« sprach Lanzenau mit bitterem Lächeln . Einer unglücklichen Eingebung folgend , die ihre Rettung in einer erbärmlichen Wortklauberei vorspiegelte , sagte Joachim schnell : » Sie irren , Severina hat mein Wort nicht ; ich habe ihr im Gegenteil einmal ausdrücklich gesagt , daß ich noch nicht um sie werben könne . « Lanzenau sah ihn stumm , geradezu entsetzt an . » Ah , « begann er dann , tief aufatmend , » ich sehe , Herr von Herebrecht , Sie sind aus einer andern Generation wie ich . Zu meinen Zeiten bedurfte es in solchen Dingen nicht solcher Hinterthüren . Nicht allein das Wort , auch das Thun und Lassen band uns . Wenn Sie nur einen feierlichen Ringwechsel und ein Eheversprechen vor Zeugen als bindend für Ihre Ehre und Ihr Herz betrachten , dann allerdings haben Sie einen so weiten Spielraum für Ihre Tändeleien , daß ich darauf verzichten muß , mich für den Verlauf derselben zu interessiren . Eins aber , eins hören Sie : Wenn Sie es sich sollten beikommen lassen , eine Frau in das Bereich dieser Ihrer Tändeleien zu ziehen , eine Frau , welche ich verehre - nicht wie eine Heilige , nein höher , wie den Inbegriff von aller menschlichen Frauengüte und Frauengröße , dann , mein Herr , würde ich Sie aus dem Weg dieser Frau zu entfernen wissen , und sollte ich Sie niederschießen wie ein fremdes Wild , das meinen Garten verwüstet . « Mit einer Würde , die fern von jeder äußerlichen Leidenschaft war , aber dennoch in ihrer eisernen Festigkeit verriet , daß der Mann im stande sei , zu vollführen , was er drohte , kamen diese Worte von Lanzenaus Lippen . Und als er sie gesprochen , ging er hinaus , langsam , etwas steifbeinig , wie er immer ging . Wie vom Donner gerührt blieb Joachim zurück . Sekundenlang stand er starr . Dann warf er sich in einen Lehnsessel und legte den Kopf auf seine Arme vor sich auf den Tisch . Welcher Dämon hatte ihm denn all die abweisenden und frivolen Worte auf die Zunge gebracht ? Was mußte Lanzenau von ihm denken , für welchen Schurken ihn halten ? Tausend Pläne durchjagten sein Gehirn . Wenn er Lanzenau forderte ? Welch ein theatralischer Zug ! Nein , vor seine unfehlbare Pistole durfte er Fannys Freund nicht stellen . Wenn er Lanzenau nacheilte und ihn zum Vertrauten machte ? Jetzt , nach dieser Scene konnte der nur solches Vertrauen kalt zurückweisen und würde denken , die Angst habe es Joachim abgerungen . O Fanny , Fanny ! Seine Liebe stieg in all dieser Not ! Wenn Lanzenau doch trotz des gegebenen Wortes mit ihr spräche ? Dann blieb Joachim nur eins übrig : eine Kugel in die Schläfen . Schauer durchrannen ihn . Sein Arnold stand vor ihm . Der würde um ihn weinen . O , das schöne , das junge Leben lassen ? Warum ? Weil sein Herz , sein unverständliches , geteiltes Herz Fannys Liebe erwidern mußte wie vorher Severinas ? Welche Rätsel ein Menschenleben ! Wenn einem Mann sein Weib wegstarb und er wählte sich die zweite Frau , die er vielleicht schon gesehen oder gekannt , da die erste noch lebte , dann war das ganz in der Ordnung . Und auch der hatte doch beide geliebt , wenn er ehrlich war , ein Gatte nach dem Gesetz und der Moral . Entschuldigte , ja billigte denn bloß der zeitliche Zwischenraum die zwiefache Liebe ? War das nicht im Grunde doch dasselbe ? Sein junger Kopf und sein gärendes Gemüt konnten nichts begreifen , nichts beurteilen . Dumpf fühlte er nur , daß aus den für ihn hergebrachten Ehrbegriffen heraus ihm nichts blieb als freiwilliger Tod . Er stöhnte laut und vergrub sein Gesicht tiefer . Eine leichte Hand berührte seine Schulter . Er erschrak wie ein nervöses Frauenzimmer und wandte sein bleiches , hohläugiges Gesicht . Die kleine Meerheim stand hinter ihm , das magere , graziöse Figürchen vorgebeugt , wie jemand , der heimlich und wichtig etwas mitteilen will . Aber auch sie erschrak vor seinem Aussehen . » Um Gottes willen , wie sehen Sie aus ! Na , ich kann mir schon denken - gestern abend noch auf Heinis Stube spät getrunken - heute morgen gräßlichen Drehwurm . Ja , Heini muß heiraten . Ich werde mich noch aus reiner Nächstenliebe bequemen müssen . « Joachim bemühte sich , zu lächeln , und fragte , was sie hergeführt . » Lächeln Sie nicht , « sagte das zartgewachsene , aber sehr starksinnige Soldatenkind , » ein Lächeln auf einem so seekranken Gesicht erweckt in mir eine furchtbare Ideenverbindung mit der Milchpflaumensuppe in meiner Pension . Also , ich habe Sie gesucht , um Ihnen zu sagen , daß ich mich heute morgen mit Heini gestritten habe , was Sie wohl schon wissen . « Nein , er wußte nichts . » Das ganze Schloß spricht ja davon ; ich bin mit Papa und ihm ausgeritten und allein wiedergekommen , weil Papa ihm beistand . Sie müssen mir heute furchtbar die Cour machen - ja , wollen Sie ? Heini fordert Sie dann vielleicht , aber das schadet nichts , das ist sehr interessant , und ihr könnt an einander vorbeischießen . « Nun mußte Joachim doch lachen . Aber es hatte einen eigenen , spöttischen Klang . Was für eine Narrheit ! Also der kleinen , schwarzhaarigen Person sollte er zum Schein die Cour machen , während in seinem Herzen Tod und Leben rangen ? Und diese und ein Dutzend anderer thörichter Anforderungen konnten die nächsten Tage noch an ihn stellen . Mit Heini trinken , mit dem Rittmeister Skat spielen , der Tochter hofiren , der Gräfin höflich ergeben sein , Lucys vertrauliche Andeutungen ertragen , mit dem Grafen über Obstkulturen sprechen und bei alledem Lanzenaus Augen auf sich fühlen - zu viel , zu viel ! Unmenschlich ! Fort