es eine Weile ... Dann gingen die Augen nur noch vom Sohn zur Tochter und vom Tode zum Leben hinüber ... Endlich riß sie sich wild los und schrie : Licht ! Licht ! ... Die Fenster auf ! ... Ich muß meine Kinder sehen ! ... Meines Mörders Kinder ... Ha , ha ! - Wach auf , wach auf , Mädchen ! ... Ich kenne dich ja nicht - ... Benno gewann zuerst die Fassung ... Man hörte Geräusch ... Schritte eines Kommenden ... Es klopfte leise ... Der Graf war es , dem das lange Verweilen , das laute Sprechen bei der Leiche auffallen mußte ... Die Herzogin lag ausgestreckt über der Leiche , verbarg ihr Haupt und war selbst wie entseelt ... Der Graf durfte diesen Ausdruck weiblicher Theilnahme an einer Südländerin natürlich finden und folgte Benno harmlos , der ihn mit äußerster Beherrschung seiner selbst aus dem Saale zog ... Die Herzogin blieb allein zurück ... Sie sah um sich , sie tastete hin und her , sie stürzte auf die Leiche , sie riß sich wieder auf , nahm ihren entfallenen Hut , drückte ihn auf das Haar , das sie erst zerwühlen wollte ... Dann nahm sie mit irrer Geberde die abgeschnittenen blutigen Haare und verbarg sie wie im Diebstahl ... Nun preßte sie wieder einen Kuß auf die Lippen der Todten , dann wandte sie sich und wollte wieder zurück ... Der Graf stand inzwischen wieder in der Thür ... Wir verweilten lange bei dem lieblichen Engel - sprach sie in kurzen Sätzen ... Segne Sie - Gott , Herr Graf , für die Liebe , die Sie ihr schenkten - Es gibt nur Eine Liebe - mag sie auch Namen haben , welche sie wolle ... Benno bot ihr , da sie zusammenzusinken drohte , seinen ihm selbst zitternden Arm ... Der Graf dankte für so viel Theilnahme und begleitete beide bis an die weißschimmernde Stiege , rieth freundlich zur Vorsicht , empfahl Benno seine vorhin ausgesprochene Bitte und nahm zum zweiten mal von einem Beileid Abschied , das alles das zu erkennen gab , was in ihm selbst vorging ... Ohnmächtig sinkend , ja stürzend schwankte die Herzogin die gebrechliche Stiege hinunter ... Unten standen zwei Diener ... Der Schlag des vierspännigen Wagens flog auf ... Benno trug die zusammengebrochene Frau mehr , als er sie führte ... Sie sank in ihren Sitz ... Er stieg ihr nach ... Der Schmerz der Herzogin konnte allen erklärt erscheinen aus dem empfangenen , an das gemeinsame Menschenloos erinnernden Anblick ... Die vier Rosse zogen an ... Pfeilgeschwind flogen sie dahin ... 9. Cielo ! ... Destino ! ... Manda mi la morte ! ... So brachen die Empfindungen der Herzogin aus ... Benno ergriff die Hände der jetzt ohnmächtig zusammensinkenden Mutter ... Es war wie eine zweite Geburtsstunde , die sie erlebte ... Ihre Zähne klapperten ... Allmälig schlug sie die Augen auf , betrachtete Benno und wollte mit der Geberde einer Fieberkranken die mitgenommenen blutigen Haare küssen ... Benno riß diese fort und umschlang die Mutter mit seinen Armen ... Wieder versank sie in Ohnmacht und fieberte laut ... In dem weichgepolsterten Wagen ging es auf der Landstraße eine Weile dahin wie in einem lautlosen Zimmer ... Als der Wagen eine kleine Höhe bergan fahren mußte und es langsamer ging , schlug die Herzogin die Augen auf , rang die Hände , riß Benno an ihr Herz und küßte ihn ... Du bist es ! rief sie ... Wüßte es doch alle Welt ! setzte sie hinzu ... Mutter ! lehnte Benno ihren Wunsch ab , der fast wie Besorgniß klang ... Wer weiß es noch sonst ? fragte sie ... Ich hier allein ! antwortete Benno und deutete auf sein Herz ... Meine Ahnung ist erfüllt ! sprach sie ... Mit bangem Herzen bin ich nach diesem Lande gekommen ... Ich ahnte , daß ich das alles , alles erleben würde ... Nicht aber so ! klagte Benno das Schicksal an ... So grausam nicht ! ... Das Leben im Tode ... O zürnst du mir ? ... Sie schüttelte den Kopf ... Niemand weiß es ? fragte sie wiederholt und zweifelnd ... Vier fremde Priester , bestätigte Benno , ich und mein Bruder - der Präsident von Wittekind - Friedrich ist mein Freund und der deine ... Sie fand sich langsam zurecht ... Aber wer weiß , begann sie , ob ich deine Stimme gehört hätte , wäre sie nicht von dem Schweigen einer Todten unterstützt gewesen ... Angiolina ! ... Ja , ich hatte mich mit Haß gerüstet , mein Sohn ... Hätte Gott es nicht so verhängt , daß ich meine Kinder so - so wiedergesehen - wer weiß - ! ... Angiolina ! ... Eine - Verlorene ! ... Benno unterbrach diese Gedankenreihen und fragte liebend vorwurfsvoll : Selbst auf deine Kinder wolltest du Haß werfen ? ... Ja , mein Sohn ! bestätigte die Frau , deren Lippen noch wie von Fieberfrost auf und zu gingen ... Es liegt eine wunderbare Macht , fuhr sie , an Angiolinens Verirrung anknüpfend , fort , in dem Gesetz ... Aber eine Frau kann sich von ihm verirren und , wird sie nur geliebt , so vergißt sie alles , Urtheil der Welt und künftiges Gericht ... Täuscht sie aber der , den sie liebte und um den sie alle Sünden der Welt ertrug und selbst beging , so welkt ihr jeder Baum und jede Farbe verbleicht ihr und ich haßte dich schon damals ebenso , wie ich dich anfangs geliebt hatte ... Ich schleuderte - Angiolinen - dies Kind wie eine Last von mir ... Ihm zu Füßen ! ... Da hast du , was dein ist , Schurke ! ... Ich sah meine Geburt nur einmal - wie sie ins Leben trat ... Das wird vor Gott ein Verbrechen sein - aber er strafte mich jetzt schon , daß ich mein Kind so wiedersehen mußte ...