von diesem Schwindel ergriffen , und ich fürchte fast , er ist weit mehr Christ , als er selbst gesteht . Du solltest ihn jetzt für die Reinheit und Erhabenheit dieser Lehre , für die beseligenden Wirkungen sprechen hören , die er sich von ihr für die Menschheit verspricht ! Oft muß ich lächeln , noch öfter ärgere ich mich , zuweilen gelingt es aber dem Schwärmer , mich für einen Augenblick hinzureißen . Meinen Vater hat er schon ziemlich auf seiner Seite . Uebrigens hat er nur den Gegenstand gewechselt , und was ihm sonst das alte Rom und die Republik war , ist ihm jetzt das Christenthum , von dessen Verbreitung er sich Ersatz für jene verlornen Tugenden , und die Anregung aller bessern Kräfte im Menschen verspricht . Uebrigens habe ich ihn sehr verändert gefunden , so verfallen , so bleich , daß ich über seinen ersten Anblick erschrak . Das hat die Liebe aus diesem Manne gemacht ; und sie sollte eine beglückende Empfindung seyn ? Nimmermehr ! Ich habe nur erst kürzlich noch ein trauriges Beispiel von ihren Verheerungen gesehen , und hätte ich sie je für etwas Gutes halten können , so würden Sulpicia und Agathokles meinen Wahn heilen . Es sind nun zehn Tage , als Tiridates zu uns kam . Er sieht blühend und schön aus , schöner als ich ihn je sah , und aus den jugendlichen Zügen strahlt Kraft , Muth und Lebensfreude . Er brachte mir einen Brief von Sulpicien . Ein seltsames Gemisch von anscheinendem Glücke , und geheimer Wehmuth sprach aus ihm . Sie bat mich , sie das einzig ungetrübte Glück der Freundschaft genießen zu machen , und sie zu besuchen . Sie schrieb mir , daß sie zu krank sey , um zu mir zu kommen . Mein Entschluß war schnell gefaßt . Mein Vater hatte nicht Zeit , mich zu begleiten . Ich sagte dem Prinzen von Armenien , daß ich am folgenden Tage nach Synthium zurückkehren würde ; um aber doch nicht ganz allein mit ihm zu seyn , bat ich Agathokles , mich zu begleiten . Der seltsame Mensch ! Statt sich durch das Vertrauen geehrt zu finden , das ich auf ihn , und die Achtung , in der er überall steht , zu setzen schien , wagte er es , einige Bedenklichkeiten gegen die Reise eines jungen Mädchens mit zwei unverheiratheten Jünglingen vorzubringen , und ergab sich nur , als er mich unerschütterlich und unempfindlich gegen Alles fand , was die Stadt über mich zu klatschen belieben würde . Dennoch gefiel mir diese Sorge für meinen Ruf , die Freimüthigkeit , mit der er sich äußerte , und mehr noch als vorhin fühlte ich mich , von diesem Augenblicke an , durch seine Begleitung geehrt , und vor jedem ungerechten Tadel geschützt . O wie liebenswürdig könnte er seyn , wenn er minder vollkommen , minder überspannt seyn möchte ! Wir reisten nach Synthium . Mich trugen meine Cappadocier3 in einer offenen Sänfte , meine Gefährten ritten langsam neben mir . Es war ein lieblicher Frühlingsmorgen , die Gegend um uns freundlich , die Luft lau , der Himmel heiter , Alles zu Lust und Fröhlichkeit gestimmt . Scherz und Lachen verkürzte die lange Zeit der Reise , sogar der ernste Freund widerstand nicht dem Zauber , der durch alle Sinne in sein Herz drang ; er gab sich dem fröhlichen Zuge hin , der ihn mit fortriß ; und so kamen wir Alle vergnügt und heiter in Synthium an . Ach , die schöne Stimmung verschwand bald ! Sulpicia kam uns entgegen , ein Bild des geheimen Grams , in der kurzen Zeit um zehn Jahre gealtert . Nun ward mir auf einmal Vieles klar . Ich war kaum einige Tage in Nikomedien gewesen , als das Stadtgeschwätz mich von einigen neuen Liebesgeschichten des leichtsinnigen Tiridates unterrichtete , und zugleich mit lieblosem Spotte seines abenteuerlichen Verhältnisses mit einer entlaufenen römischen Matrone erwähnte . Man wußte nicht , wie nahe mich das Verhältniß anging , sonst würde man wohl vor mir geschwiegen haben . Hier fand ich die Bestätigung von dem , was ich früher nicht glauben wollte . Doch muß ich Tiridates die Gerechtigkeit widerfahren lassen , daß er wenigstens in Sulpiciens Gegenwart keinem Tadel unterliegt . Er begegnet ihr mit der zartesten Achtung , und der liebevollsten Aufmerksamkeit . Sie scheint auch vollkommen zufrieden , es entwischt ihr keine Klage , kein Blick , der auf den wahren Zustand ihres Herzens schließen ließe . Selbst als wir allein waren , und ich sie dringend befragte , gestand ihr Mund nichts , aber eine heftige Bewegung , ein leises Zittern , das ihren ganzen Körper ergriff , zeigte nur zu deutlich , wie sehr sie ihre Lage kennt und fühlt . Aber gestehen wird sie es nie , so kenne ich sie , und sich lieber in stillem Gram verzehren , als zugeben , daß ihr Schritt , mit Tiridates zu entfliehen , unüberlegt war . Ich beklage sie herzlich , aber ich kann sie nicht ganz entschuldigen , eben so wenig , als ich ihn ganz verdammen kann . Sieh , lieber Lucius ! ich bin billig , ich erkenne alle Eure Untugenden , Schwächen und Laster , aber die Wahrheitsliebe erlaubt mir nicht , alle Schuld auf die männlichen Schultern ( die zwar von der Natur eigentlich darum so stark gebaut scheinen ) zu wälzen . Sulpiciens Liebe ist nicht die leichte heitere Flamme , die überall Leben und Freude verbreitet , jedes Verhältniß verschönert , den gemeinsten Dingen Bedeutung , den entferntesten eine angenehme Beziehung gibt , in deren mildem Schein der Mann sein Leben froh verflattert , und sich selbst in sei- nen Entbehrungen glücklich fühlt . Ihre Liebe ist ein dunkel loderndes verzehrendes Feuer , das mit eifersüchtigem Stolz jedes Wort , jeden Blick bewacht , aus Allem Gift saugt , und ohne Rücksicht dieselbe grenzenlose Hingebung , dieselbe gespannte Aufmerksamkeit fordert , die