saß . Er trug einen ziemlich verbrauchten Rock von weißlicher Farbe , und einen Hut mit breiter Krempe , der das Antlitz verschattete . Was davon noch zu sehen gewesen wäre , bedeckte zum Teil wieder eine schwarze Binde , die über dem linken Auge und über der Wange lag . » Wer ist der Mensch ? « fragte die Rektorin , welche jetzt , geführt von Hermann , zum Platze gekommen war . » Ein armer Spätrückkehrender aus Spanien , wie er sagt , wo er die sonderbarsten Schicksale erlebt haben will « , versetzte der junge Schulmann . » Er wandert zu seinen Eltern , die noch weit von hier wohnen sollen . Da er nicht Geld genug hatte , um in der Stadt einzukehren , so hat er seine paar Groschen dem Hirten gegeben , der ihm dafür auf einige Tage Obdach gewähren will . Er hat sich nach Ihnen und Ihrem Gemahle eifrig erkundigt , wie mir der Hirt sagte . « Die Rektorin trat auf den Verhüllten zu , und fragte ihn : » Kennen Sie uns ? Wissen wir etwas von Ihnen ? « » Wohl schwerlich « , versetzte der Fremde mit einer tiefen und rauhen Stimme . » Ich hatte nur von Ihnen , als von mildtätigen Leuten gehört , und da mein Weg noch weit ist , und mein Geld mir ausgegangen war , so ließ ich mir Ihr Haus beschreiben . Sie um eine Gabe anzusprechen . « Sie erwiderte ihm etwas Freundliches und reichte ihm vorderhand , was sie bei sich trug , mit gutmütiger Einladung auf Speise und Trank in ihrem Hause . » Wenn ich auch den Bettlern sonst eben nicht hold bin « , mit diesen Worten wandte sie sich an Hermann , » so bekommt doch jeder Soldat etwas , der aus der Kriegsgefangenschaft in den fremden Ländern , wohin unser junges deutsches Blut geschleppt wurde , zurückkehrt . Mit diesen Almosen ehre ich das Andenken meines umgekommnen Sohns . « Hermann , dem es lieb war , daß sich die Gelegenheit zu einer von ihm ablenkenden Unterredung darbot , erkundigte sich nach diesem Hausunfall und hörte ein Geschick , wie es durch die ungeheuren Kriegsereignisse leider so vielen deutschen Familien bereitet worden ist . Die Rektorin erzählte ihm , daß ihr ältester Sohn , ein wilder siebenzehnjähriger Bursche , mit dem der Vater nie zurechtkommen können , im Jahre Zwölf ihnen fortgelaufen und der Fahne des Eroberers nach Rußland gefolgt sei . Bis Smolensk , ja bis zur Moskwa habe er , da er bald seinen Schritt bereut , noch Nachricht gegeben , nachher sei er verschollen . » Wir hatten nach dem Frieden alle möglichen Erkundigungen angestellt , wir hatten , da diese nichts fruchteten , ihn betrauert und ihn darauf zu den Toten geschrieben « , fuhr die Rektorin gleichmütig fort . » Da machte er uns vor kurzem auf einmal wieder Unruhe . Ein hübsches Erbteil , welches ihm angefallen ist , und auf welches wir nach seinem Tode Anspruch haben , kann von uns nicht erhoben werden , bevor er nicht bei den Gerichten förmlich für tot erklärt worden ist . Und dieses Geld käme uns grade jetzt sehr zustatten , da die Bibliothek eines Professors in H. aus freier Hand verkauft werden soll , die der ganze Herzenswunsch meines Mannes ist , weil sie die Lücken seiner eignen vollständig ergänzt . Auch den beiden halben Liebesleuten da soll die Todeserklärung helfen . Zu den törichten Streichen meines Sohns gehörte auch , daß er sich mit Wilhelminen , welche damals sechzehn Jahre alt war , alles Ernstes versprochen hatte . Die Sache ist natürlich veraltet , der Konrektor und sie geben ein gutes Paar ab , sie ist auch mit ihm einig ; dann aber kommen wieder Tage , wo ein überspannter Begriff von Treue in ihr aufwacht , wo sie Gewissensbisse empfindet , daß sie einem Zweiten angehören wolle , ehe sie noch völlig überzeugt sei , daß der Erste nicht mehr unter den Lebendigen wandle - kurz auch da wird der Ausspruch nötig sein , daß der Tote wirklich tot sei , um alles zum Abschluß zu bringen . Wir haben viele Umstände von dieser Angelegenheit gehabt , mein Alter war deshalb nach S. gereist , ich hoffe , daß er seinen Zweck erreicht hat . « In dieser Erzählung fuhr sie noch eine Zeitlang fort , und sprach über die Dinge , welche sie und ihr Haus betrafen , mit derselben Rückhaltlosigkeit , welche ihr in Reden über fremde Verhältnisse eigentümlich war . Hermann , welcher diesen Geschichten etwas zerstreut zuhörte , und seine Augen umherschweifen ließ , bemerkte , daß der Fremde von seiner Bank gespannt lauschte , und das Haupt nicht von der Redenden abwandte . Indessen war das Getränk am Feuer zubereitet worden , Cornelie und Wilhelmine verteilten die Tassen und als hätte die Nachahmung der » Luise « vollkommen getreu werden sollen - die Löffel waren wirklich vergessen und mußten durch Birkenstäbchen ersetzt werden , die der Konrektor rasch zu dem Zwecke zu liefern wußte . Cornelie hatte , da dieser sich seinen Platz neben Wilhelminen nicht rauben ließ , neben Hermann sitzen müssen , machte ihn aber ihrer Nähe nicht froh , sondern benutzte jeden Vorwand , um aufzustehn und etwas zu besorgen . Als es Abend werden wollte , kam der Rektor den Hügel herauf . Zugleich erschien von der Wiesenseite der Hirte , welcher sein Vieh eintrieb . Sie begegneten einander auf halbem Wege und der Rektor , welcher mit dem Hirten immer seinen archäologischen Verkehr hatte , begrüßte ihn , und sagte : » Wie geht es dir , männerbeherrschender Sauhirt ? « » Herr Rektor « , versetzte der Hirt , » Sie wissen es ja , daß ich keine Schweine hüte , sondern nur Ziegen-und Schafvieh . Und was die Männerbeherrschung angeht , so bin ich froh , wenn ich meine Herde in Ordnung halte , mit