Niederland . In den Wagen gesetzt , mit dem alten Jochem , der noch verwirrter ist , als ich , und von Stadt zu Stadt nachgesprengt , bis ich denn hier vorläufig vor Anker gegangen bin . Ich habe nämlich den Jochem allein weiterspüren lassen , denn vor allen Dingen ist Inkognito nötig , wenn wir ihn entdecken wollen , und mich erkannten die Leute überall für das , was ich war . Weiß Gott , wie es zuging , da ich mir doch alle Mühe gab , mich zu verstellen . Des Inkognitos wegen ist auch der Wagen in Koblenz stehengelassen worden . Von da fuhren wir per Post , oder gingen auch streckenweise . Ich freue mich , wie ein Kind , daß ich die Geschichte vom Herzen heruntergebeichtet habe , denn nun darf ich von Dingen schreiben , die angenehmer sind . Nicht sagen kann ich Dir , wie wohl mir hier zumute geworden ist in der Einsamkeit der westfälischen Hügelebene , wo ich bei Menschen und Vieh seit acht Tagen einquartiert bin . Und zwar recht eigentlich bei Menschen und Vieh , denn die Kühe stehen mit im Hause zu beiden Seiten des großen Flurs , was aber gar nichts Unangenehmes oder Unreinliches hat , vielmehr den Eindruck patriarchalischer Wirtschaft vermehren hilft . Vor meinem Fenster rauschen Eichenwipfel , und neben denen hin sehe ich auf lange , lange Wiesen und wallende Kornfelder , zwischen denen sich dann wieder jezuweilen ein Eichenkamp mit einem einzelnen Gehöfte erhebt . Denn hier geht es noch zu , wie zu Tacitus ' Zeiten . » Colunt discreti ac diversi , ut fons , ut campus , ut nemus placuit . « Darum ist denn auch so ein einzelner Hof ein kleiner Staat für sich , rund abgeschlossen , und der Herr darin König , so gut als der König auf dem Throne . Mein Wirt ist ein alter prächtiger Kerl . Er heißt Hofschulze , obgleich er gewiß noch einen andern Namen führt , denn jener bezieht sich ja nur auf den Besitz seines Eigentums . Ich höre aber , daß dies überall hier so gehalten wird . Nur der Hof hat meistenteils einen Namen , der Name des Besitzers geht in dem der Scholle unter . Daher das Erdgeborne , Erdzähe und Dauerbare des hiesigen Geschlechtes . Mein Hofschulze mag ein Mann von etlichen sechzig Jahren sein , doch trägt er den starken großen knochichten Körper noch ganz ungebeugt . In dem rotgelben Gesichte ist der Sonnenbrand der fünfzig Ernten , die er gemacht hat , abgelagert , die große Nase steht wie ein Turm in diesem Gesichte , und über den blitzenden blauen Augen hangen ihm weiße struppige Brauen , wie ein Strohdach . Er gemahnt mich , wie ein Erzvater , der dem Gotte seiner Väter von unbehauenen Steinen ein Mal aufrichtet und Trankopfer darauf gießt und Öl , und seine Füllen erzieht , sein Korn schneidet , und dabei über die Seinigen unumschränkt herrscht und richtet . Nie ist mir eine kompaktere Mischung von Ehrwürdigem und Verschmitztem , von Vernunft und Eigensinn vorgekommen . Er ist ein rechter uralter freier Bauer im ganzen Sinne des Worts ; ich glaube , daß man diese Art Menschen nur noch hier finden kann , wo eben das zerstreute Wohnen und die altsassische Hartnäckigkeit , nebst dem Mangel großer Städte den primitiven Charakter Germanias aufrechterhalten hat . Alle Regierungen und Gewalten sind darüber hingestrichen , haben wohl die Spitzen des Gewächses abbrechen , aber die Wurzeln nicht ausrotten können , denen dann immer wieder frische Schößlinge entsprossen , wenngleich sich diese nicht mehr zu Kronen und Wipfeln zusammenschließen dürfen . Die Gegend ist durchaus nicht , was man eine schöne nennt , denn sie besteht lediglich aus wellenden Hebungen und Senkungen des Erdreichs , und das Gebirge sieht man nur in der Ferne ; ' s ist dieses auch mehr eine finstre Berglehne , als eine schönliniierte Kette . Aber eben ihre Anspruchslosigkeit , daß sie sich nicht aufgeputzt einem gegenüberstellt , fragend : » Wie gefall ' ich dir ? « sondern bis in die kleinsten Partikeln als fromme Schaffnerin dem Anbau durch menschliche Hände dient , macht sie mir doch sehr wert , und ich habe gute Stunden auf meinen einsamen Streifereien genossen . Vielleicht tut der Umstand auch das Seinige , daß mein Herz einmal wieder ganz ungestört seine Pendelschwingungen ausschwingen darf , ohne daß vernünftige Leute am Uhrwerke rücken und drehen . Poetisch bin ich sogar geworden , was sagst Du dazu , mein alter Ernst ? Hab ' etwas hingeworfen , wozu mich ein göttlichschöner Sonnentag , den ich vor Zeiten in den Waldgründen des Spessart verlebte , zuerst anspornte . Ich glaube , es wird Dir gefallen . Es heißt : » Die Wunder im Spessart « . Am liebsten sitze ich droben auf dem Hügel an einem stillen Platze zwischen den Kornfeldern des Hofschulzen , die dort zu Ende gehen . Man hat eine geräumige mit Kraut und Brombeergebüsch bewachsene Einsenkung des Bodens vor sich ; rings im Kreise um sie her liegen große Steine , einer , gerade dem Felde gegenüber , ist der größte , über dem spannen drei alte Linden ihre Zweige aus . Dahinter rauscht der Wald . Die Stelle ist unendlich einsam und beschlossen und heimlich , besonders jetzt , wo man im Rücken das mannshohe Korn hat . Da droben bin ich viel . Freilich nicht immer in sentimentaler Naturbetrachtung , es ist auch mein gewöhnlicher abendlicher Anstandsort , von wo ich dem Schulzen die Reh ' und Hirsch ' aus dem Korn schieße . Sie nennen den Platz den Freistuhl . Vermutlich hat also dort vor alters das Femgericht im Schrecken der Nacht seine Verdikte ausgebrütet . Als ich meinem Schulzen ihn lobte , ging eine Freundlichkeit über sein Gesicht . Er versetzte nichts , nahm mich aber nach einiger Zeit ohne Veranlassung mit auf eine Kammer im obern Stock des Hauses , öffnete dort