von ihren Eltern schmerzlicher als sonst empfinden mußte , mit dem Anerbieten , den ersten Bauplan völlig aufzugeben und statt der Anfangs beabsichtigten Kapelle lieber gleich eine Kirche zu errichten , deren Thurm weithin sichtbar und durch Jahrhunderte ein Zeuge für die Bedeutung des Geschlechtes werden sollte , das ihn aufgerichtet hatte . Freilich mußte man sich daran erinnern , daß eine Kirche eine Gemeinde fordere und daß eine solche unter den protestantischen Landleuten nicht vorhanden sei . Aber da man es überhaupt nicht auf ein gemeinnütziges Werk , sondern lediglich und ausschließlich auf eine Selbstbefriedigung abgesehen hatte , so ließ man sich durch den Gedanken an die einsame Kirche nicht abschrecken . Die Baronin sah im Gegentheil eine Hoffnung aus dem Baue emporkeimen , der sie sich als Neubekehrte willig überließ , und sie wurde nicht müde , es sich vorzustellen , wie das goldene Kreuz des Thurmes , einst zum Ernste mahnend , über der Gegend leuchten und wie die zur Messe rufenden Glockenklänge dann heimathlich und ladend durch das Land ertönen würden . Natürlich galt es nun , sich mit dem Architekten in ein neues Einvernehmen zu setzen . Es mußten ein neuer Plan , neue Kostenanschläge gemacht werden , und diese letzteren stiegen nach dem neuen Entwurfe fast um das Sechsfache ; aber bei den Mitteln , über welche der Freiherr gebot , brauchte man davor eben nicht zu erschrecken . Wenn man die Summe auf die sechs Jahre vertheilte , welche der Architekt zur Vollendung des Baues gefordert hatte , so war es kaum nöthig , sich irgend welche wesentliche Beschränkungen aufzulegen , und der Freiherr hob dies gegen Angelika ganz besonders hervor , weil er eben in diesem Augenblicke eine Veranlassung zu ausgedehnter Gastfreiheit zu haben glaubte . Es war zu Ende des Januar , an einem scharfen , kalten Winterabende , als man dem Baron unter den Zeitungen und Postsachen , welche der Bote aus der Stadt abgeholt hatte , einen Brief überbrachte , dessen Handschrift und Wappen er zu kennen schien . Auf der Adresse stand die Weisung , daß der Brief durch einen Expressen nach Schloß Richten zu bestellen sei , und der Baron mußte die Schreiberin des Briefes - denn derselbe stammte offenbar von einer Frauenhand - werth und in Ehren halten , weil es ihn so unmuthig machte , daß man trotz der ausdrücklichen Anweisung zu besonderer Beförderung , derselben nicht Folge geleistet und den Brief mehr als vierundzwanzig Stunden hatte liegen lassen . Er stampfte ärgerlich mit dem Fuße , und noch ehe er das Siegel eröffnete , schellte er seinem Schreiber , gab ihm in kurzen Worten den Befehl , den Postmeister sofort bei seiner Behörde zu belangen , und rief , als der Schreiber sich entfernte , ihm noch ausdrücklich nach , es dem Postmeister anzuzeigen , daß man eine Klage gegen ihn eingereicht habe . Er war es eben nicht gewohnt , auf Unpünktlichkeit und Versäumniß zu stoßen , wo er zu befehlen hatte . Dann ließ er sich an dem kleinen Marmortische nieder , welcher vor dem Kamine stand , erbrach das Schreiben , und Angelika , welche , mit einer Filetarbeit beschäftigt , an der entgegengesetzten Seite des Tisches saß , bemerkte an den Mienen ihres Gatten , daß der Inhalt des Briefes ihm nahe ging und offenbar seine ganze Theilnahme in Anspruch nahm . Er schüttelte während des Lesens ein paar Mal leise das Haupt , seufzte danach und reichte endlich , nachdem er ihn beendet hatte , den Brief mit dem Ausrufe : Die arme Frau ! der Baronin hin . Von wem sprichst Du ? fragte Angelika . Von der Herzogin , entgegnete der Baron ; aber lies nur selbst , denn die ruhige , würdevolle Fassung ihres Briefes wird Dir , ich weiß es , den gleichen Eindruck machen , wie mir . Der Brief war in französischer Sprache geschrieben . » Mein theurer Baron ! « hieß es in demselben : » Trotz der langen Zeit , welche seit unseren letzten Spaziergängen in den friedlichen Gärten meines schattigen Vaudricour verflossen ist , haben wir sicherlich beide nicht aufgehört , mit jener Freundschaft und jener Achtung an einander zu denken , welche zu den unschätzbaren Gütern gehören , die kein äußeres Ereigniß uns zu rauben vermag ; und Sie werden , wenn Sie sich meiner erinnerten , sicherlich nicht geglaubt haben , daß ich in einem Lande geblieben sein könne , welches in den Grundvesten seiner religiösen , seiner politischen und seiner moralischen Existenz so gewaltig erschüttert , so völlig vernichtet worden ist , wie mein unglückliches Vaterland . Ich habe Frankreich seit fast zwei Jahren verlassen , habe , weil ich den Ereignissen , welche nicht ermangeln können , sich in Frankreich zu vollziehen , nahe zu bleiben wünschte , zuerst in Coblenz , dann in Hannover und in Dresden gelebt . Aber die Zeit des Wartens , wie kurz oder lang sie sein mag , ist immer traurig und schwer zu tragen , und wennschon ich überzeugt bin , daß von Deutschland her unserem unglücklichen Könige jetzt endlich Hülfe und Befreiung , unserem Vaterlande Erlösung aus den Händen jener Rotte von gottlosen Empörern kommen wird und muß , welche es nicht scheuen , ihre Hand zerstörend an das Heiligste zu legen , so macht das Zögern mit dieser Hülfe mich doch sorgenvoll und oftmals so verzagt , daß ich mich nach der Nähe eines Freundes sehne , dessen Theilnahme mich trösten , dessen gleiche Weltanschauung mich im Hoffen und Ausharren ermuthigen kann . Graf Veuilletot , der das Vergnügen gehabt hat , Sie im vorigen Jahre zu sehen , sagte mir in Dresden , daß Sie sich in Berlin niedergelassen , daß Sie sich verheirathet und an der Seite Ihrer jungen und edeln Gattin ein seltenes Glück gefunden hätten . Das gab mir zuerst den Gedanken , Sie und Ihre Nähe aufzusuchen und mit Ihrem Rathe nach irgend einem Asyle auszuspähen , in welchem ich mit meinem