Ehren aus der Sache ziehen und dann auch ihre Werkzeuge wieder wegwerfen könne . Sehr bedenklich aber war es , daß trotz allem Dorothee noch immer auf dem Stighof blieb . War denn die Stigerin unempfindlich für die Ehre des Hauses , oder hatte die Magd auch sie schon gewonnen ? Der Krämer , der immer gut unterrichtet sein wollte , behauptete freilich das Gegenteil , aber seiner Tochter war das nur ein schlechter Trost . Sie hätte , besonders da sie einmal die schlimmen Folgen des durch sie erregten Lärms empfand , auch etwas von der beabsichtigten Wirkung erleben mögen . Allerdings galt jetzt das sündhafte Verhältnis der beiden auf dem Stighofe für eine ausgemachte Sache ; nun aber begannen die Leute sich auch an das wunderfreundliche Paar Augen zu erinnern , welches Zusel Hansen am Kirchweihtage gemacht hatte . Dorothee lief damals von dem Burschen weg und kam doch hernach mit ihm ins Geschrei . Zusel , hieß es , war also nicht imstande gewesen , etwas zu erlächeln . Hans habe nicht so unrecht . Vielleicht komme er mit einer Armen - wenn ' s nur eine brave Person sei - weit besser durch die Welt , als wenn mit dem Halben von dem , was der Krämer erschachert , seine Zusel auf den Stighof gebracht würde . Dort sei gewiß jetzt kein unredlich erworbener Kreuzer , und schon das sei mehr für ein Ehepaar , das von vorn anfange , als wenn mit ein paar tausend erheirateten Gulden der Unstern ins Haus hineinkommen tät , wie man das schon so oft erlebt habe . Hübsch nun wäre die Zusel allerdings , aber sie wisse schon auch davon , und daß sie sich es dann zuweilen so sehr anmerken lasse , sei entschieden nicht hübsch . Zudem wisse jeder , daß man keinem ein schönes Weib und ein hübsches Roß mißgönnen dürfte , weil sie beide vornezu verdient werden müßten . Hauptsache sei für einen Besitzer des Stighofes im Grunde doch unbescholtener Name , schönes Gemüt und eine geschickte Haushälterin . Das Geld komme weniger in Betracht als die Frage , was denn sonst aus der Verwandtschaft Gutes oder Böses zu erben wäre . So sei zu urteilen ; und wenn man so urteile , müsse man die Zusel eine schöne Sache sein lassen . Freilich aber sei damit noch nicht gesagt , daß Hans darum nun gleich mit der Magd hätte anbinden sollen . Zusel , der solche Bemerkungen von den Betschwestern beinahe täglich zugetragen wurden , prüfte ängstlich , was daran wahr sei . Nebenbei suchte sie zu berechnen , welchen Eindruck nun alles zusammen auf Hansen und seine Mutter machen werde . Das konnte sie dann recht unglücklich machen . Ihre Neigung zu Hansen war doch von der Art , daß sie nicht nur ihn fangen , sondern durch eigenen Wert gewinnen wollte . Derlei Bemerkungen taten ihr daher doppelt weh . Dem und jenem wollte sie wieder eine Rede bei passender und unpassender Gelegenheit gehörig heimzahlen , wobei sie stets ungemein leidenschaftlich zu Werke ging . So verwickelte sie sich bald überall in böse Händel und wurde von den früheren Freundinnen und von allen , die es wahrhaft gut mit ihr meinten , fast ängstlich gemieden . Wenn sie nachsann , was alles in wenigen Wochen durch sie und wegen ihr geschah , dann hätte sie versinken mögen vor Scham ; und laut - um ihre Gedanken zu verscheuchen - sprach sie den Vorsatz aus , in Zukunft nur sich Hansens wert zu machen , den sie aber um jeden Preis nun haben müsse . Der wunderliche Bursche tat jetzt wieder so hölzern und fremd , als ob er nie mit ihr von der Kirchweih heim sei . Woher sollte das kommen als von dem Gerede , welches über sie umlief ? Was war also gewonnen , wenn auch Dorothee schließlich noch vom Platze kam ? Ein Gewissen freilich brauchte sie sich daraus nicht mehr zu machen . Dorothee hätte Hansen einzig nur um des Geldes willen genommen , was bei ihr - der Vater mochte schon seine Rechnungen haben - wahrhaftig nicht der Fall war . Je länger sie der Sache nachsann , desto klarer ließ es die Eigenliebe erscheinen , daß nur uneigennützige Neigung zu dem guten Burschen sie so unvorsichtig und leidenschaftlich habe werden lassen . Denn - wieviel Herzeleid hatte nicht dieser Hans ihr schon gemacht ! Hansjörg mußte einst seinetwegen fort , und ihr selbst ließ er seit Wochen keine ruhige Stunde mehr ! Auch ihrer armen Schwester schon war es früher nicht besser gegangen . Ach , jetzt auf einmal dachte sie mit ganz anderen Empfindungen als sonst an Angelika , ihre Leidensgefährtin , deren sonderbares Wesen sie früher nicht begriff , nun aber ganz gut zu verstehen meinte . Ja , Angelika war allein fähig , auch sie zu verstehen und ihr zu sagen , woran sie sich halten , wie sie sich wieder aufrichten könne . Ihre jetzigen Freundinnen , die sie eigentlich recht von Herzen verachtete , hatten sich wie Bleigewichte an ihre Schwäche gehängt und sie noch tiefer niedergedrückt . Der Vater verstand sie auch nicht , und von den mütterlichen Verwandten war schon gar nichts zu erwarten . Also zu Angelika , der edlen , die das nämliche ertrug und doch noch aufrecht zu stehen vermochte ! Ihre Angst vor Angelikas strengem Wesen half die Gemeinheit und der Leichtsinn ihrer jetzigen Freundinnen überwinden . » Alles Geschwätz , alle Schmeichelei dieser Elenden für ein Wort von ihr , der es mit Hansen gerade ging wie mir , obwohl sie ihn vielleicht eher verdient und glücklicher gemacht hätte als ich ! « rief sie eines Tages und ging , ohne sich wie sonst noch besser anzukleiden , zum Hause hinaus . Vergebens fragte der Krämer zweimal , wohin sie wolle . Dem Mädchen kam sein Gang wie ein Ergeben in sein Schicksal vor . Es dachte sich schon in der Lage der Schwester