solche Pflichterfüllungen fanden nur statt , wenn die Passionen , was gelegentlich vorkam , damit zusammenfielen . Über die Dauer seines Berliner Aufenthalts sind nur Mutmaßungen gestattet ; er fand nicht , was er suchte , langweilte sich inmitten aller Zerstreuungen , oder erkannte sie wenigstens nicht als angetan , ihn alle damit verbundenen Unbequemlichkeiten vergessen zu lassen . Und so wandt ' er sich denn einer neuen Passion zu , der Reisepassion , und beständiger Ortswechsel wurd ' ihm Lebensbedürfnis . Aber auch hierin verfuhr er abweichend von andern und anstatt sich auf Alpentouren oder Weltfahrten einzulassen , wozu wenigstens anfangs die Mittel vorhanden gewesen wären , gefiel er sich darin , Entdeckungsreisen zwischen Oder und Elbe zu machen und in praxi märkische Heimatskunde zu treiben . Aber freilich auch diese Reiseperiode schloß ab , und wahrnehmend , daß er die gewünschte Rast in der Unrast nie finden werde , beschloß er probeweise den umgekehrten Weg einzuschlagen und die Ruhe ganz einfach in der Ruhe zu suchen . Er fing deshalb an , auf Hausstand und selbständige Wirtschaftsführung zu verzichten und sich statt dessen bei kleinen Familien auf dem Lande , denen sein Rang und sein Vermögen imponieren mochte , für länger oder kürzer in eine halb freundschaftliche , halb patronisierende Pension zu gehen . In der Neumark , in Pommern , in Mecklenburg , überall wiederholten sich diese Versuche , bis er endlich in dem ihm ebenbürtigen und aus alter Zeit her befreundeten General von Thümenschen Hause zu Kaputh ein Ideal und die Verwirklichung aller seiner Wünsche fand . Es kam dies daher , daß der alte General von Thümen , auch ein Original , ihn ruhig gewähren ließ und immer nur beflissen war , » ihm seine Kreise nicht zu stören « . Beide lebten denn auch ein ebenso kameradschaftliches wie zwangloses Leben , in dem jeder seiner Lust und Laune nachhing und kein andres Haus- oder Tagesgesetz anerkannte , wie rechtzeitiges Erscheinen am Mittags- und abends am Bostontisch . In Kaputh war es denn auch , daß Graf Heinrich seine Tage beschloß : eh ' ich aber von diesem seinem Ausgang erzähle , versuch ' ich vorher noch eine Charakterskizze . Graf Heinrich hatte den Schlabrendorfschen Familienzug , oder doch das , was damals als schlabrendorfisch galt , im Extrem . Er übertraf darin noch seinen Sonderlingsbruder in Paris . Im Grunde gut und hochherzig , dazu nicht ohne Wissen und Verstandesschärfe , gestaltete sich sein Leben nichtsdestoweniger weder zum Glücke für ihn noch für andere , weil er jenes Regulators entbehrte , der allen Dingen erst das richtige Maß und das richtige Tempo gibt . Er ging immer sprungweise vor , war launenhaft und eigensinnig , und bewegte sich sein Leben lang in Widersprüchen . Er liebte , wie das Sprichwort sagt , die Menschen und Dinge » bis zum Totdrücken « und bedauerte hinterher » es nicht getan zu haben « . Am meisten zeigte sich dies in seinen jüngeren Jahren , wo das sehr bedeutende Vermögen , über das er damals noch Verfügung hatte , das Erkennen eines von ihm mit Vorliebe gepflegten Gegensatzes zwischen einem extremen Luxus- und einem extremen Einsiedlerleben außerordentlich erleichterte . In Gröben erzählt man davon bis diesen Tag . Entsann er sich beispielsweise , daß es mal wieder an der Zeit sei , gräflich Schlabrendorfscher Repräsentation halber nach Berlin zu fahren , so wurde der alte Staatswagen aus der Remise geholt und der berühmte Trakehnerzug , vier Isabellen , mit aller Feierlichkeit eingespannt ; ein Jäger saß auf dem Bock , zwei Heiducken standen rechts und links auf dem Tritt und ein dritter lief als Läufer der Kavalkade vorauf . Alles in Gala . So mahlte man durch den Sand , und die Dorfleute sahen dem Zuge nach . War man aber wieder daheim , so warf er diese Repräsentationslast als unbequem von sich , und las und las oder lud Leydener Flaschen an einer halbmannshohen Elektrisiermaschine , bis er sich eines Tages wieder all seiner Vornehmheit und Vornehmheits-Verpflichtungen entsann und nun aufs neue Boten über Boten schickte , die die Nachbarschaft zu großer Tafel » invitieren « mußten . Indessen das waren Ausnahmen oder Anfälle , die Regel war und blieb , es gehen zu lassen , wie ' s eben ging . Er hatte mindestens sieben Diener im Haus , aber nicht für einen gab es zu tun , so daß das Umherliegen die Leute schlecht und übermütig machte . Das Ganze , seinem Zuschnitt und Wesen nach , mehr polnisch als preußisch . Zerschlug das Hagelwetter in den leerstehenden Oberzimmern ein Dutzend Fenster , so wurden Lappen eingestopft , weil es sich nicht verlohnte , den Glaser kommen zu lassen ; allabendlich aber , als ob es sich um die Zeit der Burgverliese gehandelt hätte , rückte , Punkt zehn Uhr , die ganze Dienerschaft in die Front , um die Parterrefenster zu verbolzen und den Eingang überhaupt zu verrammeln . Ein zu diesem Behufe immer bereit stehender Palisadenpfahl wurde dann , von innen her , schräg gegen die Tür gestemmt , und in dieser primitiven Weise , selbstverständlich unter ungeheurem Gelärme , die Schließung und nächtliche Sicherstellung des Hauses vollzogen . Anscheinend ohne Grund , denn es war nichts da , was auf den ersten Blick hin zu Diebstahl und Einbruch hätte reizen können . Aber hierin irrte nun freilich dieser » erste Blick « , da sich vielmehr umgekehrt in den auf Flurgängen und Bodenräumen massenhaft umherstehenden Schränken und Truhen eine ganze Welt allerwertvollster Dinge barg : Spitzen und Staatsröcke , kostbare Schuhschnallen und seidene Strümpfe , des reichen Tafelgeschirrs zu geschweigen , das in Kisten und Kasten verpackt war und fleckig wurde , weil ' s niemand putzte . Welcher Art seine Beziehungen zu seinem berühmten Pariser Bruder waren , darüber verlautet nichts ; sehr wahrscheinlich ähnelten sie sich zu sehr , um Gefallen aneinander zu finden . Ihre Sonderbarkeiten waren nicht gleich , aber in der Art , in der sie