einen Blick auf die erleuchteten Fenster gegenüber werfen , bis das Licht nach elf Uhr erlosch und das große Gebäude in Dunkelheit versank . Leon von Poppen wurde wieder sehr aufgeregt und heiter in dem Kreise jüngerer und älterer Sünder , welche das bekannte Etablissement allnächtlich mit ihrer Gegenwart beehrten . Er war ungemein geistreich und witzig , aber ein ganz klein wenig weniger frivol als gewöhnlich . Man stellte die Vermutung auf , Fräulein Lydda von Flöte habe endlich - nachgegeben ; man ließ es nicht an ironischen Glückwünschen fehlen . Leon ließ alles über sich ergehen ; er lachte mit den Lachenden und parierte mit großem Glück manch gutgezielten Stoß , der boshaft gegen ihn geführt wurde . Er war wie in einem leichten Rausch und tat alles , diesen Rausch zu erhöhen . Je näher die Mitternacht kam , desto nervöser wurde er , desto eigentümlicher wurde seine Stimmung . Seit der Nacht , in welcher Eva Dornbluth durchbrannte , hatte er so etwas nicht gefühlt . Dem berühmten Kaffeehause gegenüber saß der Bankier in seinem Kontor nach dem Garten hinaus vor dem Hauptbuch . Er hatte die Faust auf den gewaltigen Folianten gelegt ; sein Auge blitzte Triumph . Es war eine Freude , dem breitschultrigen Mann in das charakteristische Gesicht , die eisernen , energischen Züge zu schauen . Man sah auf den ersten Blick , daß dieser Mann einen langen , mühevollen Weg voll viel Schweiß und Arbeit zurückgelegt hatte und sich nun dem Gipfel nahe fühlte . Sein Haar war grau , gefurcht die Stirn , manche Sorge war über dies Haupt hingegangen ; aber es hatte sich nicht gebeugt - - Triumph ! Sechzehntes Kapitel Viel Schutt und Trümmer fallen auf Helene Wienands Gärtchen sowie in den Hof von Nummer zwölf in der Musikantengasse Mitternacht ! Dunkelheit auf Erden ! Ein heftiger Wind blies seit einigen Tagen , Herbstahnungen bringend , über die Stadt ; aber droben am Himmelsgewölbe gingen die Sterne ruhig ihren Gang , und wie ihr Lauf bestimmt war , so waren auch die Geschicke der Menschen bestimmt , eins durch das andere , alle durch den mächtigen Willen , welcher darüber » regiert « und welcher ad libitum den einen zum Atheisten , den andern zum Akosmisten macht . Zwischen Tag und Nacht laufen sich die Menschen zu Tode wie die Maus in der Rolle ; o Mitternacht , wie feierlich und ernst klingt dein dröhnender Fußtritt ins Ohr - ein neuer Tag ! - und noch immer will das Rad nicht zur Ruhe kommen . Lauf , lauf , arme Maus ! Mitternacht ! Der Polizeischreiber Fiebiger hatte einen Tag voll drängender , häßlicher Arbeit zurückgelegt ; der Jammer der Menschheit war ihm fast an die Kehle gestiegen und hatte ihm den Atem bis zum Ersticken geraubt . Nun lag er auf seinem harten Lager und wehrte sich wieder einmal gegen die Gebilde des Tages , welche ihn bis in den Schlummer verfolgten , gegen die Geister der großen Foliobände , die noch viel , viel inhaltvoller waren als die Folianten im Arbeitszimmer des Bankiers Wienand , obgleich auch in den Zahlen der letzteren für das Auge des Kenners , des Eingeweihten manch ergreifender Bericht über menschliches Glück oder Unglück niedergelegt war . Robert Wolf lag wachend ; er hatte sich halb aufgerichtet , indem er sich auf den Ellbogen stützte , und blickte durch die Risse im alten Fenstervorhang nach den Sternen , vor welchen der Wind die Wolken herjagte . Vor einem Jahre noch hatte er den Septemberwind durch die Bäume des Winzelwaldes rauschen gehört . Wie anders war alles seit den Tagen geworden ! Der Jüngling blickte nach denselben Gestirnen , welche der Sternseher Heinrich Ulex in der nämlichen Stunde durch seinen Tubus beobachtete . Sie hatten beide das Recht zu wachen , der Forscher wie der Jüngling , jeder hatte Rätsel in sich und außer sich zu lösen . Die Liebe ist auch eine Wissenschaft , ein Streben , Forschen , Suchen nach dem Wahren , die Wissenschaft ist auch Liebe ; beide blicken empor im Streben und Suchen und Sehnen - beide blicken nach den Sternen . Aber der Wind ballte die Wolken immer mehr zusammen und jagte sie in immer schwärzern Massen vor die Sterne . Der Forscher schob sein Rohr zusammen und strich über die heiße Stirn ; der Bankier Wienand schloß das schwere Hauptbuch und schrob die Lampe nieder ; auch ihm fielen die Augen zu ; der Polizeischreiber murmelte ängstlich im Schlaf : » Da , da , haltet ihn - zu spät - schickt nach dem Henker . « Stern auf Stern verschwand am Firmament , erregt und schmerzlich beängstigt , beobachtete Robert , wie die Finsternis ein blitzendes Licht nach dem andern auslöschte . Die späten Schwärmer im Café de l ' Europe wurden allmählich immer stiller ; sie gähnten in den Kissen der türkischen Diwans , streckten die Beine immer weiter von sich und bliesen immer apathischer den Rauch der feinen Zigarren von sich . Der Kellner war im Winkel eingeschlafen . Mitternacht ! Noch stand der Sternseher am offenen Fenster und atmete das wilde , aber nicht kalte Wehen ein ; er lauschte den zwölf Schlägen , die eine Uhr nach der andern bis in weite Ferne wie ein Echo aufnahm und wiederholte . Robert schob den Vorhang ganz zurück ; kein Stern , nicht das winzigste Fünkchen war mehr zu erblicken am Himmel und auf Erden . Das Sausen in den Lüften wurde immer stärker , es fuhr durch die Höfe , um die Ecken , es fing sich in den Winkeln , umtanzte die Wetterfahnen , klapperte mit den Ziegeln , neckisch , mutwillig und leichtfertig , doch nicht boshaft . Nun schlief der Bankier bereits sicher und fest ; er war ein starker Mann , und wenn er sein Hauptbuch geschlossen hatte , so waren die Sorgen selten so kühn , sich an sein Kopfkissen zu wagen ; Herz und Hirn