weiten Land die Sänger hungern . Nach vielen Stunden sind wir endlich hinaufgekommen in das Felsental . Als wir am zerrissenen Gewände hingehen , in deren Klüften das Grauen schlummert , und als wir mitten in den niedergebrochenen Klötzen das Kreuz ragen sehen , teilt mir mein Begleiter mit , es tät ' ihm scheinen , als husche dort eine Menschengestalt zwischen den Steinen . Ich aber habe außer uns zweien niemanden bemerkt . Vor dem Kreuze stehen wir still . Auf dem Felsklotz ragt es , wie es vor Jahren geragt , wie es nach der Menschen Sagen seit unerdenklichen Zeiten gestanden . Wetterstürme sind über ihn hingezogen und haben die Rinde gelöst von dem Holze ; sie sind dem Kreuzbilde nicht weiter gefährlich worden . Aber die milden Sonnentage haben Spalten gesprengt an den Balken . - Das Himmelsauge wölbt sich in lichter Bläue über den verlorenen Weltwinkel . Die niedergehende Sonne blitzt schräge hinter dem Gefelse hervor und spinnt in den uralten , kahlästigen Baumrunen und bescheint den rechten Arm des Kreuzes . Ein braunes Würmchen kriecht über den Balken dem sonnigen Arme zu , doch kaum es den Arm erreicht , ist die Glut erloschen . - Ein Kieferschabkäfer läuft an dem Stamme empor und eilt unter das letzte Rindenschüppchen , um etwan die Puppe einer Ameise zu erhaschen . - Dem ist das bestrahlte Kreuz ein Gottesreich ; dem ist es ein Tummelplatz seines Strebens und Genießens . Unserer Gemeinde möge es das erstere sein ! Es ist gut , daß kein Mensch weiß , wer den Pfahl im Felsentale gezimmert und aufgestellt hat . Denn niemals sollen sich unter den Anbetenden jene Hände falten , die das Bild der Gottheit geschnitzt haben . Von dem Berge Sinai herab hat Moses die Gesetztafeln geholt , dem Volke als wahres Bild Gottes . Erst als die Israeliten aus ihrem eigenen Geschmeide und mit eigenen Händen ein Bild geformt , ist ein Götzenbild daraus geworden . Als wir auf den Fels gestiegen , um den Kreuzpfahl abzulösen , hat der Rüpel sein Gesicht bedeckt mit beiden Händen . » Wir brechen den Altar im Felsenkar ! « ruft er in Erregung , » bei wem soll nun im Sturme beten der Baum und das verfolgte Reh am Waldsaum ? « Mir selbst haben die Hände gezittert , als wir das Kreuz ausheben und auf unsere Schultern nehmen . Ich habe es so getragen , daß der Querbalken an meinem Nacken gelegen , wie ein Joch ; der Rüpel hat den Stamm nachgeschleppt . Und so gehen wir mit der Last hin zwischen den Klötzen und zwischen den Baumrunen . Als wir zu dem Hange kommen , da bricht die Abenddämmer an . Die ganze Nacht sind wir mit dem Kreuze gegangen her durch die Waldungen . In den Schluchten und Engpässen ist es ganz grauenhaft finster gewesen und an manch alten Stamm hat unser Pfahl gestoßen . Wo der Weg über Höhen geht , da rieselt durch das Geäste das Mondlicht , und wir schreiten hin über die weißen Tafeln und Herzen , die auf dem Boden liegen . Mehrmals haben wir das Kreuz auf die Erde gestellt und uns den Schweiß getrocknet ; gar wenig haben wir mitsammen gesprochen . Nur einmal hat der Rüpel den Mund aufgetan und folgende Worte gesagt : » Das Kreuz ist schwer und herb ; mag ' s nur tragen , bis ich sterb ' . Aber tun sie mich begraben , möcht ich ein grünes Bäumlein haben , das nicht zusammenbricht auf mein Gebein , das aufwächst gegen Himmel im Sonnenschein ! « Da ist es bei so einem Ablasten , daß neben uns eine dunkle Gestalt über den Weg huscht . Sie streckt eine Hand aus , deutet auf einen breiten Stein und dann ist sie verschwunden . Wir haben beide diese Erscheinung bemerkt , aber wir haben kein Wort gesagt , und erst , als wir auf der Wiese der Karwässer das Kreuz wieder aufrecht auf die Erde stellen , so daß dessen scharfer Schatten ruhesam über dem tauigen Grasgrunde liegt , sagt der Alte : » Wie in den bitteren Leidenstagen der Herr das Kreuz auf den Berg hat getragen , und wie er mit seinen schweren Lasten auf einem Stein hat wollen rasten , da tritt aus dem Haus ein Jud ' heraus , und sagt : der Stein gehört mein . Und der Herr schwankt weiter in seiner Pein . - Und selbiger Jud ' kann nicht sterben und ruhen , muß heut ' noch wandern von Landen zu Landen , von einem Jahrtausend zum andern , in glühenden Schuhen . « - Dann nach einer kleinen Weile fährt der Rüpel fort : » Und weil in der heutigen Nacht wir mit dem Kreuze gehen , so haben wir gar den ewigen Juden gesehen . Er hat uns geladen ein zur Ruh ' auf den Stein , das wäre gewesen nicht unsere Rast , aber die Ruhe sein . « In der Kohlstatt der hinteren Lautergräben haben uns vier Männer aus dem Winkeltale erwartet . Diese nehmen uns das Kreuz ab , legen es auf eine grünsprossige Bahre und tragen es davon . Wie wir herauskommen zu unserem Tale , da bricht der Tag an . Und es klingt und zittert ein Ton durch die Luft , der nicht vergleichbar ist mit Menschengesang und Saitenspiel und aller Musik auf Erden . Schon jahrelang habe ich diesen Ton nicht gehört , weiß ihn kaum mehr zu deuten . Wir alle stehen still und horchen ; es ist die Glocke von unserer neuen Kirche . Während wir im Felsentale gewesen , sind die Glocken angekommen und erhöht worden . Wie ich an diesem Morgen das Glöcklein gehört , da hab ' ich es nicht lassen mögen , habe laut gerufen : » Leute , jetzt sind wir nimmer allein ! Alle Gemeinden draußen läuten zu dieser Stunde ; wir haben mit ihnen den gleichen Morgengruß ,