ist . Er will nur die schmuzige Hand ausstrecken nach der vermeintlichen Erbschaft . Er sollte nichts wissen von diesem Kinde ? Er sollte es ganz der Sorge seiner Schwester überlassen haben ? Eines wäre eine glückliche Auskunft aus diesem Dunkel . Wenn sie einträfe , Murray ! Welche , mein Freund ? Daß die Mutter dieses Knaben , Ihre einstige Freundin , in alten Tagen den Fehltritt ihrer Jugend bereut und sich des Schicksals Ihres Sohnes wieder angenommen hätte ! O Das wäre eine Erzählung aus » Tausend und Einer Nacht « sagte Murray lächelnd . An solche Märchen muß man nicht glauben in Der Welt , in die es einst der Baron Grimm gewagt hat , sich einzudrängen ... Den Rest des Vormittages brachte Louis nun noch damit zu , Geschäftsbriefe nach der Residenz zu schreiben , in denen er seine bevorstehende Rückkehr von Hohenberg ankündigte . Kurz vor dem einfachen Mahle , das ihnen Brigitte zubereitet hatte , durchflog er die Zeitungen , in denen Egon ' s schwierige Stellung nicht verschwiegen war . Der Fürst hatte sich auf eine bedenkliche Art von allen Parteien isolirt , sich dabei zwar sehr hoch gestellt , aber auf eine Höhe hin , wo ein schneidender Zugwind wehte . Der Hof schien dem jungen Staatsmann volle Gewalt gegeben zu haben . Er stellte ihm alle Mittel zu Gebote , die das constitutionelle Wesen im Vorrath hat , um von einer Verständigung mit dem Publikum an die andre zu appelliren . Man konnte sich noch der Hoffnung hingeben , daß die Wahlen die thatkräftige neue Administration unterstützen würden . Viele aber bezweifelten diese Hoffnung und fanden es für rathsamer , daß das Ministerium sogleich aus eigener Machtvollkommenheit einen neuen Wahlmodus oktroyirte . Dennoch blieb dieser Erlaß , den man schon in den neuesten Nummern erwartete , aus , ein Beweis , daß Fürst Egon seine Hülfsmittel nicht zu rasch verbrauchen wollte . Auch ließen die mit vielem Geiste geschriebenen Artikel des » Jahrhunderts « ahnen , daß das Ministerium erst die öffentliche Meinung für seine Auffassung der Staatsaufgabe theoretisch und praktisch gewinnen wollte , bis es mit Gesetzen hervortrat , die auf diese Theorie und Praxis begründet waren . Der Adel , die Beamten , das Militair , ja sogar ein großer Theil der Wissenschaft und Kunst schwärmten schon für die neue Regierung . Sie verhieß Kraft . Sie verhieß Erlösung von einer Anarchie , die nicht mehr ausrottbar schien . Die Politik wurde von den Straßen verbannt ; auch aus den Clubs fing Egon schon an , sie auszutreiben . Louis las mit beklommenem Gefühle , daß die Arbeitervereine ihre Statuten einreichen mußten und mehre geschlossene Gesellschaften nach jenem tumultuarischen Abend bereits verboten waren . Egon hatte sich in einer Zuschrift an seinen Wahlbezirk der Worte bedient : » Wo zwei Gewalten regieren wollen , kann der Staat nicht bestehen . Die Gewalt soll eine getheilte sein . Diese Lehre ist alt und ich finde sie schon dadurch bewährt , daß jede Verantwortung gemildert wird , wenn mehre Schultern sie zu tragen haben . Aber die Theile der Theilung müssen gleichartig sein . Unterordnen müssen sie sich können der großen , untheilbaren Idee des Volkswohles , des Thatbestandes . Wo zwei gleichberechtigte Gewalten gegeneinander auftreten , steht die Maschine still . Ich erkenne im Staate nichts an , was höher ist als das Volkswohl . Auch der Monarch ist in meinem Systeme der Diener des Volkswohles . Er vertritt die natürliche Ordnung des Lebens , das Maß , die Grenze aller ehrgeizigen Bestrebungen . Er ist ein Theil der großen Einheit des Volkswohles . Reicht ihm die Hände , ihr wackern Bürger ! Seid die Zweiten im Bunde ! Die ausführende Gewalt , die das Ministerium vertritt , ist die dritte Gewalt ! Aber eine Gewalt der Volksversammlungen , der Clubs , der Kasernenverschwörungen , der Preßanarchie werd ' ich nimmermehr anerkennen . Ich erinnere Sie an das Wort eines großen Dichters , des Briten Shakespeare , der den Jammer des römischen Staates nach den Erfahrungen des britischen in dem Schmerzrufe schilderte : Mein Herz , es weint , Zu seh ' n , wie wenn zwei Mächte sich erheben Und keine herrscht , Verderben , ungesäumt Dringt in die Lücke zwischen Beid ' und stürzt Die Eine durch die Andre . « Nach dem bescheidenen , in schweigsamer Spannung hingebrachten Mittagsmahle schickte sich Louis an , zur Schmiede hinabzugehen . Er hatte mit Murray verabredet , daß dieser auf einem kürzern Wege zum Walde hinunter steigen und sie beim Eingange in das dunkle Tannengehölz , das den Anfang bildete , erwarten sollte . Murray war es einverstanden und besorgte nur , daß sein Bruder nicht Wort halten und doch wol mit seinem Sohne kommen würde , der für Das , was sie im Forsthause vorhätten , ein lästiger Zeuge sein würde . Louis aber versprach sich den glücklichsten Ausgang . Zehntes Capitel Der geheime Schrank Louis Armand fand den blinden Schmied schon in Bereitschaft und erfuhr , daß Heunisch mit dem jungen Zeck unterwegs wäre nach dem Ullagrunde . Der Gedanke , Geld , wohl viel Geld erben zu dürfen , hatte dem Alten alle Sorgen aus dem Sinne geschlagen . Er sagte sogar lachend : Die Ursula wird Augen machen , wenn sie heute Kaffeebesuch bekommt . Vielleicht denkt sie , sie sollte Euch wahrsagen . Thut sie Das ? Nachmittags , wenn sie Kaffee trinkt , hat schon Mancher bei ihr vorgesprochen . Karten legt sie gern in der Dämmerung , nie Vormittags . Vormittags bespricht sie blos die Rose und die Drüsen . Es ist eine Zauberin ! Ich erfuhr es schon ! sagte Louis . Eine Hexe nennen sie sie ; meinte der Blinde . Sie weiß viel , Das ist wahr . Alles aber auch nicht . Nicht wahr , Anneliese ? Die kleine garstige Person , bei der Louis gestern die Bestellung gemacht , begleitete sie vor die Thür . Laßt Ihr die