Fräulein Heidling selbst zu sprechen . Als Agathe in die Küche trat , gab sie ihr ein fleckiges , nur flüchtig zusammengefaltetes Papier . Ein Bettelbrief . Große , steife Buchstaben von einer ungeübten Kinderhand mit Bleistift niedergekritzelt — für Agathe nur schwer zu entziffern . “ Hochgeährdestes Frölen Heidling ! Entschuldigen Sie , wenn ich mich an Ihnen wende , mit meiner kroßen Not , hochgeährdestes Frölen mein Kleines is mich gestorben und wollen sies auf die Anadomie schicken bei die Studenten und ich bin zu liegen kommen wer soll den Sarg Bezahlen ? hogeährdestes Frölen wenn doch die krosse Güdde hädden und eine Gabe für das , es is mich zu hart das mein Kleines nich soll auf den Friedhof liegen hochgeährdestes Frölen bitte Ihnen inständigst um Verzeihung wohne bei Witwe Krämern . Untertänigst Luise Groterjahn . ” “ Luise Groterjahn . . . ” wiederholte Agathe , vor ihre Erinnerung trat die freundliche Gestalt des kleinen , rundlichen , flachsköpfigen Hausmädchens . “ Luise hat ja hier im Hause gedient , und sie wäre mit dem gnädigen Freilein zum heiligen Nachtmahl gegangen , sagt sie , ” erklärte die Alte mit großer Zungenfertigkeit , und ihre schielenden Blicke liefen an Agathe auf und nieder . “ Da sagt ich bei sie : Luise , sag ich , wende Dich doch an das gnädige Fräulein . Die Miete is se ja schon zwei Monat schuldig , aber man is ja ein Christenmensch , un auf die Straße werf ' ich kenen , ne Freilein , da soll mich Gott vor bewahren , un man thut ja auch gern den Weg un läuft vor so ' n armes Mächen , und erst konnt ' ich die Nummer nich finden . . . . ” “ Woran ist das Kind gestorben ? ” fragte Agathe ungeduldig . Die Alte hob die Augen wehleidig zum Himmel . “ So ' n Engelchen , ” jammerte sie mit einer unangenehmen Sentimentalität , “ ich hab ' s immer gesagt , Luise , hab ich bei sie gesagt , der Wurm verhungert Dir noch . Freilein — unsereens — weeß Gott , mer hat selber seine liebe Not . Nu liegt se mit ' n Bluthusten schon an de vier Monat — keen Verdienst un nischt nich — da is so ' n Kleenes balde hin . — Ne , großer Gott , daß mir so was passieren muß in meinem Hause . ” “ Ich will kommen , ” murmelte Agathe . “ Heut noch . Was muß man thun , damit das Kind nicht . . . . Mein Gott , ich ahnte nicht , daß so etwas geschehen könnte ! ” “ Ach Freilein — ” sagte Dorte grimmig , “ — die armen Leute — da fragt keiner nach , ob die sich die Seele aus ' n Leibe heulen . ” Die Alte erbot sich , mit dem Totengräber zu reden und alles Nötige zu besorgen . Kriechende Demut wechselte mit listiger Schlauheit im Ausdruck ihres Gesichtes . Vertrauenerweckend schien sie nicht , doch mußte man sich wohl ihrer Hilfe bedienen . “ Dorte , ” sagte Agathe bedrückt , “ wir wollen Mama nichts von den Sachen sagen . Ich will erst sehen , wie alles steht . ” Die alte Köchin murrte etwas Unverständliches . Vier Jahre lagen zwischen heut und dem Abend , als Wiesing mit ihrer Lade und dem Dienstbuch , dem Vierteljahrslohn und den bunten Bilderchen aus ihrer Kammer schluchzend abzog . Viele Herrschaften beurteilten ja die Liebschaften ihrer Mädchen nicht so streng . Das war der Rätin unbegreiflich . Wutrows hatten eine Köchin schon zweimal wieder in Dienst genommen . So ein Frauenzimmer um sich zu haben — ein greulicher Gedanke ! Sie kochte allerdings vorzüglich . Nun — Frau Wutrow . . . man war verwandt durch die Kinder und kam in Höflichkeit und Frieden miteinander aus , aber deswegen mit allem einverstanden zu sein , was Frau Wutrow that , das konnte niemand verlangen . Die Wutrow drückte oft ein Auge zu , wo der materielle Vorteil ins Spiel kam . Agathe hatte kein Wort für Wiesing eingelegt . Das Mädchen war ihr unangenehm durch die Erfahrung , die sich an ihre Person knüpfte . Agathe ging langsam die einförmige , von hohen schmutzigen Häusern besetzte Straße hinab , die nach der Stadtgrenze führte , wo die große Infanteriekaserne lag . Hier waren die Schaufenster nicht mehr elegant und glänzend , sondern mit geschmacklosem Plunder vollgestopft . Restauration drängte sich an Kneipe und wieder diese an Wurstkeller und armselige Obsthökereien , wo die Marssöhne sich ihr Frühstück holten . Die Kinder auf den Fußsteigen spielten Soldaten , Trupps von Militär zogen aus und ein . Agathe fand nach einigem Suchen das Haus , wo die Krämern wohnen sollte . Auf der Schwelle hockte ein blasses Kind mit einem Säugling auf dem Arm , es starrte Agathe neugierig an . Im Flur führte rechts eine Glasthür mit ein paar Stufen zu einer Destille . Der Hausflur war wie ein finsterer , übelriechender Schlund . Agathe tappte sich zu der steilen Treppe und begann hinaufzusteigen . Sie las mühsam in der spärlichen Beleuchtung die Schilder an den Thüren . Steiler und gefährlicher , schlüpfrig von feuchtem Schmutz wurde die Treppe . In traurigen Gedanken hatte Agathe nicht darauf geachtet , wie hoch sie gestiegen , und wußte nun nicht , an welcher der vielen Thüren sie klingeln oder klopfen sollte , denn hier gab es keine Schilder mehr . Da sah sie , daß das Kind von der Thürschwelle ihr nachgekommen war . Es hinkte und schleppte doch den schweren Säugling . “ Kannst Du mir sagen , ob hier Frau Krämern wohnt ? ” Es antwortete nicht . Agathe klopfte endlich aufs Geratewohl . Ein Mann in einem wollenen Hemd öffnete . “ Frau Krämern ? ” fragte Agathe schüchtern , “ oder Luise Groterjahn ? ” “ Die ? Zu