ächt bourbonischem Gesicht der höchste Ausdruck von Trauer geschrieben stand , mit der tiefsten und ehrerbietigsten Verneigung Platz . Fürchte jedoch nichts von mir , es war lediglich die Ehrfurcht vor dem Unglück . Heiterer sah der Herzog von Angoulème aus , und schien sich den resoluten Muth , der ihn in mannigfach mißgünstigen Schicksalen seines Lebens stets ausgezeichnet , auch jetzt noch bewahrt zu haben . Den kleinen Duc de Bordeaux hatte ich noch nicht genau gesehen , und ich folgte daher dem Zuge nach der berühmten , dem heiligen Wenzel gewidmeten Kapelle dieser Kirche . Die St. Wenzel-Kapelle , die sich gleich rechts vom Haupteingange befindet , ist die reichste an alten merkwürdigen Reliquien , Denkmälern und heiligen Erinnerungen . Sie war von Anwesenden ganz angefüllt , und es herrschte eine eigene , ängstliche , drückende Stille , während die verbannte Familie vor dem Altar stand , und sich von dem Priester die aus mehreren Kästchen und Schränken hervorgeholten Kostbarkeiten und Heiligthümer vorzeigen ließ . Der kleine Herzog von Bordeaux hat ein hübsches , kluges , verstandvolles Gesicht , mit einer sehr gemäßigten Bourbonicität der Nase , dazu etwas Keckes und in die Zukunft Blickendes in seinem Auge , was , zugleich mit einer Beimischung von leiser , noch knabenhafter Trauer , ihm einen höchst interessanten Ausdruck gab . Ich muß gestehen , seine Erscheinung , die ich mir anders gedacht , gefiel mir ganz außerordentlich , und ich hatte mich dicht in seine Nähe gedrängt , um ihn recht beobachten zu können . Hinten in der Ecke der Kapelle standen zwei alte weißbärtige Franzosen zusammengekauert , allem Anschein nach mitausgewanderte , begeisterte Legitime , die den kleinen Duc , den einzig übrig gebliebenen Gegenstand ihrer Hoffnungen , das einzig sichtbare Pfand der wiederherzustellenden Legitimität Frankreichs , mit leuchtenden Augen unverwandt betrachteten . Ich sah bald auf diese alten merkwürdigen Henriquinquisten hin , die von dem Anblick ihres letzten Bourbonen ordentlich trunken schienen , bald auf den jungen , hoffnungsvollen Henri selbst , der sich von der Herzogin von Angoulème erst dazu am Arm stoßen ließ , um eine ihm von dem Priester vorgehaltene Reliquie zu küssen . Ich nahm das für ein gutes Zeichen , und obwohl ich in Frankreich nicht zu den Legitimen gehören würde , freute ich mich doch von Herzen über den Duc de Bordeaux , und die alten Henriquinquisten . Der eifrigste Reliquien-Küsser war der Herzog von Angoulème , welcher auf manche Gegenstände dieser heiligen Ueberlieferung drei bis viermal die Lippen heftete , und gar nicht davon ablassen konnte . Als sie die Kapelle verließen , küßte er noch mit wahrer Inbrunst den an der Thür derselben befindlichen berühmten Ring , woran sich , wie mir der gutwillige Kirchendiener erzählte , der heilige Wenzel , als er zu Altbunzlau von seinem Bruder ermordet wurde , noch in der letzten Todesangst angehalten haben soll . Die Scene war zu Ende , und die versammelte Menge begann sich allgemach wieder zu zerstreuen . Ich schritt noch langsam in den Kreuzgängen auf und nieder , und konnte mich noch nicht von dieser wunderbaren Kirche trennen , die jetzt , wo die großen Schatten der Dämmerung von den hohen ernsten Pfeilern herabflossen , am mächtigsten meine Einbildungskraft und meine Gedanken in Bewegung setzte . Ich hatte den Herzog von Bordeaux , die Hoffnung der Legitimität , gesehen , und er hatte mir gefallen . Ich hatte bemerkt , wie er nur widerwillig einige heilige Gegenstände küßte , und hatte mich darüber gewundert , weil ich den Katholizismus immer für die Religion der Legitimität gehalten . Dennoch hatte es mir auch wieder gefallen . Jetzt wurden so weitgehende Betrachtungen über diese Dinge in mir rege , daß ich zu dem heiligen Veit ausdrücklich flehte , er möchte mich noch so lange hier in der vertraulich einsamen Halle seines Domes lassen , bis ich mich recht zur Genüge in meinen auftauchenden Vorstellungen ergangen hätte . Dann wurde wieder die Lust größer in mir , mich an irdischen Gestalten zu zerstreuen , statt in gefährliche Gedanken mich einzulassen . Ich lief rascher in den Gängen hin und her , daß meine Tritte durch die ganze Wölbung wiederhallten . Hier und da traf ich noch vor einem Altar oder Heiligenbild der Kirche Betende und Knieende an , darunter einige schöngebildete Frauen , die meine Aufmerksamkeit auf sich zogen . Der inbrünstige Ausdruck der Andächtigen in den katholischen Kirchen hatte schon oft meine Bewunderung erregt , vornehmlich bei den Pragerinnen , die zugleich nicht verfehlen , alle Lieblichkeit ihrer Gestalt dabei anschaulich zu machen . In der anmuthigsten Stellung sieht man sie , den Kopf tief auf den Busen heruntergeneigt , wie selbstvergessen in ihrer Frömmigkeit dastehen , während zugleich die dadurch hervortretende Rundung des schönsten Nackens an ein blühendes weltliches Element erinnert . Und nachdem sie still und zierlich gebetet , machen sie zuletzt dem Bild ihres Patrons , vor dem sie gestanden , noch einmal eine gefällige , graciöse Verbeugung , und entfernen sich dann mit einem allerliebsten Knix aus der Kirche . Das nenne ich gute Lebensart in der Religion . Fürwahr , man ist auch dem lieben Gott einige gute Lebensart schuldig , und wenn man vor ihm betet , mag es nicht gleichgültig sein , ob man es in anständigen und schönen Formen thut , oder mit plumpen und ungebildeten Manieren . Der Katholizismus ist die Religion der schönen Lebensart vor Gott , die Religion der glänzenden Formen in der Andacht . Es gab einmal einen gewissen Pietismus , der in ein höchst vertrauliches , ich möchte sagen bürgerlich-familiäres Verhältniß mit dem lieben Gott gerathen war . Dies war die Spenersche Hauspostillen-Zeit , die Morgen- und Abendsegen-Periode in der Theologie . Diese Frommen - und ich mag nicht untersuchen , wieviel es ihrer noch heutzutage gibt - diese dachten sich den lieben Gott nicht anders , als einen alten guten Papa auf dem Großvaterstuhl in Schlafrock und Pantoffeln , mit dem sie sich Abends , selbst bis