in die Stadt gejagt war . Sollte es wohl Doctor Braun sein , der da fährt ? - der Gedanke , den Freund möglicherweise nicht zu Haus zu treffen , erweckte in Oswald den Wunsch , ihn zu sehen und zu sprechen . In wenigen Minuten - denn die Entfernungen in Grünwald sind nicht eben bedeutend - stand er vor dem Hause , welches ihm vom Kellner als Franz ' Wohnung bezeichnet war . Das Mädchen , welches die Hausthür öffnete , sagte , der Herr Doctor sei nebenan beim Geheimrath ; er sei des Abends stets beim Geheimrath . Oswald erfuhr , daß Herr Bemperlein im Salon sei - Bemperlein , der Einzige , mit Ausnahme des alten Baumann , der von seinem Verhältnisse zu Melitta wußte , der Einzige , vor dessen Begegnung er zurückbebte , dessen vorwurfsvoller Blick - im Fall er von den letzten Ereignissen noch nicht unterrichtet war - ihm gleicherweise peinlich sein mußte . Auf der Straße besann er sich erst , daß sein Fortgehen , nachdem er einmal dagewesen war , geradezu unerklärlich und lächerlich sei . Das verstimmte ihn womöglich noch mehr , als er es schon war . Er hätte sich am liebsten in den Tiefen der Erde verbergen , im Schlaf das Elend des Lebens vergessen mögen ? Im Schlaf ? weshalb nicht im Wein , wenn der Schlaf nicht zur Hand ist ? » The best of life is but intoxication , « sagt Lord Byron und dort , wo die einsame Laterne in der düstern Halle zwischen den Steinpilastern hervordämmert , ist der Eingang zum alten Rathskeller . Hinab die lange breite Treppe mit den niedrigen Stufen , hinab in den Bauch der Erde , wo man nichts fragt nach Gefühlen , die das Herz schwer , und nach Gedanken , die den Kopf wirbeln machen . Siebenzehntes Capitel Oswald kannte von seinem ersten Aufenthalte her das Local wohl . Er war gelegentlich mit Berger in dem Keller gewesen , ohne sich um die übrige Gesellschaft , die er noch etwa vorfand , zu kümmern . So hauchte ihn denn die feuchtkühle , mit dem Modergeruch der jahrhundertjährigen Mauern und der frischen Blume heurigen Weines angefüllte Atmosphäre , die ihn empfing , befreundet an , und er fand , ohne viel zu suchen , den Weg zu der niedrigen Thür , die links in die Trinkstube führte . Es war in diesem Augenblicke außer dem Aufwärter Niemand in dem langen , gewölbten , spärlich erhellten Raum , als ein einzelner Gast , der mit dem Rücken nach der Thür saß und sich durch Oswalds Eintreten keineswegs in seiner Beschäftigung stören ließ . Oswald , der , etwas von ihm entfernt , an einem kleinen runden Tische Platz genommen hatte , bemerkte nicht ohne einige Verwunderung den Berg von Schalen , der sich vor dem unermüdlichen Esser bereits aufgethürmt hatte und noch lange nicht seine höchste Höhe erreicht zu haben schien . Zum mindesten lehnte sich der Mann nur von Zeit zu Zeit in seinen Stuhl zurück , um mit augenscheinlichem Behagen ein Glas Wein zu schlürfen , und ging dann stets wieder mit einem Eifer an ' s Werk , der für die Güte der Austern nicht minder , als für die Vortrefflichkeit des Magens ihres Consumenten sprach . Die letzte Schale klappte auf den Berg herunter und die letzten Tropfen flossen aus der Flasche in ' s Glas . » Sic transit gloria mundi , « sagte der Mann . - Indessen , diese Gloria ist leicht wieder aufzufrischen . Carole , bringen Sie mir noch ein Dutzend dieser wackern Meeresbewohner und eine halbe Flasche dieses höchst schätzenswerthen Josephhöfers . Oswald horchte auf . Die Stimme war ihm sehr bekannt , sie erinnerte ihn an vergangene glücklichere Tage . Diese klare , frische Stimme hatte ihn schon manchmal erquickt und ermuthigt , wie den Gefangenen der Wind , der durch das offene Fenster seines Kerkers streicht ; sie verfehlte auch heute nicht die gewohnte Wirkung auf sein verdüstertes Gemüth . Unter Allen war dieser Mann gerade derjenige , dessen Gesellschaft ihm heute Abend willkommen war . So stand er denn auf , trat auf ihn zu und begrüßte ihn mit Lebhaftigkeit . Ah ! dottore , dottore ! rief der Austernesser , in die Höhe fahrend und die dargebotene Hand ergreifend . Sie hier ? Nun das ist doch mal ein gescheidter Einfall des sonst so dummen Zufalls ! Carole , eine ganze Flasche statt einer halben und einige Dutzend statt eines ! Bin ich Ihnen in diesem Augenblicke wirklich eine persona grata , Timm ? sagte Oswald , neben Albert Platz nehmend . Persona grata ? In diesem Augenblick ! rief Albert Timm ; Don Oswaldo , Don Oswaldo ! Ich habe Sie , bei Gott , seitdem wir in Grenwitz von einander Abschied nahmen , schmerzlich vermißt , und freue mich , freue mich sehr , daß Sie endlich wieder hier sind . Wo zum Kuckuck haben Sie denn nur so lange gesteckt ? Ich habe mich bei aller Welt nach Ihnen erkundigt . Seit wann sind Sie zurück ? Seit drei Stunden etwa . Und sind natürlich so nüchtern , wie Sie aus dem Postwagen gestiegen sind , Sie sehen wenigstens gerade so aus ; Carole , Carole ! wo der Schlingel bleibt ! Endlich ! Hier , Dottore , ist Speise für einen gesunden Magen und ein Labetrunk für ein krankes Herz ! Stoßen Sie an ! Willkommen in Grünwald ! Eine Liebe ist der andern werth , Timm ! sagte Oswald , während Albert die Gläser wieder füllte . Ich kann Ihnen sagen , daß ich mich von ganzem Herzen freue , gerade Ihnen an dem ersten Abend , den ich wieder in dieser Stadt verlebe , zuerst begegnet zu sein . Lassen Sie uns noch einmal anstoßen : auf gute Kameradschaft ! Ein Wort , ein Mann ! rief Timm , kräftig in Oswalds dargebotene Hand einschlagend . Wir wollen redlich