Denn ich habe seit vier Tagen kein Zeitungsblatt in der Hand gehabt und weiß nicht einmal , ob Gambetta mittlerweile seine Revanche genommen hat oder nicht . Ich vermute , nicht , aber es wäre mir lieb , die Bestätigung zu hören . Und zwar möcht ich sie , wenn es sein kann , von Schwester Judith hören . Ja , Judith soll lesen , hält sie doch ohnehin seit einer Viertelstunde das Zeitungsblatt in der Hand und wartet darauf , daß ich schweigen soll . Ich habe mich zwar in meinem Redestrom durch ihre stille Kritik nicht stören lassen , aber doch beständig gefühlt , daß sie mit ihrer Ungeduld und ihrer Trauermiene meinem ganzen Gruzer Komitatsvortrage das Mark ausgesogen hat . So denn zur Strafe , Judith , lies und fange mit Frankreich an . Es ist immer noch das Interessanteste . Selbst ihr Gezänk ist voller Leben . « Er sprach weiter und schien es mit seinem Verlangen , etwas aus der Welt hören zu wollen , nicht allzu dringlich gemeint zu haben . Endlich aber entsann er sich wieder und sagte : » Nun , was hast du gefunden ? Gib uns die Quintessenz . « » Ich habe nichts gefunden , Adam . All diese Zänkereien , die dich interessieren , interessieren mich nicht , und was mich wiederum interessiert , das sind Anekdoten und Notizen , über die du spöttisch hingehst . « » Es käme doch auf einen Versuch an . Ich bin schließlich auch durchaus der Mann der Anekdote . « » Nun denn , im Hospitale zu Charenton , so berichtet hier die Augsburgerin , ist hundertunddrei Jahre alt ein Mensch gestorben , den man allgemein den Glasmenschen nannte . « » Sonderbar . Ein l ' homme de fer ist mir auf meinen Weltfahrten irgendwo vorgestellt worden , ich glaub in Straßburg . Aber ein l ' homme de verre ist mir neu . Warum hieß er so ? « » Weil er sich selber einbildete , von Glas zu sein . « » Also durchsichtig ? « » Ja . « » Sagt die Notiz nichts weiter ? Du bist so einsilbig , Judith . Ich möchte mehr wissen . Wie verbracht er sein Leben ? « » Er lebte korrekt . « » Nur in der Ordnung . Wer von Glas ist , hat die Verpflichtung , korrekt zu leben ; er kann ja jeden Augenblick in seinem Triebwerk kontrolliert werden . Was meinst du , Franziska ? « Diese senkte den Blick , überwand sich aber und sagte : » Die Seele , mein ich , bleibt unsichtbar . « » Ja , die Seele . Aber es wäre schon immer was , das Herz arbeiten zu sehen . « » Es ist das so nötig nicht « , sagte Judith . » Alles hat seinen Widerschein , und auch das Herz spiegelt sich . Wir sind alle viel mehr Glasmenschen , als du glaubst , Bruder . Und es ist schließlich auch ein Glück , daß es so ist . « » Aber ein größeres noch , daß es als Regel nicht so ist . Nur der Irrtum ist das Leben . « » Oder die Wahrheit . « » Ach , die Wahrheit ? Glaube mir , Judith , die Welt bleibt ewig in der alten Pilatusfrage stecken . « Egon , als dies Gespräch schwieg , trat auf die Veranda . Dann kam er zurück und entschuldigte sich für den Tag , er habe eine Verabredung ; Fasanenjagd mit Szabô . Nach ihm erhob sich auch Franziska , der der Boden unter den Füßen brannte . War dies alles Zufall , oder war es mehr ? Sie ging auf ihr Zimmer , froh , aus dem Kreuzfeuer heraus zu sein . Nur Graf Adam und Gräfin Judith blieben , jeder anscheinend in seine Lektüre vertieft . Aber die Gräfin war es nicht , und als eine kleine Weile vergangen war , legte sie die Zeitung nieder und sagte : » Hast du noch nicht an Aufbruch gedacht , Adam ? Ich meine nach Wien . Die Tage werden kurz ... « » Und dir zu lang « , unterbrach der Graf . » Der kleine Mann unten ist freilich kein Pater Feßler ; aber Pardon , Judith , so steht nicht jeder zu dieser Sache . Was sollen wir jetzt in Wien ? Es ist noch um einen Monat zu früh , und verlängern wir die Saison um diese vier Herbsteswochen , so nehmen die Frühjahrswochen kein Ende . Zudem bin ich einigermaßen Gewohnheitsmensch und treffe nicht gern vor dem zweiten Dezember in Wien ein . Also , wenn du willst , auch ein Mann des zweiten Dezember . « » Ich würde mich nie so nennen , Adam , auch im Scherz nicht . Und nun gar du , der im Aberglauben steckt . Aber was ich dir sagen wollte : du verfällst zu sehr in deinen alten Fehler . « » Und der nennt sich ? « » Ein liebenswürdiger Egoist zu sein . Ehedem durftest du das . Aber du bist heute nicht mehr der , der du vor einem Jahre warst , und hast heute kein Recht mehr , so bon gré , mal gré von deinem gewohnheitsmäßigen zweiten Dezember zu sprechen . « » Ich verstehe dich nicht . « » Oh , du verstehst mich sehr gut ; ich seh es an dem Zucken um deinen Mund . Aber ich kann alles , was ich zu sagen habe , dir schließlich in einem einzigen Worte sagen , und dies eine Wort ist ein Name . « » Hat sie geklagt ? « » Mit keiner Miene ; solche Naturen klagen nicht . Aber ob sie nun geklagt hat oder nicht , das bleibt bestehen : du mutest ihr mehr zu , als sie tragen kann . Und wenn ich vorher von Wien sprach und von unserer Abreise dahin