dem Knäuelbecher , als sei es eben nur aus der Hand gelegt worden , um im nächsten Augenblick wieder aufgenommen zu werden . Quer über einem aufgeschlagenen Buche lag die Brille ; das junge Mädchen las tiefbewegt einige Zeilen - der letzte geistige Genuß , den die alte Mamsell auf Erden gehabt hatte , war die Rede des Antonius in Shakespeares Julius Cäsar gewesen ... Da drüben im Wohnzimmer stand der geliebte Flügel , und seitwärts blinkten die Scheiben des großen Glasschrankes - sie zeigten die leere Fläche der Regale , das alte Möbel hatte sich treuloserweise seine musikalischen Kostbarkeiten entreißen lassen , sie waren zu Asche zerstiebt , andere dagegen hielt es um so fester - Frau Hellwig hatte vergebens nach den Silberschätzen der alten Mamsell gesucht ... in diesem Augenblick erschrak Felicitas heftig . Das Geheimfach des Schrankes enthielt nicht allein Schmuck und Silber , in einer Ecke stand auch ein kleiner grauer Pappkasten . » Er muß vor mir sterben ! « hatte Tante Cordula gesagt ... war er vernichtet ? ... Um keinen Preis sollte er in die Hände der Erben fallen , und doch war die alte Mamsell stets zu feig gewesen , Hand an ihn zu legen . Es war mehr als warscheinlich , daß er noch existierte . Wenn das Testament den Ort bezeichnete , wo das Silber lag , dann wurde möglicherweise auch ein Geheimnis offenbar , das die Einsame mit allen Kräften der Welt zu entziehen gesucht hatte - das durfte nun und nimmer geschehen . Die Glasthür des Vorbaues war von innen verriegelt . Rasch entschlossen drückte Felicitas eine Scheibe ein und griff nach dem Riegel - er lag nicht vor , wohl aber hatte man zugeschlossen und den Schlüssel abgenommen - eine trostlose Entdeckung ! ... Ein leidenschaftlicher Grimm bemächtigte sich des jungen Mädchens gegen das Verhängnis , das ihr konsequent in den Weg trat , wenn sie hoffte , für Tante Cordula wirken zu können . In den Schmerz um die Verstorbene mischte sich nun auch die schwere Frage um das , was wohl nun kommen werde . War der Inhalt des kleinen grauen Kastens geeignet , das Gerücht bezüglich einer Schuld der alten Mamsell zu widerlegen ? Oder warf er , vielleicht mystisch und unlösbar , einen noch tieferen Schatten auf die Heimgegangene ? Sie schnitt rasch ein schönes Bouquet ab , steckte zwei Töpfe mit Aurikeln - Tante Cordulas Lieblinge - in ihren Korb und legte den Weg über die Dächer mit weit schwererem Herzen zurück , als sie gekommen war . Nun hatte dies junge Mädchen bereits drei Gräber da draußen auf dem weiten , stillen Totenfelde ! Die liebsten Menschen , die ihr warmes Herz mit Inbrunst umfaßte , deckte die Erde . Sie warf einen unsäglich bitteren Blick gen Himmel , als sie die Blumen auf Tante Cordulas frisches Grab streute - er konnte ihr nun nichts mehr nehmen ! Ihr Vater war seit vielen Jahren verschollen - er moderte wohl längst in fremder Erde ; dort drüben auf einem kostbaren Marmorblock leuchtete in Goldschrift der Name Friedrich Hellwig , und hier - sie schritt auf das Grab ihrer Mutter zu , es war , dank der Fürsorge der alten Mamsell , seit neun Jahren zur schönen Jahreszeit stets mit köstlichen Blumen bedeckt . Aber heute lag der Grabstein herausgerissen neben dem Hügel ; Heinrich hatte erst vor einigen Tagen erklärt , die Inschrift müsse endlich einmal erneuert werden , sie sei am Erlöschen - wahrscheinlicherweise war auf seinen Betrieb der Stein herausgenommen worden . Er war bis dicht an den Namen der Verstorbenen eingesunken gewesen ; heute nun zeigte er sich in seiner ganzen Länge . » Meta d ' Orlowska « las Felicitas mit verdunkeltem Blick ; aber da stand ja weiter drunten noch ein Name , den die Erde bis jetzt vollkommen verdeckt hatte . Von der schwarzen Farbe zeigte sich freilich nur noch hier und da ein schwacher Rest an den Schriftzügen ; allein sie waren in den Sandstein vertieft - » Geborne von Hirschsprung aus Kiel « ließ sich ohne Mühe entziffern . Felicitas versank in tiefes Sinnen ... Dieser Name hatte auf dem Bachschen Opernmanuskript gestanden ! er hatte ferner dem uralten thüringischen Rittergeschlecht gehört , dessen Wappen noch auf allen Wänden des alten Kaufmannshauses prunkte - das kleine silberne Petschaft in Felicitas ' Kindertäschchen zeigte aber auch denselben springenden Hirsch ... wunderbares Rätsel ! Das stolze Geschlecht , das in seinen letzten Generationen zu Hobel und Pfrieme hatte greifen müssen , war ja längst erloschen . Heinrich hatte als Kind den letzten Träger des alten Namens noch gekannt - er war jung und unverheiratet als Student in Leipzig verstorben ... und doch war vor vierzehn Jahren aus dem fernen Norden eine junge Frau gekommen , die im Elternhause den Namen getragen und das Wappen geführt hatte ... War einst ein Zweig vom alten Thüringer Stamme losgerissen und in die Ferne geschleudert worden ? ... Du stolzer Ritter , der du deine Gestalt auf der Steinplatte im alten Kaufmannshause verewigen ließest , tritt heraus aus deinem Zinnsarge und wandle über dies Gräberfeld ! Verschiedene Steine tragen deinen Namen und unter ihnen ruhen Männer mit schwieligen Arbeiterhänden , Männer , die im Schweiße ihres Angesichts ihr Brot essen mußten , während du die Ansprüche und Vorrechte deines Geschlechts bis in alle Ewigkeit verbrieft und besiegelt hinterließest , während du in dem unzerstörbaren Wahne die Augen schlossest , dein bevorzugtes Blut , die aristokratischen Hände deiner Nachkommen seien gefeit gegen die Befleckung der Arbeit ! Tritt her an dies Grab , das den Staub einer weither gewanderten Tochter deines Hauses deckt ! Das Brot , das sie aß , war ein ungleich härteres , ein verachtetes - sie mußte im Gaukelspiel vor die Menschen treten , und dies Gaukelspiel zerstörte ihren blühenden Leib ... Du hast nicht an den Wechsel gedacht , der in der Welt- und Menschengeschichte dort eine Woge gen Himmel trägt und hier einen Abgrund öffnet