herrschte ein reges Leben . Mehrere Bediente schleppten Körbe voll Silberzeug und Porzellan in ein Zimmer neben dem großen Saale . Aus den Küchenfenstern im Souterrain quollen Duftströme aller möglichen gebackenen und gebratenen guten Dinge , und in einem offenstehenden Domestikenzimmer lagen ganze Berge grünen Laubwerks und bereits fertiger Guirlanden und Kränze . Und er , zu dessen Verherrlichung sich aller Hände heute rührten und regten , er ritt einsam draußen , mit umdüsterter Seele auf Mittel und Wege sinnend , wie er dem fried- und freudelosen Leben in seinem Hause entfliehen könne ! Elisabeth ging hinüber in das Dorf , um einen Auftrag ihres Vaters auszurichten . Vor einigen Tagen nämlich hatte ein heftiger nächtlicher Gewittersturm dem baufälligen Erker im Garten wieder dergestalt zugesetzt , daß man fürchten mußte , er werde bei der leisesten Erschütterung zusammenstürzen und die ihm naheliegenden , kaum erst mit so großer Mühe hergestellten Gartenanlagen mit seinen Trümmern zerstören . Zwei Lindhofer Maurer hatten endlich Ferber versprochen , die Ruine nächsten Montag abzutragen ; da ihnen aber in bezug auf das Worthalten nicht zu trauen war , wie der Oberförster nach gemachter Erfahrung versicherte , so sollte Elisabeth sie nochmals an ihre Zusage erinnern und ihnen die Notwendigkeit ihres Kommens vorstellen . Das Resultat ihrer Wanderung war ein befriedigendes . Einer der Arbeiter hatte ihr sogar bei allem , was ihm heilig und teuer , geschworen , zu kommen , und nun schritt sie durch den stillen , einsamen Wald nach Hause . Ungefähr in der Mitte des Pfades , der vom Dorfe nach dem Forsthause lief , bahnte sich ein schmaler , nach der Burg Gnadeck aufwärts führender Weg ab . Er wurde selten betreten und wäre deshalb für ein fremdes Auge gar nicht sichtbar gewesen , denn an vielen Stellen überwucherte ihn das Gestrüpp , und das modernde Laub lag so locker aufgeschichtet zwischen den knorrigen Baumwurzeln , als sei es noch nie von der Sohle eines Menschen berührt worden . Elisabeth liebte diesen Pfad und wählte auch jetzt ihn zum Rückwege . Noch nie war ihr ein menschliches Wesen begegnet ; heute aber war sie noch nicht weit in die grüne Dämmerung vorgedrungen , als sie die Bemerkung machte , daß ungefähr zwanzig Schritt vor ihr , und zwar rechts , drunten am Abhange , neben dem Stamme einer mächtigen Buche , etwas wie ein Arm sich langsam vorwärts strecke und dann wieder zurücksinke . Sie konnte diese Bewegung um so deutlicher erkennen , als an jener Stelle die Bäume weiter auseinander traten und eine kleine Lichtung begrenzten , deren grüner heller Rasenfleck wie eine Oase mitten im Waldesdüster lag . Elisabeth schritt unhörbar und langsam weiter und kam dadurch immer näher in das Bereich jener Buche , bis sie plötzlich erschrocken stehen blieb . An dem Baume lehnte ein Mann . Er kehrte ihr den Rücken zu ; sein Haupt war unbedeckt und zeigte einen Wust ungekämmter , struppiger Haare . Einen Augenblick stand er unbeweglich , als lausche er auf irgend ein Geräusch ; dann trat er einen Schritt vor , hob den ausgestreckten Arm in die Höhe , richtete die Mündung einer Pistole hinaus nach der Waldblöße , als wolle er auf einen gegenüberstehenden Baum schießen , und ließ nach einer Weile den Arm niedersinken . » Er übt sich , « dachte Elisabeth , aber sie dachte es nur , um sich zu beruhigen , denn eine unbeschreibliche Angst hatte sich ihrer plötzlich bemächtigt ; sie wußte nicht , sollte sie vor- oder rückwärts laufen , um von dem Unheimlichen nicht bemerkt zu werden , und blieb deshalb gerade wie festgewurzelt stehen . Da schlug Pferdegetrappel an ihr Ohr . Der Mann drüben richtete sich wie elektrisiert in die Höhe . Wenige Augenblicke darauf erschien jenseits der Lichtung ein Reiter . Langsam schritt das Pferd über den weichen Wiesenboden - sein Herr hatte , in Gedanken verloren , den Zügel fallen lassen ... Der Mann mit der Pistole trat rasch zwei Schritt vor , hob den Arm in der Richtung des Reiters und wandte dabei den Kopf etwas seitwärts ... Elisabeth erkannte sofort in den todblassen , von Haß und Grimm entstellten Zügen den ehemaligen Verwalter Linke , und jener dort , den sein Pferd immer näher vor die Mündung der todbringenden Waffe trug , war Herr von Walde ... In diesem Augenblicke ging eine merkwürdige Verwandlung in Elisabeth vor . Hatte sie noch eben mädchenhaft ängstlich vor der Begegnung mit jenem unheimlichen Menschen gezittert , so überkam sie jetzt ein wunderbarer Mut , eine unbegreifliche Ruhe und Beherrschung ihrer selbst in dem Gedanken , daß sie berufen sei , zu retten ... Lautlos glitt sie vorwärts und stand plötzlich , wie aus der Erde gewachsen , neben Linke , der das Auge gespannt auf sein Opfer richtend , ihre Nähe nicht ahnte ... Mit aller Kraft , deren sie fähig , packte sie seinen Vorderarm und riß ihn zurück . Die Pistole entlud sich mit einem lauten Knalle und die Kugel schlug zischend seitwärts in einen Baum , während der Elende entsetzt zur Erde taumelte . Zu gleicher Zeit scholl ein lauter weiblicher Hilferuf durch den Wald ... Der Mörder richtete sich auf und floh in das Gestrüpp ... Drüben bäumte sich das Pferd im ersten Schrecken , dann aber flog es , von seinem Herrn angetrieben , über die Wiese und stand mit einigen Sätzen nahe bei Elisabeth , die sich totenbleich an der Buche festhielt , denn nun , nachdem die Gefahr vorüber , machte die weibliche Natur ihr Recht geltend . Das junge Mädchen zitterte am ganzen Körper , aber ein glückliches Lächeln verklärte ihr ganzes Gesicht , als sie Herrn von Walde gerettet vor sich sah . Er sprang bei ihrem Erblicken bestürzt vom Pferde ; sie aber , die eben noch eine so außerordentliche Selbstbeherrschung an den Tag gelegt , stieß einen lauten Schrei aus und drehte sich tödlich erschrocken um , als sich von rückwärts zwei Arme um ihre Schulter