Josefine , dachte Helene und drückte sich tiefer in die Sofakissen . Es war so schön warm , sie hatte zum erstenmal Feuer heute abend , und ihre Zehen dehnten sich so wohlig in den kleinen braunen Lackschuhen auf der Sofalehne . Plötzlich fuhr sie zusammen : irgend ein ungewohnter Ton , etwas wie ein erstickter Schrei war erklungen . Schrie Rösli im Schlaf ? Nein , es wurde ja gar nicht geschrien , es war ja wie ein Scharren auf dem Boden , ein lautes Seufzen , ein schwerer Gegenstand erbebte , fiel , dann eine flüsternde Stimme : » Nun ? was ? was war das ? « Dann Laufen auf bloßen Füßen , etwas wie ein Rütteln , Stampfen ohne Schuhe , wieder Seufzer , Gemurmel , endlich nahende Schritte , ein Griff an Helenes Tür ... Schläge ... Helene Begas warf ihre Zigarette von sich , suchte den Türschlüssel auf der Tischdecke , steckte ihn ins Schloß , blies die Lampe aus und fragte mit beklommener Stimme : » Wer ? « » Leni ! « flüsterte es draußen . Die Studentin öffnete , und Josefine fiel ihr in die Arme , drängte sie ins Zimmer zurück und drehte selbst den Schlüssel um . Sie war außer Atem , ergriff Lenis Hand und hielt sie wie mit Zangen fest . Die Studentin sah angstvoll an ihr hin . Josy hatte das Kleid abgelegt , mit der Linken drückte sie einen kleinen dunklen Gegenstand an die entblößte Brust . Helene fuhr ihr mit der Hand übers Gesicht , es war wie mit kaltem Schweiß bedeckt , die Haare klebten an der Stirn . » Behalt mich hier , « sagte sie , » ich kann nicht dorthin . « Ihre rauhe Stimme brach einen Augenblick , ein unwillkürliches Schluchzen bewegte ihre Brust . » Nein , aber das - - « begann Helene . » Zünde an , Leni . Ach , so ein Weib zu sein ! Nun , wo sind deine Hölzli ? « Josefine zündete selber die Lampe an , ihr Gesicht war bleich und feucht , aber voll Entschlossenheit . Sie wandte sich zum Ofen : » Du hast noch Feuer ? Ist gescheit . « Sie nahm den kleinen Gegenstand von der Brust , lächelte sonderbar , ingrimmig und entschieden , hob das Säckchen empor und blickte es an , indes sie zum Ofen niederkauerte . Im Feuerschein glühte das rote Seidensäckchen mit den krausen Zeichen darauf . Josefine zog das rote Schnürchen auf und griff in das Säckchen ; eine handvoll brauner knitteriger Blätter kam zum Vorschein . Sie drückte ihren Mund hinein , sog den Atem der verdorrten Rosenblätter in sich und warf dann eins nach dem andern in das ersterbende Feuer ... Zuletzt zog sie zwei dünne Briefbogen hervor mit einer feinen , zarten Schrift . Sie warf sie in die Flammen , ohne zu zögern . Dann küßte sie das Säckchen , als sei dies das kostbarste von allem , sie biß hinein , und ihr starres Gesicht war plötzlich tränenüberströmt , die Stirn tief gerunzelt . » Was liegt daran ? « sagte sie dann und warf auch das rote Säckchen in den Ofen . Es verkohlte langsam , schwelte so hin , die goldenen Buchstaben , lauter Glücksverheißungen , wurden schwarz und rußig . Als es verbrannt war , war auch das Feuer schwarz und leblos , nur ein paar rötliche Funken irrten noch in dem Zunder . Josy drückte sie mit der Kohlenschaufel zusammen . Dann stand sie auf und setzte sich auf einen Stuhl . Sie hatte Helene Begas ganz vergessen . Helene aber saß in der Sofaecke und beobachtete sie , sprachlos vor Trauer und Mitleid . Leise legte sie der Freundin ein Tuch um die nackten , bebenden Schultern . Josefine schien es nicht zu fühlen . Wie aus tiefen Überlegungen heraus sagte sie emporgewendet : » Kannst du den Répin nehmen ? Es wäre schade - - « Sie vollendete nicht , sondern stand auf . » Dann bring ich das Bild sogleich . « » Nein , morgen ! ich fürchte - - « Helene wollte die Tür zuhalten . » Was fürchtest du ? « Josy lächelte spöttisch . » Meinst , ich fürcht ihn ? « Ihr Blick war so , daß die Mathematikerin einen Furchtschauer empfand . » Ich dachte , er schlüge dich , Josy , « sagte sie stockend . Josefine lachte drohend : » Er - mich ? O weh ! « Sie besah ihre Hände . Helene sprang zurück : » Josy ! « Als Josefine düster schwieg , näherte sie sich ihr und faßte schwesterlich ihren Arm . » Ich denke übrigens , « sagte die Studentin flüsternd , » vielleicht - wenn du ihn doch wieder auf-und angenommen hast - aber ich verstehe wohl nichts von Gefühlen - « » Nein , du hast recht ! verstehst nichts davon- - « Josefine musterte sie . » Ich meine aber doch , so , theoretisch gesprochen , was für einen Wert oder was für eine Wichtigkeit legst du hier einer Sache bei , die schließlich doch weit untergeordnetere Bedeutung hat als eure bürgerliche Gemeinschaft ? « » Glaubst du ? « fragte Josefine mit eindringlicher Betonung und mit dem erschreckenden Lachen . » Untergeordnete Bedeutung ? glaubst du ? « » Ja , ich meine , Josefine , bist du nicht grausam ? « Die Frau zuckte die Achseln . » Weiß nicht . Interessiert mich nicht . « » Ja , aber , sieh , du bist doch sonst so gut , so verständig auch , so klar - « Josefine senkte den Kopf , als ob eine Sturzwelle von Vorwürfen sich über sie ergösse . Der geneigte Nacken mit dem schweren Haar gab ihr einen rührenden , demütigen Reiz in Helenes Augen . » Du kannst ihm schließlich nicht verdenken , daß er dich liebt , « sagte sie an