alles bald zum Besseren wenden werde ; diesen Prozeß aber sich still vollziehen zu lassen schien ihm ganz unerläßlich , und so verurteilte er sich , was ihm nicht leicht wurde , zu unbedingtem Schweigen . Die Schmolke war natürlich ganz entgegengesetzter Ansicht und hielt , wie die meisten alten Berlinerinnen , außerordentlich viel von » sich aussprechen « , je mehr und je öfter , desto besser . Ihre nach dieser Seite hin abzielenden Versuche verliefen aber resultatlos , und Corinna war nicht zum Sprechen zu bewegen , wenn die Schmolke begann : » Ja , Corinna , was soll denn nun eigentlich werden ? Was denkst du dir denn eigentlich ? « Auf all das gab es keine rechte Antwort , vielmehr stand Corinna wie am Roulett und wartete mit verschränkten Armen , wohin die Kugel fallen würde . Sie war nicht unglücklich , aber äußerst unruhig und unmutig , vor allem , wenn sie der heftigen Streitszene gedachte , bei der sie doch vielleicht zuviel gesagt hatte . Sie fühlte ganz deutlich , daß alles anders gekommen wäre , wenn die Rätin etwas weniger Herbheit , sie selber aber etwas mehr Entgegenkommen gezeigt hätte . Ja , da hätte sich dann ohne sonderliche Mühe Frieden schließen und das Bekenntnis einer gewissen Schuld , weil alles bloß Berechnung gewesen , allenfalls ablegen lassen . Aber freilich im selben Augenblicke , wo sie , neben dem Bedauern über die hochmütige Haltung der Rätin , vor allem und in erster Reihe sich selber der Schuld zieh , in eben diesem Augenblicke mußte sie sich doch auch wieder sagen , daß ein Wegfall alles dessen , was ihr vor ihrem eigenen Gewissen in dieser Angelegenheit als fragwürdig erschien , in den Augen der Rätin nichts gebessert haben würde . Diese schreckliche Frau , trotzdem sie beständig so tat und sprach , war ja weitab davon , ihr wegen ihres Spiels mit Gefühlen einen ernsthaften Vorwurf zu machen . Das war ja Nebensache , da lag es nicht . Und wenn sie diesen lieben und guten Menschen , wie ' s ja doch möglich war , aufrichtig und von Herzen geliebt hätte , so wäre das Verbrechen genau dasselbe gewesen . » Diese Rätin , mit ihrem überheblichen Nein , hat mich nicht da getroffen , wo sie mich treffen konnte , sie weist diese Verlobung nicht zurück , weil mir ' s an Herz und Liebe gebricht , nein , sie weist sie nur zurück , weil ich arm oder wenigstens nicht dazu angetan bin , das Treibelsche Vermögen zu verdoppeln , um nichts , nichts weiter ; und wenn sie vor anderen versichert oder vielleicht auch sich selber einredet , ich sei ihr zu selbstbewußt und zu professorlich , so sagt sie das nur , weil ' s ihr gerade paßt . Unter andern Verhältnissen würde meine Professorlichkeit mir nicht nur nicht schaden , sondern ihr umgekehrt die Höhe der Bewunderung bedeuten . « So gingen Corinnas Reden und Gedanken , und um sich ihnen nach Möglichkeit zu entziehen , tat sie , was sie seit lange nicht mehr getan , und machte Besuche bei den alten und jungen Professorenfrauen . Am besten gefiel ihr wieder die gute , ganz von Wirtschaftlichkeit in Anspruch genommene Frau Rindfleisch , die jeden Tag , ihrer vielen Pensionäre halber , in die große Markthalle ging und immer die besten Quellen und die billigsten Preise wußte , Preise , die dann , später der Schmolke mitgeteilt , in erster Linie den Ärger derselben , zuletzt aber ihre Bewunderung vor einer höheren wirtschaftlichen Potenz weckten . Auch bei Frau Immanuel Schultze sprach Corinna vor und fand dieselbe , vielleicht weil Friedebergs nahe bevorstehende Ehescheidung ein sehr dankbares Thema bildete , auffallend nett und gesprächig , Immanuel selbst aber war wieder so großsprecherisch und zynisch , daß sie doch fühlte , den Besuch nicht wiederholen zu können . Und weil die Woche so viele Tage hatte , so mußte sie sich zuletzt zu Museum und Nationalgalerie bequemen . Aber sie hatte keine rechte Stimmung dafür . Im Cornelius-Saal interessierte sie , vor dem einen großen Wandbilde , nur die ganz kleine Predelle , wo Mann und Frau den Kopf aus der Bettdecke strecken , und im Ägyptischen Museum fand sie eine merkwürdige Ähnlichkeit zwischen Ramses und Vogelsang . Wenn sie dann nach Hause kam , fragte sie jedesmal , ob wer dagewesen sei , was heißen sollte : » War Leopold da ? « , worauf die Schmolke regelmäßig antwortete : » Nein , Corinna , keine Menschenseele . « Wirklich , Leopold hatte nicht den Mut zu kommen und beschränkte sich darauf , jeden Abend einen kleinen Brief zu schreiben , der dann am andern Morgen auf ihrem Frühstückstische lag . Schmidt sah lächelnd drüber hin , und Corinna stand dann wie von ungefähr auf , um das Briefchen in ihrem Zimmer zu lesen . » Liebe Corinna . Der heutige Tag verlief wie alle . Die Mama scheint in ihrer Gegnerschaft verharren zu wollen . Nun , wir wollen sehen , wer siegt . Hildegard ist viel bei Helene , weil niemand hier ist , der sich recht um sie kümmert . Sie kann mir leid tun , ein so junges und hübsches Mädchen . Alles das Resultat solcher Anzettelungen . Meine Seele verlangt , Dich zu sehen , und in der nächsten Woche werden Entschlüsse von mir gefaßt werden , die volle Klarheit schaffen . Mama wird sich wundern . Nur soviel , ich erschrecke vor nichts , auch vor dem Äußersten nicht . Das mit dem vierten Gebot ist recht gut , aber es hat seine Grenzen . Wir haben auch Pflichten gegen uns selbst und gegen die , die wir über alles lieben , die Leben und Tod in unseren Augen bedeuten . Ich schwanke noch , wohin , denke aber England ; da haben wir Liverpool und Mister Nelson , und in zwei Stunden sind wir an der schottischen Grenze