, wie eine neue Schmeichelei so wunderliche Macht über ihn habe ausüben können ; er konnte dem Mädchen nicht mehr Böses nachsagen , wie er bisher getan ; jede Zuneigung , auch die unerwiderte , hat in einem guten Gemüte etwas Verpflichtendes , und jede Abneigung erscheint darin wie ein Unrecht . Die tolle Ilse war wirklich in den Grafen verliebt , wie gemeiniglich alle Dorfmädchen in einen schönen Gutsherrn ; sein Einfluß ist ihnen deutlicher als in den Städten die ganze Macht eines Fürsten , er ist ihnen auch in guter Art viel überlegener ; selbst die allgemeine Meinung gibt einer solchen Verbindung eher etwas Ehrenvolles , und die Kinder , die daraus hervorgehen , werden mit einem Stolze wie junge Halbgötter angesehen , mehr als eheliche Kinder geschmückt und begünstigt . Es ist ihnen ein geheimer Stolz , wenn Sonntags Morgens die Knechte zu ihnen kommen und an den Kasten treten , wo sie den Sonntagsstaat heraus nehmen , mit manchem bunten Silberbande zu prunken , das sie noch wohl an die Mütze stecken könnten ; solch ein Band ist oft mit dem Teuersten bezahlt , und wüßten sich nur die neidischen Mitmägde recht verständlich zu machen , sie bezahlten gern eben so teuer ; aber eben in dieser Unverständlichkeit liegt viel sogenannte Tugend auf dem Lande . Es ist ein Vorteil unsrer Zeiten , daß sie die Verschiedenheit der Stände , wenn auch nicht aufhebt , doch sittlich unabhängiger von einander macht ; so wird auch die sklavische Liebe der Volksehre weichen . Achtzehntes Kapitel Adel . Der Gerichtstag Solche Reihen gleicher Tage , von außen still , voll abwechselnder innerer Bewegung , überspringen wir , denn das Glück lehrt nicht : es ist ein Geheimnis . Selbst einen schönen guten Morgen , wo der Graf die Nachricht von seiner Frau erhielt , daß sie sich von mehreren Nachbarinnen überzeugen lasse , sie sei in gesegneten Umständen , wollen wir ungefeiert lassen . Doch waren sie beinahe über den Namen des Kindes in Streitigkeiten verwickelt worden , da die Gräfin einige Lieblingsnamen aus Wallers Gedichten , die sie besonders achtete , in ihre Familie einführen wollte , und der Graf unabänderlich darauf bestand , daß man in einer Zeit , die so wenig Bestehendes hervorbringe , das Angeerbte durchaus bewahren müsse , wo es nicht dagegen anstieße , denn es ruhe Segen darauf . In diesem Gespräche entwickelte sich eine Verschiedenheit politischer Ansicht , die beiden gleich unangenehm war , weil sie ihnen eine Quelle der Unterhaltungen aus den Zeitungen verschloß . Die Gräfin , ohne irgend stolz aristokratisch zu sein , hatte doch ihre früheren geistig bestimmenden Zeiten unter der eigensinnigen Klasse von Leuten zugebracht , die sich damals in Deutschland bildete , welche blind an eine notwendige Rückkehr derselben Verhältnisse glaubte , die lange ihnen bequem gewesen . Der Graf , der erst auf Universitäten eine bestimmte politische Ansicht gewonnen , hatte dagegen den Kopf voll rascher Weltverbesserungen , weil ihm manches Bestehende in dem Unterrichte verhaßt geworden , insbesondre war es aber sein Lieblingsplan , alles Gute und Ehrenvolle , was sich in den adligen Häusern , nach seiner Meinung entwickelt habe , allgemein zu machen , alle Welt zu adeln . Beides stritt notwendig gegen einander ; dem Grafen war es ein angenehmer Gedanke auf Du und Du mit aller Welt zu sein , der Gräfin war jede Vertraulichkeit niederer Klassen unerträglich , und die tolle Ilse wußte schon dadurch sich ihr einzuschmeicheln , daß sie jeden Vorwitz durch tiefe Demütigungen , durch ein schnelles Rockküssen oder Niederknieen gutmachte . Diese Gesinnung kam erst bei dieser Veranlassung zur Sprache , weil der Graf seine Meinungen über die allgemeineren Begebenheiten , in deren Kreis er nicht eingreifen konnte , nur bei einem bedeutenden Anlasse aussagte . Als ihm die Gräfin heftig widerstritt , glaubte er , sie verstehe ihn nicht ganz , wollte sich aber mündlich darüber nicht weiter einlassen , sondern schrieb ihr in ein Gedenkbuch , das er im Hause gestiftet und wo beide das Bedeutendste einschrieben , was dem ganzen Hause begegnete , neben der frohen Hoffnung auf ein Kind : Still bewahr es in Gedanken Dieses tief geheime Wort , Nur im Herzen ist der Ort , Wo der Adel tritt in Schranken , Wenn die Tugend in den Nöten Hellaut rufet mit Drommeten . In den Schranken stehn die Ahnen , Wenn der Zweifel Kampf beginnt , Wie aus Fels die Quelle rinnt , Frischend ihre Geister mahnen , Geister werden zu Gedanken , Halten fest , wo alle wanken . Geister sind in jedem Hause , Wecken aus dem Schlaf den Mut . Also rinnt das edle Blut , Geistig wie der Wein beim Schmause , Daß vereinet , die getrennet , Eine Lieb in allen brennet . Immer mit dem größten Maße Mißt des Hauses Geist das Kind , Und das Kind sich dehnt geschwind , Will sich zeigen von der Rasse , Was ihm Herrliches bescheret , Zeigt sich höher , sicher währet . Nicht die Geister zu vertreiben , Steht des Volkes Geist jetzt auf , Nein , daß jedem freier Lauf , Jedem Haus ein Geist soll bleiben : Nein , daß adlig all auf Erden , Muß der Adel Bürger werden . Sie wollte ihm diese Grundsätze , die sie für anstößig erklärte , widerlegen , aber es war das erstemal , daß er mit Ernst an die Schranken erinnerte , die einer Frau zugemessen . Sie war überrascht davon , aber nicht überzeugt , besah einige Augenblicke ihre schönen Nägel , die so angenehm rötlich glänzten , und auf deren jedem ein aufgehender Mond zu schauen war ; dann sagte sie spottend : » Du bist heute wohl so ernsthaft , weil du Gerichtstag halten läßt . Hör Karl , einen Gefallen mußt du mir tun : siehst du wohl die alte Frau , die dort mit einem zugebundnen Teller um das Schloß schleicht , es ist eine gute Alte , sie