... Andere liefen noch herbei durch den Park ... Der Priester war bereits bei der Todten oder Sterbenden ... Weihrauchduft strömte den Eintretenden entgegen ... Dem Grafen , der an Fassung gewonnen hatte , wich man aus ... Daß sie zu einer Todten kamen , lag vorausverkündigt auf aller Mienen ... Einige zum Dienst des Hauses gehörende Frauen wehklagten und schrieen laut ... Noch lauter beim Erscheinen des Grafen .... Scheinbar ruhiger geworden blickte der Graf , der hier ein öffentliches Gericht für sich selbst zu bestehen hatte ... Er betrat zwei aus dem Hof ins Haus führende Stufen , durchschritt eine kleine Rotunde und ging in einen die ganze Länge des Casinos einnehmenden Saal , dessen theilweis herabgelassene Jalousieen dem Raum eine Düsterheit gaben , die zu dem schmerzlichen Anblick gehörte ... Der Geistliche sprach schon seine Segnungen ... Der Arzt , den man an der Sonde erkannte , die er noch in der Hand hielt , öffnete eine Decke ... Auf einem langen runden Tisch lag auf Matratzen und Betten eine ausgestreckte , halb entkleidete jugendliche Gestalt ... Gestreckt und schlaff lagen die Arme und Füße ... Der edelgeformte Kopf war wachsfarben ... An den Schläfen quoll noch Blut aus der tödlichen Wunde ... Das lange schwarze Haar war aufgelöst ; ein Theil lag abgeschnitten daneben ... Der Sturz hatte die Hirnschale zerschmettert und eine Blutergießung verursacht ... Schon trug das mit den regelmäßigsten Formen gezeichnete Antlitz jenen Ausdruck der Ergebung , den der Tod verleiht , jene ernste Strenge , die so hoheitsvoll mit jedem Abgeschiedenen versöhnt , selbst mit dem Verbrecher ... Brust , Hand , die Symmetrie aller Formen war wie von Künstlerhand ... Die Stirn nur klein , aber sanft und eben ... Die beiden schwarzen Augenbrauen über den schwarzen Wimpern zeichneten sich wie zwei ernste Fragezeichen ... Sie waren nicht rund , eher wellenförmig gezeichnet wie bei allen leidenschaftlichen Naturen ... Benno wagte noch nicht dauernd hinzusehen ... Er fürchtete sich , sich selbst wiederzufinden - und die Todte des Kronsyndikus ... Während der Graf über die Leiche stürzte , lange nur schluchzend so ausgestreckt lag , dann auffuhr und rief : Ich kann diese Glieder nicht kalt fühlen ! - betrachtete Benno allmälig sein Ebenbild mit dem tiefsten Grauen ... Er glaubte , jeder müßte ihm zuflüstern : Das sind ja Ihre Züge ... Besonders der Wuchs und die mehr runden , als ovalen Formen des Kopfes waren dieselben wie bei ihm ... Die linke Hand der Todten ergriff er und bebte zurück vor der Kälte , Erschlaffung und Feuchte der Haut ... An den wellenförmigen Augenbrauen erkannte er den Vater , den er im Winter bestatten half ... Der Priester hatte geendet und sprach einige Worte , die nicht dem Formular angehörten , Worte ohne Strenge ... Der Arzt vereitelte jede Hoffnung ... Das Halten eines Federflaums oberhalb der Lippen zeigte nicht die leiseste Bewegung ... Der Graf bat mit leidender Stimme , ihn allein zu lassen ... Auch Benno möchte eine Weile gehen ... Aber nur eine Weile , sagte er ... Er müsse noch mit ihm - jetzt aber mit der Todten allein reden ... Es war ein schauerliches Verlangen ... Alle baten den Tiefgebeugten um Schonung seiner selbst ... Da der Graf die Bitte wiederholte , ging man ... Benno schwankte , ob er nicht bleiben sollte ... Der Strom der Uebrigen drängte ihn mit fort ... Die Diener sorgten , daß sich alle Neugierigen und auch die wirklich Theilnehmenden nach und nach entfernten ... Man ließ niemand mehr ins Haus ... Man brachte es auch dahin , daß sich allmälig die Menschen über die kleine Treppe oder in den Parkwegen entfernten ... Benno stand unter den dunklen Tannen und suchte in dem vor ihm ausgebreiteten Panorama den vierspännigen Wagen ... Er gedachte der Mondnacht auf Altenkirchen , wo die Mutter ihre Scheinehe schloß , dieser Nacht - auch unter solchen Tannen , die den Anfang all dieser schmerzlichen Geheimnisse gab ... Der Drang , sich zu offenbaren , war mächtig in ihm ; aber , er fühlte auf die Länge , er mußte schweigen ... Er hätte in die weiteste Ferne entfliehen mögen ... Er zuckte auf bei jedem Geräusch ... Er glaubte den Wagen hören zu müssen , in dem die Schicksalsmächte die Mutter heranzögen ... Er sah Dämonen mit Fackeln die Rosse führen ... Die Rosse Feuer blasen aus ihren Nüstern ... Der Boden unter ihm wankte ... Der Arzt und der Geistliche schlossen sich ihm an ... Er hätte auch sie fliehen mögen , wie alle ... Er mußte mit ihnen eine Weile unter den düstern Tannen auf und nieder gehen ... Das ägyptische Todtengericht fehlte nicht ... Man ließ der Unglücklichen manche gute Eigenschaft ... Dennoch nannte man sie eine Verirrung des Grafen und verhieß für die Zukunft , wenn Angiolina am Leben geblieben wäre , keinen Bestand seiner ehelichen Treue ... Das hieß soviel , als : Sie ist zum Glück gestorben ! ... Benno war zu gebrochen , um dem festen Willen , der eben erst aus des Grafen Entschließungen gesprochen hatte , ein besseres Zeugniß zu geben ... Es war ihm auch , als nähme er damit einen letzten Schmuck vom Grabe seiner Schwester ... Er ließ ihr den Schein der Gefahr für den Grafen ... Ein Gedicht mußte so in seiner Art würdiger verhallen ... Die Begleiter kehrten zu neuen Ankömmlingen zurück ... Zwei Aerzte kamen aus der Stadt ... Noch waren sie von den italienischen Offizieren begleitet , die theilweise ihre Pferde den Dienern gelassen und jetzt einen Wagen genommen hatten ... Olympia fehlte ... Daß sich wieder der vierspännige Wagen würde sehen lassen , wurde für Benno immer gewisser ... Der Wagen hatte die Reiter verfehlt , hatte noch vielleicht eine weitere Ausfahrt gemacht und war mit dem Ereigniß noch nicht zusammengetroffen ... Benno ' s Fassung mußte sich auf das Alleräußerste rüsten ... Er dachte sich : Wenn jetzt die Mutter käme ! .. Dann immer