bringen Sie mich nicht um den unersetzlichen Moment des letzten Abschieds , wie Ihr unversöhnlicher Groll mich einst um das ganze Glück meines Lebens brachte ! Ich möcht ' es Ihnen jetzt schwerer verzeihen , als damals , und es ist gefährlich , dem Verzweifelnden eine Bitte zu verweigern . Sie sollen sie sehen , erwiederte Auguste in einem milden , begütigenden Tone ; denn theils ergriff sein Anblick sie in der wilden Verworrenheit des Sinnes , in der er vor ihr stand , mit grausenerregender Ahnung dessen , was er in dieser Stimmung fähig sei , theils wollte sie so dicht vor dem Gemach der Kranken jede lautere Aeußerung verhüten . Sie drängte ihn daher in ihr Zimmer , wo sie noch immer zitternd , ihn , sich erst zu fassen und zu erholen , bat . Doch Alexander wehrte heftig das sanfte Zureden ab , mit dem sie ihn zu beruhigen suchte . Ihre Beredsamkeit , sagte er bitter , vermag nichts über mich . Schlimm genug , daß diese einst Erna von dem Wege verlockte , auf dem sie glücklich geworden wäre , und glücklich gemacht hätte . Doch - das ist vorüber - aber sparen Sie das gleißnerische Bemühen , mich vielleicht anderen Sinnes machen zu wollen - die Augenblicke sind kostbar - führen Sie mich hin zu Erna ! Da ermannte sich Auguste . Daß ruhige Vernunft , und der heiße Wunsch , eine würdige Wahl möge das Loos meiner Freundin sichern , strenger über Sie urtheilte , als die Liebe , die ich nicht mehr in Erna ' s Brust ahnete , da sie sich in tiefer Verschlossenheit barg - ist das ein Verbrechen , das Sie so hart zu rügen berechtigt sind ? fragte sie . Sie können Ihr früheres Betragen nicht entschuldigen , und es war nur die gerechte Nemesis , die Ihre Strafe dictirte . Mich trifft kein Vorwurf als der , daß ich nicht an die Besserung eines Menschen glaubte , dessen Ruf eben so nachtheilig , als früher seine eigenen Geständnisse , von seiner tiefen Verdorbenheit sprach . Doch lassen wir das ! Hab ich geirrt , indem ich strebte , Erna ' s Schicksal die Richtung zu geben , ach , so büße ich hart genug durch den Anblick ihres Vergehens , der mir bitterer ist , als der eigene Tod mir wäre ! Der Thränenstrom , der bei diesen Worten ihren Augen entstürzte , besänftigte Alexandern einigermaßen . Doch sagte er nichts , sie zu trösten und aufzurichten , sondern erneuerte ungestüm sein schon früher ausgesprochenes Verlangen . Sie werden gewiß der Schonung , die die Leidende bedarf , nicht Ihre Wünsche unbedingt voransetzen , antwortete Auguste . Ihr Anblick , erschien er ihr unerwartet , könnte leicht den ohnehin nur noch matt glimmenden Funken ihres Lebens verlöschen . Daher , wenn es Ihnen nicht genügt , sie durch die Glasthür eines Nebenzimmers zu sehen , muß ich Erna durchaus erst vorbereiten . Alexander beschwor sie , nicht damit zu zögern . Sie öffnete also einen Allcoven , der an das Krankenzimmer stieß , und hieß ihn behutsam eintreten . Leise verschob sie die seidene Gardine von der Glasthür , die ihn nur noch von Erna schied , und er erblickte sie dicht neben sich auf ihrem Lager . XX Das lang entbehrte Glück ihrer Nähe , ach , wie hob es seine Brust in schmerzlichen Athemzügen - wie drängte seine ganze Sehnsucht sich ihr entgegen , die in unbewußter Ruhe sein gedachte , ohne zu ahnen , wie dicht sein Herz neben dem ihrigen schlug . Still in ihren Leiden , in mondheller Blässe lag sie da , in den gefalteten Lilienhänden die Blumen haltend , die er ihr gesendet hatte . Sie war abgezehrt , aber nicht entstellt . Denn ihr Wesen schien frei von der Angst , der sonst sterbliche Naturen am Rande ihres Daseyns unterliegen , und tiefer Friede drückte sich in dem Scheideblick aus , mit dem sie noch auf dem dahin schwindenden Leben verweilte . Träumen süßer Erinnerung hingegeben , erhob sie oft ihr sanftes Auge , und es war , als ob das Anschauen der Welt , die sich in ihrem Innern bewegte , ihren Blicken höheren Glanz , ihrem Lächeln innigere Freudigkeit verliehe . Völlig angekleidet , schien es , als habe nur eine tiefe Ermattung sie zum Ausruhen vermocht , nicht der Kampf mit dem nahenden Tode sie auf das Sterbebette hingestreckt . Da trat Auguste zu ihr hinein . Zärtlich forschte sie mit einer fast mütterlichen Sorgsamkeit nach Erna ' s momentanem Zustand , leitete dann von den Blumen , die Alexander ' s Gabe waren , die Rede auf ihn selbst , und fragte sanft , ob sie , wenn er wünsche , sie zu sehen , ihm wohl einen kurzen Besuch gestatten wolle ? Erna wurde sichtbar durch diese Frage erschüttert . Sie richtete sich auf - ein freudiger Schrecken zitterte bei ' m Klange des geliebten Namens durch alle ihre Nerven , und in ihren Zügen schimmerte die selige Verklärung des Danks zu Gott über die Möglichkeit , ihn noch einmal zu sehen , die sie still gewünscht , aber nie gehofft , und noch weniger jemals ausgesprochen hatte . O , wenn er vielleicht hier ist , so säume nicht , ihn mir zu bringen ! sagte sie . Meine Augenblicke sind gezählt , und mehr als irgend ein Mensch ahnen kann , sehn ' ich mich , ihn noch einmal zu sprechen . Als Alexander diese Worte vernahm , konnte er sich nicht länger zurückhalten . Er öffnete die Thür , die ihn von ihr trennte , und warf sich stumm an ihrem Lager nieder , ihre Hand mit seinen Küssen und Thränen bedeckend . Erna schaute ihn an mit einem Blicke , in dem ihre ganze Seele lag . So seh ich Dich doch noch einmal wieder , ehe ich sterbe , sprach sie , und in himmlischer Ruhe des Bewußtseyns