bis tief in die Nacht sprachen sie noch darüber , es schien Ellen , als ob sie nie in ihrem Leben so hätte reden können - bis in die kleinste Einzelheit hinein zwang sie ihn förmlich mitzufühlen , was jene Frau durchlebt hatte . Er sollte alles verstehen , begreifen , daß es unentrinnbare Gewalten gab , die einen Menschen treiben konnten , so zu handeln und dabei doch so viel zu lieben . Und sie dachte nicht daran , daß die Erkenntnis , sie selbst sei es gewesen , alles Verstehen wieder hinwegschwemmen würde wie einen Strohhalm . Eine törichte Hoffnung dämmerte in ihr auf , daß vielleicht ein Wunder geschehen möchte , das unerhörte Wunder , daß einer , der liebt , dem anderen folgen könnte bis in seine dunkelsten weggewendeten Tiefen , und daß er ihr bleiben könnte , welche Wege sie auch ging . Dann brach der letzte Tag an - die Sommerwärme lag glühend zwischen den Bergen - , Reinhard und Ellen gingen vormittags einen flimmernden , staubigen Weg , an dem roter Mohn blühte und kleine , wie aus Stein geschnittene grüne Eidechsen spielten . - Sie konnte ihn jetzt nicht länger darüber täuschen , daß sie leidend war , jeder Schritt wurde ihr schwer , und ihre Hände brannten . » Es braucht ja nichts Schlimmes zu sein « , sagte sie , » aber es ist doch vielleicht besser , wenn du jetzt allein zu deiner Mutter gehst , für die zwei Tage , und ich nach München fahre , um einen Arzt zu fragen . « So wußten sie nun beide , daß es für lange Zeit das letzte Alleinsein war . Lange saßen sie auf den weißen Steinen , die in der Sonne schimmerten . » Aber war es nicht schön ? « sagte Ellen . » Alle die Wochen jetzt - wie ein ganzes langes Leben voll Sommer . Sag mir , daß du noch nie so glücklich gewesen bist , Reinhard . « » Noch nie « , sagte er , so von innen heraus , daß es ihr ins Herz schnitt . Namenlos traurig sah sie ihn an , und er fühlte plötzlich , daß ihr bange war zum Vergehen . Und dieser Blick kam noch ein paarmal wieder , während die Sommerstunden verrannen und Ellen wie im Fieber von Glück und Leben sprach . Und jedesmal fragte Reinhard wieder : » Was ist dir ? - Sag mir doch , was dir ist . « Als sie abends wieder auf dem Balkon standen , war es beklemmend schwül , und schwere Gewitterwolken hingen am Himmel . » Da ist er wieder ! « , und Ellen faßte unwillkürlich nach seiner Hand . Derselbe unheimliche Bucklige kam aus dem Gebüsch , sah sich nach allen Seiten um und zu ihnen hinauf , riß Blumen ab und verschwand . Dann waren sie ins Zimmer zurückgegangen und saßen auf dem Sofa , die Tür stand offen und in der Ferne donnerte es . Ihre Zeit war um . » Reinhard , nun ist unser Sommer zu Ende - morgen geh ' ich fort von dir . « » Ja « , sagte er traurig , » aber vielleicht bleibt uns noch ein Tag , wenn du in München gewesen bist . Eigentlich wäre es mir lieber , selbst mitzufahren . « » Nein , es bleibt uns kein Tag - ich gehe fort für immer . « Ellen fühlte plötzlich , daß sie