Sohne in Kleinigkeiten niemals zu widersprechen . Sie ließ sofort andre Zimmer für ihren Bruder und ihre Nichte in Bereitschaft setzen , so unangenehm ihr der » Mißgriff « Waldemars auch sein mochte , aber es war am Ende natürlich , daß sie die unschuldige Ursache desselben , den armen Fabian , nicht gerade mit freundlichen Augen ansah . Freilich zeigte sie ihm das nicht , denn sie und das ganze Schloß machten bald genug die Erfahrung , daß Waldemar in Bezug auf seinen Lehrer jetzt äußerst empfindlich war und , so wenig Rücksicht er auch für sich selbst beanspruchte , jeden Mangel derselben dem Doktor gegenüber auf das schärfste rügte . Es war dies fast die einzige Gelegenheit , wo er sein Gebieterrecht geltend machte . Hier geschah es aber auch mit einem solchen Nachdruck , daß alles , von der Fürstin an bis herab zu der Dienerschaft , Doktor Fabian mit der größten Aufmerksamkeit behandelte . Das war nun freilich keine schwere Aufgabe dem stillen , immer bescheidenen und höflichen Manne gegenüber , der niemand im Wege stand , fast gar keine Bedienung beanspruchte und sich für jede kleine Aufmerksamkeit dankbar bezeigte . Man sah ihn nicht viel , denn er erschien nur bei Tische , brachte den ganzen Tag bei den Büchern zu und war abends meist bei seinem ehemaligen Zögling , mit dem er sehr vertraut zu sein schien . » Es ist der einzige Mensch , auf den Waldemar überhaupt Rücksicht nimmt , « sagte die Fürstin zu ihrem Bruder , als sie ihn von dem Umtausch der Zimmer benachrichtigte . » Wir werden diese Laune wohl respektieren müssen , wenn ich auch nicht begreife , was er an diesem langweiligen Erzieher hat , den er früher so vollständig beiseite setzte und den er jetzt förmlich auf Händen trägt . « Wie dem nun auch sein mochte , die vollständige Aenderung des früheren Verhältnisses hatte einen unverkennbaren Einfluß auf Doktor Fabian ausgeübt . Seine Schüchternheit und Bescheidenheit waren ihm zwar geblieben ; sie lagen zu tief in seiner Natur begründet , aber das Gedrückte , Aengstliche , das ihm sonst anhaftete , hatte sich zugleich mit der gedrückten Stellung verloren . Sein Aussehen war um vieles kräftiger und frischer als ehemals ; der mehrjährige Aufenthalt in der Universitätsstadt , die Reisen mochten das ihrige dazu beigetragen haben , aus dem kränklichen , scheuen und zurückgesetzten Hauslehrer einen Mann zu machen , der mit seinem immer noch blassen , aber angenehmen Gesicht , seiner leisen , aber wohllautenden Stimme einen durchaus günstigen Eindruck machte und dessen eigene Schuld es war , wenn seine Schüchternheit ihm nicht erlaubte , sich irgendwie zur Geltung zu bringen . Der Doktor hatte Besuch , ein bei ihm seltenes Ereignis . Neben ihm auf dem Sofa saß niemand andres als der Herr Regierungsassessor Hubert aus L. , diesmal aber augenscheinlich in der friedfertigsten Absicht und ohne jede Verhaftungsideen . Jener fatale Irrtum war es ja gerade , der die Bekanntschaft einleitete . Doktor Fabian hatte sich als einziger Freund und Tröster gezeigt in dem Mißgeschick , das über den Assessor hereinbrach , als die Sache bekannt wurde , und das geschah nur zu bald . Gretchen war » herzlos genug gewesen « , wie Hubert sich ausdrückte , sie mit allen Einzelheiten ihren Bekannten in L. preiszugeben . Die Geschichte von der beabsichtigten Verhaftung des jungen Gutsherrn von Wilicza machte die Runde durch die ganze Stadt , und wenn dem Herrn Präsidenten auch nicht amtlich darüber Vortrag gehalten wurde , so erfuhren Seine Excellenz sie doch , und der allzueifrige Beamte mußte eine scharfe Mahnung hinnehmen , künftig vorsichtiger zu sein und , wenn er wieder verdächtige polnische Emissäre suche , nicht an die deutschen Großgrundbesitzer der Provinz zu geraten , deren Haltung gerade jetzt von entscheidender Wichtigkeit sei . Auch in Wilicza war die Sache bekannt geworden . Waldemar selbst hatte sie der Fürstin erzählt ; die ganze Umgegend wußte davon , und wo sich der arme Assessor nur blicken ließ , mußte er versteckte Anspielungen oder offenen Spott hinnehmen . Er hatte gleich am nächsten Tage Herrn Nordeck einen Entschuldigungsbesuch machen wollen , ihn aber nicht angetroffen , und da war es denn der Doktor gewesen , der , obwohl der Mitbeleidigte , sich doch großmütig zeigte . Er empfing den ganz zerknirschten Hubert , tröstete ihn nach Kräften und übernahm es , die Entschuldigung zu vermitteln . Nun war aber die Zerknirschung des Assessors weder von allzugroßer Tiefe noch von allzulanger Dauer ; er besaß eine viel zu große Dosis Selbstbewußtsein , um zur Selbsterkenntnis zu gelangen , und schnellte wie eine Stahlfeder , die man gebogen , sofort wieder in seine frühere Haltung zurück , wenn der Druck nachließ . Der allgemeine Spott ärgerte und kränkte ihn , aber sein Vertrauen zu sich selber war nicht im mindesten erschüttert . Jeder andre hätte sich nach einem solchen Vorfalle möglichst ruhig verhalten , um die Sache erst in Vergessenheit zu bringen , und sich vorläufig nicht zu ähnlichen Aufträgen gedrängt , aber gerade das that Hubert mit einem wahrhaft fieberhaften Eifer . Es hatte sich bei ihm die fixe Idee festgesetzt , er müsse die Sache um jeden Preis wieder gut machen und den Kollegen , dem Präsidenten und ganz L. zeigen , daß seine Klugheit trotz alledem über jeden Zweifel erhaben sei . Jetzt mußte er notgedrungen ein paar Verschwörer aufgreifen oder eine Verschwörung entdecken , gleichviel wo oder wie – das wurde zu einer Art Lebensfrage für ihn , und er war fortwährend auf der Jagd nach diesen beiden . Wilicza blieb dabei nach wie vor sein Hauptaugenmerk , dieses Wilicza , dessen Gefährlichkeit man in L. sehr gut kannte und dem man doch niemals beikommen konnte , jetzt weniger als je , seit es sich zeigte , daß man so gar keine Hoffnungen auf die Anwesenheit des jungen Gutsherrn setzen durfte . Er war , obwohl ein Deutscher , doch gänzlich in den Händen seiner