zu wirken , durch ein edles Streben und eine anregende Thätigkeit sich selbst im Gleichgewicht zu erhalten . Ihr klarer Verstand erkannte das selbst , und halb berechnend , halb nur ahnungsvoll gestaltete sie darnach ihr Leben . Ziemlich zwei Jahre war sie nun verheirathet . Christoph Scheurl war nach wie vor befriedigt und stolz durch ihren Besitz , ließ sie ungehindert über seinen Reichthum verfügen und freute sich , wenn sie denselben anwendete , den Glanz und die Ehre seines Namens zu erhöhen , wie es sowohl durch Unternehmungen wie die obige geschah , als auch dadurch , daß sie die Bevorzugten des Handwerkes und der Kunst theils für sich arbeiten ließ , theils mit einem Kreise von Gelehrten um sich versammelte , und so bestrebt war , so viel als möglich nicht nur mit den andern Nürnberger Geschlechtern zu wetteifern , sondern auch den Medicäern und anderen italienischen Großen es nachzuthun , so viel es in ihren Kräften war . Daneben erfüllte Elisabeth treulich jede Pflicht der deutschen Hausfrau , war gegen ihren Gemahl so aufmerksam wie er gegen sie , und wie er sie , ließ auch sie ihn gern in allen Stücken gewähren . Bei ihr war die Begeisterung für die Kunst und alle höheren allgemeinen Angelegenheiten aus innerster Empfindung hervorgegangen , zum wahren Lebensbedürfniß geworden ; bei ihm war nur Eitelkeit und Ehrgeiz dabei das leitende Motiv , im Uebrigen lebte er seinen Geschäften als Kaufmann und Rathsmitglied , und fand mehr Gefallen an Zechgelagen und Schmausereien als an gelehrten Gesellschaften und Kunstbestrebungen . Gern überließ er diese seiner Gemahlin , und diese grollte ihm ebenso wenig darüber , wenn er Tage und Nächte außer dem Hause in wüsten Gesellschaften zubrachte , die trotz der Betheiligung vornehmer und hochangesehener Rathsmitglieder keineswegs zu den mäßigen und sittenreinen gehörten . So lebte dies Paar glücklich und zufrieden vor den Augen der Welt ; der Gatte war es wirklich , denn ihm genügte dieser äußere ungestörte Lebensgenuß , und sein Herz , das wohl einst auch Leidenschaften gekannt und wärmere Empfindungen , war jetzt doch längst alt und kalt geworden , nicht mehr gemacht für zartere Regungen , die in seinem männlichen Alltagsleben , dessen Freuden im wechselnden Besuch der Trinkstuben und größerer Gastereien bestanden , gänzlich untergegangen . Elisabeth gehörte zu den edlen Frauenseelen , welche von sittlichen Grundsätzen erfüllt still dulden und entsagen , und den Schein des Glückes bewahren , auch wo sie dieses selbst als verloren erkennen , um sich so wenigstens vor dem Mitleid zu sichern , das sie wie eine Schande empfinden , wenn die Lebensschicksale , welche es hervorrufen , nicht , wie z.B. schmerzliche Verluste durch den Tod , Sendungen einer höheren Macht sind , sondern Folgen eigener und fremder menschlicher Handlungen . Ueber ein Jahr war vergangen , seit sie auf ' s Neue das Opfer eines Complots hatte werden sollen , das Eberhard von Streitberg gegen sie eingeleitet . Die Erschütterungen , welche damit verbunden waren , das plötzliche Wiedersehen , der Schrecken , die ganze nächtliche Scene eines blutigen und ungewissen Kampfes , wohl auch der lange Aufenthalt nach solcher Erregung im feuchten Walde und der nächtlichkalten Luft - dazu der Entschluß , vor wie nach über Eberhard von Streitberg zu schweigen und das , was er ihr einst gewesen war , und dabei doch die Furcht , Alles , was ihr Stolz jahrelang verschwiegen , verrathen zu sehen ; die Anstrengung , um das demüthigende und schmerzende Geheimniß zu bewahren , alle verfänglichen Fragen zurückzuweisen , auch der Kummer und die Sorge um die doch nur um ihretwillen im Gefecht Verwundeten oder Erschlagenen - obwohl damals ein nach dem Recht des Stärkeren gemordetes Menschenleben selbst auf ein zartes weibliches Gewissen nicht mit so zermalmender Qual fiel , wie in späteren menschlicheren , zu höheren Anschauungen und reinerer Sittlichkeit geläuterten Jahrhunderten : so war dies Alles vereint doch genug , mit Elisabeth ' s Seele auch ihren Körper zu ergreifen und sie auf das Krankenbett zu werfen . Herr Scheurl hatte sich beeilt , alle gelehrten Aerzte und Wunderdoctoren Nürnbergs um ihr Lager zu versammeln , so daß sie der eine mit seinen Mixturen und Salben immer mehr quälte als der andere , der eine ihr am Fuß , der andere am Arm zur Ader ließ , so daß sie - Dank ihrer guten Natur , aber wahrscheinlich trotz der Kunst der Aerzte - zwar mit dem Leben davon kam , aber doch erst , als es draußen wieder Lenz ward , sich nach Monden voll Fieber und Qualen wieder zu erholen begann . So war ihre Krankheit auch die natürliche Ursache , daß sie , in der ersten Zeit völlig bewußtlos und dann nur mit ihren Angehörigen und der Dienerschaft in Berührung kommend , weder irgend eine Aufklärung über das gegen sie geschmiedete Complot erhielt , noch einem ähnlichen zum Gegenstand dienen konnte - und später wollte sie selbst lieber Alles vergessen wissen , als noch durch Fragen daran erinnern . Noch ehe sie selbst erlag , hatte sie den berühmtesten Bader zu den verwundeten Baubrüdern gesandt , und er hatte ihr die Nachricht gebracht , daß der eine leichter verwundet sei , der andere aber , Ulrich von Straßburg , sehr gefährliche Wunden habe , ohne Bewußtsein sei und wahrscheinlich sterben werde . Die Mutter des blonden Hieronymus , bei dem er wohne , pflege ihn , wenn der Baubruder in der Hütte arbeite . » Für mich gestorben ! « hauchte Elisabeth - und von da an verlor sie die Besinnung . Anfangs , in ihren Fieberphantasien war sie immer mit Ulrich beschäftigt , sah ihn verwundet vor sich liegen , betete bald für ihn als ihren Retter , und schalt ihn bald , daß er sich überall in ihren Weg dränge , nur um sie zu demüthigen , sie wieder an die Schmach zu erinnern , die er ihr bereitet , als er die Rose aus ihrer Hand auf das Judenmädchen warf .