einer so weiten Reise nicht wagen durfte , nur sich selbst und der Obhut eines Dieners zu überlassen . Betragen wir uns nicht wie Kinder ? und zwar wie recht verzogene , verwöhnte Kinder , die sich anstellen , als ob wunder großes Unrecht ihnen widerführe , wenn es nun endlich heißt : für heute ist es genug , morgen kommt wieder ein Tag : sprach Helena lächelnd zu ihrem im bangen Vorgefühle des nahen Abschieds versunkenen Freunde . Morgen ! seufzte Richard , und welche Reihe unheilbringender Tage , die ich fern von Dir hinleben muß , wird vielleicht dem folgen , der morgen anbricht ! Helena ! wüßtest Du , wäre es möglich daß - doch nein . Aus einigen Äußerungen , die Dir zuweilen entschlüpfen , möchte es mir zwar scheinen , als ob - doch es ist unmöglich . Wie könntest Du in dieser heitren Unbefangenheit verharren , wenn Du nur auf das Entfernteste ahnetest , welche Greuel eine Menschenbrust , dicht neben Dir , verschließen kann ! Morgen reise ich ! wer kann vorhersehen , ob meine Entfernung von Dir sich nicht über die ihr vorgezeichnete Grenze ausdehnen wird ? Ich gehe mit beklommener Brust und centnerschwerem Herzen . Gieb mir den einzigen Trost mit auf den Weg , der einigermaßen mich beruhigen kann ; gestehe mir nur das Einzige , weißt Du , oder kannst Du wenigstens errathen , was es ist , das , gerade in dieser Zeit , auch die kürzeste Trennung von Dir und den Deinen mir so ungewöhnlich , so grenzenlos erschwert ? Wie magst Du nur mit solchen dunklen Fragen und Anspielungen diese Stunde uns verderben ! erwiederte Helena . Indessen , setzte sie nach kurzem Bedenken hinzu , da es doch scheinen will , als ob Du ohne meine Antwort nicht mit Dir selbst fertig werden kannst , so will ich auch hierin Dir willfahren , und Dir gestehen , nicht was ich blos errathe , denn mit dergleichen pflege ich mich nicht abzugeben , sondern was ich wirklich weiß . Mit diesen Worten stand sie auf , und trat dicht vor ihn hin ; Richard blickte forschend sie an , als wolle er durch ihre Augen bis in das Innerste ihrer Seele dringen ; seine zitternde Hand umschloß die ihrigen , die sie ihm ruhig überließ , sein ganzes Wesen deutete auf heftig gespannte Erwartung ; Helena schien das alles nicht zu bemerken . Achte genau auf meine Worte , schiebe keinem derselben eine andere Auslegung unter , denn wörtlich wie ich es meine , so spreche ich es auch aus , fing sie sehr ernst und bedeutsam an ; was ich weiß , sollst Du jetzt erfahren . Fürs erste weiß ich , daß es Frauen nicht ziemt in Geheimnisse eindringen zu wollen , an welchen öffentlich Theil zu nehmen ihr Geschlecht ihnen verwehrt . Dann weiß ich aber auch , daß Männer durch halbverständliche Andeutungen und Fragen ihnen dieses bescheidene Zurücktreten nicht erschweren sollen , indem sie dadurch obendrein sich selbst der Gefahr aussetzen , in einem unbewachten Augenblicke das , was ihnen das Heiligste sein muß , ihr feierlich gegebenes Wort zu verletzen . Sie dürfen nie vergessen , daß selbst in dringender Todesgefahr dieser Ausweg ihnen verschlossen bleiben muß . Schweigend soll der Mann untergehen , schweigend sogar die Geliebte ins Grab sinken sehn können , wenn nur Meineid sie retten kann . Die schmerzlichste Trennung müßte ja einer solchen That unausbleiblich folgen ; weit schmerzlicher als der Tod muß es sein , in dem einst Geliebten einen Wortbrüchigen verachten zu müssen . Helena schwieg . Richard schlug , geblendet von der Hoheit , welche in diesem Augenblicke sie umstrahlte , die Augen nieder . Sie sah ihn lange und fest an ; ich sehe , Du hast mich verstanden , sprach sie leise . Sieh nicht so schwarz in unsre schöne Welt hinein , in unser an Hoffnungen so reiches Jugendleben : nahm sie lächelnd wieder das Wort , als Richard in düsterm Schweigen noch immer vor sich hinstarrte . Was für ein Unheil ist es denn , das uns heute bedroht ? eine Trennung von höchstens dritthalb Monaten , denn Deinen Urlaub wirst Du gewiß nicht überschreiten wollen . Und nach so viel Sorge , Angst und Nachtwachen am Krankenbette , bedarfst Du zu Deiner Erholung dieser Reise fast nicht weniger als Dein Freund , den Du in die Arme seiner Familie zurückführen willst . Unbegreiflicher Verrath eines heiß geliebten Mädchens hat , wie ich von Eugen vernahm , den Armen dem Wahnsinne , und beinahe dem Tode zugetrieben . Nicht nur die Untreue der Geliebten , viel Gräßlicheres noch hat eine Wunde ihm geschlagen , die keine Zeit heilen kann , sprach Richard . Ich denke das Erste allein wäre genug , um seinen traurigen Zustand zu erklären , fiel Helena ihm ein : übrigens habe ich , so viel ich weiß , ihn nie gesehen ; es wäre indiskret , in seine nähern Verhältnisse eindringen zu wollen . Richard sah ein , daß Helena absichtlich alles vermied , was zu Erläuterungen führen konnte , denen auszuweichen sie fest entschlossen war ; er fügte sich ihrem Willen , so schwer es ihm auch wurde . Ihre beiden Brüder kamen jetzt hinzu , um den Freund vor seiner Abreise noch einmal zu sehen . Ihre Gegenwart löste jeden Mißton in Richards Gemüth , Helena suchte in der gemäßigteren Stimmung ihn zu erhalten , die allmälig sich seiner bemächtigte , und die Anmuth ihres Geistes trug auch diesmal den Sieg davon . Ehe er sich dessen versah , hatte er von der Geliebten Abschied genommen , um sich nun zu ihrem Vater zu begeben , der ihn erwartete , und der ruhigere Schlag seines nur noch von wehmüthigem Trennungsschmerze erfüllten Herzens , das vorhin in wilder Aufregung tobend , ihm die Brust zu zersprengen drohte , erschien ihm selbst beinahe wie ein Wunder . Fürst Andreas saß an seinem Schreibtische , als