es der Anstand zu erfordern . Weiß er , wen er uns gerettet oder nicht ? fragte sich der Graf . Hat Jean Carlo geschwiegen ? - Uebrigens , fuhr Gotthard fort , konnte die ganze Sache mislingen und ich selbst gefänglich eingezogen werden , auf diesen Fall wünschte ich meine Ehre gesichert und meine Papiere , die ich versiegelt der Frau Gräfin übergab , in besserem Gewahrsam , als sie in meinem Zimmer es sein konnten . Diesen Umstand hat sie mir verschwiegen ! dachte Roderich . Und bei meiner Frau , bei einer Dame , glaubten Sie dieselben gesichert ? Sie waren nicht der Art , der Frau Gräfin irgend einen Nachtheil bringen zu können - Aber , unterbrach ihn der Graf , mit immer steigendem Aerger , ich werde dennoch nie begreifen , wie Sie hierin irgend ein Verhältniß zu meiner Nichte ahnen konnten ? Ahnungen begreift man wol überhaupt nicht , erwiderte Gotthard fast lächelnd , aber in durchaus höflichem Tone . Der Graf stand auf , ging erst eine Weile im Zimmer auf und ab und stellte sich dann an ' s Fenster . Er bemerkte drüben seine Frau , die noch auf Leontinen wartete und in unbeschreiblicher Traurigkeit still vor sich hinblickte . Das verstimmte ihn noch mehr . Ich bitte Sie , Herr Gotthard , mir aufrichtig zu sagen , was Sie von dieser unglücklich-unklaren Geschichte wissen ; die ganze Sache greift so traurig in unser Aller Dasein ein . In Ihr Dasein ? rief Gotthard erbleichend . Mein Gott , da liegt vielleicht ein zweites Geheimniß vor , dessen Fäden ich unbewußt erfaßt ! - Ich halte den jungen Mann für geborgen . Durch besondern Zufall hatte ich den Paß eines verstorbenen Landsmannes , eines Architekten , der am Tage vor seiner Abreise von hier plötzlich erkrankte und verschied , er war mit mir vom Rhein hergezogen . Das Signalement paßte ungefähr , es mußte auch dem Glücke etwas zu thun übrig bleiben . Geld hatte der Graf . Ich war über des Nachbars Dach zu ihm geklettert , weil er auf mein wiederholtes Pochen an seine Kammerthür nicht öffnete und ich nicht Madame Sophiens Losungswort wußte . - Als ich an ' s Fenster klopfte , entschloß er sich endlich , mich zu hören , ließ mich aber nicht sogleich ein , sondern begann unsere nähere Bekanntschaft damit , mir ein Pistol auf die Brust zu setzen . Den Teufelskerl amusirt die Gefahr ! dachte Kronberg und seine Jugend flog ihm wie eine Lichtwolke vorüber . Gotthard erzählte fort : Allmälig überzeugte ich ihn ; wir verständigten uns , ich stieg durch ' s Fenster zu ihm ein ; er gab meinen Gründen nach . Einen Hausschlüssel hatte ich , und wir verließen vor Tagesanbruch zusammen das Haus und er - die Stadt . Und , fragte Roderich , und - er sagte Ihnen , wer er sei ? Gotthard zögerte einen Augenblick , dann erst antwortete er : Allerdings ; es war der Jüngere der beiden Grafen Viatti . Und wie erfuhr meine Nichte - ? Er schrieb ihr ; ich machte die Aufschrift und legte das Blatt in die Stadtpost . Und Sie wußten , daß ein Preis auf seinem und seines Oheims Kopf steht ? Wenn ich das nicht gewußt , was hätte mich dann vermögen sollen , meine eigne Existenz zu gefährden ? Herr Gotthard , sagte der Graf kurz , das Alles hätten Sie für mich als Gesandten gethan ? Gotthard ward todtenblaß , die directe Frage überwand ihn , er war nicht darauf gefaßt . Kronberg maß ihn von Kopf zu Fuß ; in den Triumph des mühsam errungenen Sieges mischte sich das Gefühl einer undeutlichen Qual und eines sich steigernden stolzen Widerwillens , er sprach nun sehr besonnen : Und wenn die Sache mislang , junger Mann ? Und wenn Ihr unbedachtsam rascher Schritt den Grafen Viatti , dessen Verhältnisse nicht zu kennen Sie vorgeben , auf ' s Schaffot gebracht hätte , was dann ? - Mit ihm sterben ? Davon konnte keine Rede sein , ich mußte Sie retten , und hätte ich Sie für wahnsinnig ausgeben müssen , und hätte Sie gerettet ; aber - brachte Sie das Ihrem phantastischen Ziel auch nur um eine Linie näher ? Welche fabelhafte Brücke hofften Sie aus diesem Wagstück sich zu erbauen ? Von der Sonderbarkeit des Mittels , sich bemerklich , ausgezeichnet oder gar vorgezogen zu machen , wollen wir gar nicht reden ! Jetzt verstand Gotthard wirklich nicht . Langsam wiederholte er : Bemerkt ? vorgezogen ? - Hatte denn der Graf eine Ahnung , einen Verdacht ? Ihn überschlich eine schneidende Eiseskälte , die sein Blut erstarren machte . Er schwieg . Es sollte mir unsäglich lieb sein , nahm Kronberg das Wort , wenn Sie mich wirklich nicht verständen ! Und doch , erwiderte der junge Mann , muß ich nun um eine Erklärung Sie ersuchen . Vor etwa vier Wochen begegnete Professor Schulz zuerst auf der Treppe Ihrer Etage dem Grafen ; dasselbe geschah mir wenige Tage darauf bei einem Auflauf in der Gasse , den die Arrestation einiger Carbonaris veranlaßte ; es ward mir nun die Gewißheit , daß mehre Mitglieder Ihres Hauses um seinen Aufenthalt in Bern wußten und vielleicht auf unvorsichtige Art denselben zu verbergen suchten . Eine Woche später , im Augenblicke der wiederholten Bekanntmachung einer sehr geschärften Fremdenordnung , die ihm die Flucht abschnitt , entdeckte ich sein Versteck . Gestern erfuhr ich Ihre Rückkehr und Ernennung zum Gesandten in Wien ; es war leicht , die Unannehmlichkeiten zu errathen , welche Ihnen aus dieser Angelegenheit entstehen mußten . Die Verhältnisse , in denen Graf Viatti hier im Hause stand - oder mir zu stehen schien . Also wußten Sie es doch ? Ich erwähnte ja wol schon , daß ich Sophiens Worte : ce n ' est pas lui ! zufällig gehört . Mir schien die einzige Lösung aus einem Gespräch mit ihm