es von allen gesucht wird . Die Unterhaltung der Gräfin ist leicht , und geistreich , durch diese allein ahndet man in der Gesellschaft die Frau von außerordentlichen Gaben . So oft sich Gelegenheit zeigt , gibt sie Konzerte und Bälle , wo sich immer eine Menge junger Leute einfinden , deren Vergnügen durch nichts , was die ernste Stimmung der Wirtin verraten könnte , gestört wird . Sie zieht sich freilich immer sehr bald in ihr einsames Zimmer zurück , aber ohne im geringsten die Lust zu unterbrechen , so wie sie niemals irgendeine Art von Aufsehen ihrentwegen erlaubt . « - » Ich denke mir , wie oft diese Güte mag gemißbraucht worden sein , in der Welt ! « - » Dem ist es auch wohl nur allein zuzuschreiben , daß der Zutritt zu ihr so erschwert worden ist , obgleich sie auf keine Weise argwöhnender ward durch den wiederholten Betrug . Die Not der Hülfesuchenden wird jederzeit von ihr selbst geprüft . Dies Geschäft überträgt sie niemals irgendeinem andern ; kann sie nicht selbst prüfen , so hilft sie ohne Untersuchung . Übrigens lebt sie immer allein , obgleich fast stets von Menschen umgeben ; auch wüßte ich nicht , daß sie eine Freundin hätte , der sie sich mitteilt , außer Eleonoren . Da der erste Eindruck gewöhnlich für sie entscheidend auf das ganze Leben bleibt , und sie wohl erfahren haben muß , daß kein Räsonnement und keine Vernunft stark genug ist , diesen jemals bei ihr zu vertilgen , so macht sie so selten als möglich neue Bekanntschaften , und hütet sich gleichsam vor jedem neuen Eindruck . Sie können es als einen ganz besondern Vorzug ansehen , daß sie Sie zu sprechen wünscht . « - Sie sprachen nun noch manches über Eduard und Juliane sowohl als über Betty . Was Florentin an diesem Tage über den verworrnen Zusammenhang ihres Betragens so unzusammenhängend gehört und gesehen hatte , ging ihm wild durcheinander im Kopfe herum . - » Dies sind also « , rief er aus , » die zarten Verwirrungen der feinen Verhältnisse und der tugendhaften Mißverhältnisse der gebildetsten Welt ! O alle ihr Vortrefflichen , Auserkornen , ihr wißt doch mit euren angestrengtesten Kräften nichts anders zu tun , als die zahllosen Plagen zu erleichtern , die ihr euch selbst einander zufügt ! Unter meiner plumpen Hand aber zerrisse dies künstlich gefügte Gebäude , dessen Türme sich prahlend in die Wolken heben , während sein Fuß im Treibsande wankt . Möchte es mir nur einst gelingen mir eine niedre , feste Hütte zu erbauen , die Sturm und Wogen trotzt , und auch dem Rütteln meiner eignen mutwilligen Hand widersteht ! « - » Und wo « , fragte der Doktor lächelnd , » suchen Sie Boden zu diesem Wunderhüttchen ? « - » Gewiß nicht hier , nicht von den wurmzernagten Splittern der feinen Welt gedenke ich es mir zusammenzubetteln . « - » Ruhig lieber Florentin , wer gedenkt sie Ihnen aufzudringen ? Die feinere Ausbildung läßt sich mit jenem geheimnisvollen Berg vergleichen , von dem die Dichter unter dem Namen Venusberg viel Wunderbares erzählen . Berauscht von einer süßtönenden Harmonie , sagen sie , wird man hineingezogen ; wer am Eingange stehenbleibt , ahndet nichts als Schrecknisse in der Verworrenheit , die sein Blick nicht zu durchdringen vermag ; wer aber unerschrocken vordringt , der findet ewige Freuden ; und wer sich voll Ungeduld wieder hinauszusehnen vermag , findet doch sonst nirgend Ruhe , und unaufhaltsam zieht der Zauber ihn wieder zurück . « - » Nun mir scheint dieser Zauber doch in nichts zu liegen , als im Hochmut sich so gern etwas gar Großes zu dünken . Dies ist der Rausch , der ihre Sinne gefangenhält , daß sie in die schwindelnde Tiefe wieder zurück müssen , und in der freien Welt sich nicht zu finden wissen , wo jeder gleicher Rechte sich erfreut , und niemand sich über den andern erheben darf . « - » Nun sehen Sie , so ist es doch nur anders maskierter Hochmut , der es Ihnen so verleidet , unter den Emporstrebenden zu existieren . « - » O guter Gott , es mag wohl sein , nichts ist ansteckender als das Böse ! Doch soll es mir wohl noch gelingen , die schlechten Gewohnheiten wieder abzustreifen . « - » Ich sehe , es ist heute nichts mehr mit Ihnen anzufangen , Sie sind bitter . « - » Das noch nicht ! Wo ist der Tor , der auf ein sicheres , dauerndes Lebensglück rechnet ? Aber lassen Sie es mich Ihnen gestehen : Bettys Schicksal und das Ihrige , das ich so deutlich vor mir sehe , das von Eduard und Juliane , was ich nur ahnde , es hat mich verwirrt und betrübt . Aus welchen losen Fäden ist der Traum eures Glücks gesponnen ! « - » Es lebt dafür in unsrer Seele etwas , das , dem ungebildeten Menschen fremd , uns über jeden Glückswechsel erhebt ! « - » Nein , Siegen oder Untergehen ! « rief Florentin aus , als er allein war . - Und doch hatte die freudige Gelassenheit , mit der der Doktor die letzten Worte gesprochen , etwas in ihm erregt , das ihn nachdenklich machte . Am Ende blieb er aber freilich dennoch überzeugt : daß er seinem jetzigen Plane folgen müsse ; daß es für ihn keine andre Tätigkeit gebe , als in einem neuen Leben das zu vergessen , was ihn im alten gequält hatte . Jene Ahndung war auch noch nicht aus seinem Herzen geflohen : er müsse in der Welt einen Aufschluß über seine Bestimmung und seine Geburt aufsuchen . Den andern Tag , während der Doktor seine Geschäfte in der Stadt verrichtete , war Florentin allein zurückgeblieben , weil er ohne Not nicht gern dort verweilen mochte . Der Doktor schickte ihm sein Pferd und seine übrigen Sachen aus dem