rechtschaffen müde , aber das helfe nun nicht : er müsse noch drei oder vier wichtige Briefe schreiben und morgen zu einer nochmaligen Besprechung mit Doktor Rodeck sehr früh ausgehen - da sagte sie nichts , als : dann gute Nacht , Du liebster , bester Mann ! Und sie hatte ihn geküßt und er sie , wie sie sich seit den Tagen ihres Brautstandes nicht wieder geküßt . Nun war er in seinem Zimmer allein . Allein mit dem grauenhaften Bewußtsein seiner Schuld , die er morgen früh mit dem Leben bezahlen sollte . Nicht einen Moment hatte er daran gezweifelt , daß er auf dem Platze bleiben würde . Von Doktor Rodeck wußte er , daß seinem Gegner schon von der Universität der Ruf eines unfehlbar sichern Schützen gefolgt war ; er hatte seinem Sekundanten nicht eingestehen mögen , daß er kaum je eine Pistole in der Hand gehabt und ganz gewiß keine abgeschossen hatte . War er doch sogar auf Grund eines Herzfehlers , den die Ärzte herausgefunden haben wollten , vom Militärdienst befreit gewesen ! Und heute vormittag , als die Herausforderung kam , hatte er bei sich gesagt : Gott sei Dank ! so kommst du doch auf eine honette Art aus einem Leben , in dem du nur in Scham und Schande so weiter vegetieren könntest ; jetzt - Aber jetzt hatte er erst seine Briefe zu schreiben . Die Augen brannten und der Kopf schmerzte und das Herz hing ihm in der Brust wie ein schwerer Stein - geschrieben mußten die Briefe werden . Zuerst an den Direktor , den er um Verzeihung bat für das Ärgernis , das er ihm gestern gegeben , und dem er morgen ein noch viel schlimmeres folgen lassen müsse . An seine Thür klopfte nun der Tod , den er in seines Sinnes Thorheit selbst heraufbeschworen ; und hinter dem Tod würde sich die Schattengestalt der Not hereinschleichen , sein Weib und seine Kinder mit ihrem grauen Gespinst umstrickend . Ihm gewähre es in diesen seinen letzten trüben Stunden einen Trost , zu wissen , daß der Direktor , in welchem er stets den ausgezeichneten Philologen verehrt habe , ein eben solcher Christ sei , eingedenk der Christenpflicht gegen Witwen und Waisen . Sollte , wie er fürchten müsse , die Art seines Scheidens aus dem Leben die Pensionsberechtigung seiner Frau kompromittieren , der Freund der Verlassenen werde es an einer warmen Befürwortung bei den höheren Instanzen nicht fehlen lassen . Nun ein Brief an den Kultusminister , ihn an sein neuliches Wort bescheiden erinnernd und auf die Gelegenheit , die ihm jetzt geboten werde , sein Wort einzulösen , mit schwermutvollen , tiefernsten Worten deutend . Nun an den General-Intendanten : dem Lebenden sei das Schicksal seines Trauerspiels , das schon so lange in den Händen der Intendanz ruhe , vorenthalten geblieben . Möchte es ein freundliches sein für sie , denen er nach seinem Tode nichts hinterlasse als etwa den Anspruch auf den bescheidenen Nachruhm , den er sich durch nimmermüdes Mühen um die Gunst der dramatischen Muse erworben zu haben glaube . An seinen Verleger jetzt , ihm nochmals dankend für das letzthin übersandte reichliche Honorar und unter Bedingungen , die jener selbst stellen möge , den Verlag übertragend der mehrere Bände füllenden Arbeiten in Versen und Prosa , die sich in seinem Nachlasse vorfinden würden . Auch an den Ministerial-Direktor mußte geschrieben werden , der sich heute brieflich über die nun ausgesprochene Relegation seines Otto bitter beklagt , aber daran den Wunsch geknüpft hatte , daß die leidige Sache , an deren Ausgang Albrecht sicher keine Schuld trage , in den für ihn und seine Familie so erfreulichen angenehmen Beziehungen zu dem geistreichen Hausdichter keinerlei Störung veranlassen werde . Der gute Mann , von dem er stets nur Liebes erfahren , hatte das Recht , zu verlangen , daß er nicht aus dem Leben ging , ohne Abschied von ihm genommen zu haben . Es war zwei Uhr , als Albrecht diese Briefe beendet hatte . Sie waren ihm nicht leicht geworden ; aber vor dem , der ihm noch zu schreiben blieb , dem letzten , krampfte sich sein Herz in Jammer und Schmerz zusammen , und er betete , ob dieser bitterste Kelch nicht an ihm vorübergehen könne , wissend , daß er ihn werde leeren müssen bis auf die Neige . Ein langer , langer Brief . Während er ihn , jetzt zögernd , jetzt mit fliegender Feder schrieb , verdunkelten sich wiederholt seine Augen von den hervorbrechenden Thränen und mehr als eine fiel auf das Papier . Seit seinen frühesten Knabenjahren hatte kein körperlicher oder seelischer Schmerz ihm Thränen erpressen können . Dieser schämte er sich nicht . Er hätte sich totweinen mögen , mußte er sich den unendlichen Jammer , das furchtbare Herzeleid ausmalen , das er nun der Guten , Lieben , Braven bereiten sollte für die abgöttische Liebe , mit der sie ihn geliebt hatte . Zu seiner eigenen Verwunderung bedrückte ihn dabei , was andern wohl als das Schrecklichste erschienen wäre : das Bekenntnis seiner Schuld am wenigsten . War er doch überzeugt , sie würde ihm aufs Wort glauben , wenn er ihr schrieb : es war eine von den Thorheiten meiner Phantasie , die Du ja kennst und für die Du immer ein Verständnis gehabt hast , wenn Du Dir auch oft den Anschein des Gegenteils gabst . Du Gute mochtest ahnen , welche Gefahr auf diesem Wege liegt , und es da einen Punkt giebt , über den hinaus die Thorheit zum Verbrechen wird . Aber bei dem , was uns das Teuerste auf Erden ist : bei dem Leben und den Häuptern unsrer Kinder schwöre ich Dir : verbrecherisch , wie das ist , dessen ich mich zeihe , es war doch nur ein Rausch der Phantasie , der meine Sinne kaum gestreift hat . Ich glaubte die Schönheit , nach der meine Seele lechzt , verkörpert zu sehen , bis