in Roms dunkelsten Gassen wohnte und nur - in den Kirchen , deren wir zu diesem Zweck Gott sei Dank genug haben , von einem ihrem Stand gebührenden Glanze umgeben ist ... Man ist arm , aber vom Munde darbt man sich den Miethwagen ab , der uns des Abends eine Stunde auf den Corso führt ... Sonst geht man des Tages zu Fuß ... Ein Schleier genügt , nicht einmal ein Bedienter ... Alle hundert Schritt liegt eine schöne geräumige Kirche , gebaut aus Marmor , mit stillen Kapellen , dunkeln Ecken , da eine Lampe , hier ein Schemel für die Füße , ein Bild von Domenichino , eine Sculptur von Michel Angelo - so kann man schon eine Stunde lang verträumen , ein Leben der Armuth anständig verschleiern ... Du wirst das sehen , wenn du in Rom bist ... Du gehst nach Rom ! ... O wohl , wohl ! ... Du sollst es ... Oder was - was glaubst du , mein Sohn ? ... Benno hatte die Miene gemacht zu fragen , ob sie es nicht wünsche ... Er sah , wie seine Begegnung sie bei alledem zu stören anfing ... Die Kirchen , fuhr die Herzogin nach einigen zärtlichen Blicken fort , die Kirchen in Rom sind zum Beten da ; aber sie verbinden zugleich den Zweck , eine Promenade zu sein , eine Promenade , die zu betreten nichts kostet ... Ich hörte einen Attaché der Gesandtschaft des Königs von Preußen , der erst einige Tage in Rom war , außer sich gerathen bei der Erzählung : Ich besuche den Carcer Mamertinus beim Capitol , die Kapelle , die über jenem Gefängniß erbaut ist , wo Sanct Peter vor seiner Hinrichtung gefangen saß , und ein Geistlicher tritt herein , kniet vor einem Betpult nieder , wendet das Antlitz zum Altar , zieht , ehe er betet , sein Taschentuch , seine Dose , nimmt eine Prise und dann erst faltet er die Hände ! 1 ... Dies Bild brachte den Lutheraner außer sich , beleidigte jedoch von uns Römern niemand ... Es war ein heißer Tag ; der arme Dorfpfarrer , der die Merkwürdigkeiten der Stadt ansah , wollte sich ausruhen und benutzte die kühle Kapelle St.-Pietro in carcere ... Daß man sich an einem solchen Ort mit der Geberde des Betens ausruht , bringt die Rücksicht auf den Ort und diejenigen mit sich , die vielleicht ringsherum wirklich beten ... Die Kirchen Roms sind nicht Kirchen allein , sondern die ehemaligen Thermen der Kaiser ... Sie sind die Gärten und Promenaden der Stadt , die allen gehören , den Armen und Reichen , den Königen und Bettlern ... Ist denn nicht auch das Religion , was alle gleich macht ? ... Wer gefallen ist , Könige , die ihre Krone verloren , können keine bequemere Stadt der Welt finden ... Für die , die ohne Demüthigung sein und vergessen wollen , ist Rom die Stadt der Städte ... Diese Aeußerungen einer Frau , die in so unmittelbarer Nähe der Tonangeber der Christenheit lebte , mußten Benno wol die Frage wecken : Wiestehen ihre Ueberzeugungen im Verhältniß zur Kirche und zu dem Zweck der Sendung des Cardinals ? ... Doch überwog jetzt noch das Interesse am Persönlichen ... Fünf bis sechs Jahre , fuhr die Mutter fort , lebte ich in dem steten Kampf mit mir , welche Entschließungen ich fassen sollte ... Ich war nicht mehr jung ... Meine Schönheit , wenn ich sie je besaß , war verblüht ... Ich zog niemanden an , als dann und wann ein paar Priester , die bald wegblieben , als ich ihnen keine Tafel serviren konnte ... Zur Devotion hatte ich kein Talent ... Im Singen zu unterrichten widersprach meinem Stolz ... Ich processirte mit den Gerichten Spaniens ; die Revolutionen und die Cortes wiesen mich ab ... Wittekind erlebte in meiner Verzweiflung einigemal die Drohung , daß ich nach Deutschland kommen und die Gerichte gegen ihn anrufen würde ... Ich ging so weit , mich über die Gesetze wegen unwissentlicher Bigamie zu unterrichten ... Ich überzeugte mich , daß meine Ehe nach kanonischen Regeln anerkannt werden konnte ... Dann aber hatte ich in Bigamie gelebt und mußte erst von dieser Sünde wieder befreit werden ... Das ist das besonders Schmerzliche am Unglück , es macht zuletzt feige ... Das Unglück verwirrt uns und läßt uns falsche , oft ganz unwürdige Maßregeln ergreifen ... Ich fand wenigstens meine Hülfe da , wo ich nimmermehr geglaubt hätte , daß ich sie suchen würde ... Benno horchte voll höchster Spannung ... Jenseit der Tiber wohnen in Rom jene Volksklassen , die sich noch eine gewisse Natürlichkeit , soweit sie bei römischer Unbildung möglich ist , bewahrt haben ; Handwerker , die größerer , lichterer Räume bedürfen , als sie die innere Stadt diesseit der Tiber bietet ... In Trastevere wohnte ein Metzger , von dem ich mir zuweilen den Luxus gestattete , ein besseres Stück Fleisch , ein ganzes junges Lamm für die Küche zu bestellen ... Noch lebte meine alte Marietta Zurboni , die mich so lange Jahre begleitet hatte ... Nun war sie ganz blind ; ich gönnte ihr zuweilen Festtage in Wirklichkeit , nicht blos die , die im Kalender stehen - Was ich da alles rede ! unterbrach sich die Herzogin und starrte in die Ferne und in die noch nicht erreichte Stadt ... Benno erkannte , daß die Mutter so plötzlich der Schmerz um die Todte , die nun schon in Entfernung fast einer Meile zurückgeblieben , ergriff ... Sie hielt beide Hände nach der Gegend hin , wo Schloß Salem lag ... Eine Geberde der Bitte um Verzeihung ... Sie küßte wieder die blutigen Haare ... Benno beruhigte sie ... Eines Tages , fuhr sie nach einem kurzen Weinen fort , hatte ich mich von Kirche zu Kirche bis Santa-Cecilia gebetet - dies war die einzige Art , wie ich als Herzogin am Tage ohne Equipage vegetiren konnte