, aber man übersah vom Fenster aus doch wenigstens den erleuchteten Weg , der auf den Schloßberg führte ; man gewahrte jeden Kommenden schon in der Entfernung , und darum wich das junge Mädchen nicht von diesem Platze . Es war freilich nicht mehr die frühere Gabriele Harder , die da so stumm und bleich mit krampfhaft verschlungenen Händen am Fenster lehnte und hinausblickte , als könne und müsse ihr Auge die Dunkelheit durchdringen . Dieses angst- und verzweiflungsvolle Harren vollendete , was die letzten Wochen begonnen hatten , das Erwachen aus dem Kindestraume , mit dem das junge Mädchen so lange sich und Andere getäuscht hatte . In ihr und um sie her war ja Alles Sonnenschein gewesen bis zu dem Momente , wo ein einziger Blick ihr die Tiefe einer bis dahin ungeahnten Leidenschaft enthüllte . Da war der erste Schatten auf ihren Weg gefallen , der nicht wieder weichen wollte . Die „ Schmetterlingsnatur “ , die einst spielend an Allem vorüberflatterte , was Leib und Kummer hieß , verschwand , als der Sonnenschein aus ihrem Leben wich , und was sich unter dem Bann jenes Blickes emporrang , das war ein heiß und leidenschaftlich empfindendes junges Wesen , dem sein Antheil am Kampf und Schmerz auch nicht erspart blieb . Jetzt , wo Gabriele zum ersten Male um ein Leben zitterte , das sie bedroht wußte , fühlte sie auch , was dieses Leben ihr war . Es war umsonst , sich noch länger darüber zu täuschen . Auch die zweite Stunde war schon zur Hälfte verflossen , und noch immer traf weder der Gouverneur selbst , noch irgend eine Nachricht von ihm ein . Gabriele hatte das Fester geöffnet , in der Hoffnung , den Wagen zu hören , der den Erwarteten bringen mußte , aber der Weg lag einsam und öde da , und die Flamme der Laternen flackerten in dem immer heftiger werdenden Winde unruhig auf und nieder . Da endlich ließ sich der ersehnte Laut vernehmen , zwar kein Rädergerassel , aber Stimmen und Fußtritte mehrerer Personen , die jetzt auch aus der Dunkelheit auftauchten . Sie kamen näher , die Stimmen wurden deutlicher , und ein halb unterdrückter Aufschrei der Freude entrang sich Gabrielens Lippen ; sie hatte die Gestalt Raven ’ s erkannt , der in Begleitung mehrerer Herren zu Fuß den Weg heraufkam und wenige Minuten später in den hellen Lichtkreis des Portals trat . „ Ich danke Ihnen , meine Herren , “ sagte er , stehen bleibend . „ Sie sehen , es war unnöthig , daß Sie mir Ihre Begleitung aufdrangen ; wir sind aus dem ganzen Rückwege nicht belästigt worden . Ich sagte es Ihnen ja , der Tumult ist vollständig vorüber – für heute . “ „ Ja , Excellenz allein haben ihn durch Ihr rechtzeitiges Erscheinen [ 342 ] zersprengt , “ tönte die Stimme des Hofrath Moser , der neben seinem Chef stand . „ Man war am Begriff , das Stadtgefängniß zu stürmen und die Verhafteten zu befreien , als Sie so unerwartet eintrafen . Ich habe mit Bewunderung gesehen , wie Excellenz durch die bloße Autorität Ihrer Persönlichkeit die rebellische Menge bezähmten und zur Ordnung brachten , nachdem der Herr Polizeidirector mit seinem ganzen Beamtenpersonal es vergebens versucht hatte . “ Der Polizeidirector , der sich gleichfalls in der Begleitung des Gouverneurs befand , schien die Bemerkung übel zu nehmen , denn er entgegnete mit unverkennbarer Bosheit : „ Sie konnten das allerdings vom Fenster aus am besten beurtheilen , Herr Hofrath , und hatten überdies noch das angenehme Gefühl , in vollster Sicherheit zu sein , während Freiherr von Raven und ich uns mitten im ärgsten Tumult befanden . “ „ Ich sah die Unmöglichkeit ein , zu meinem Chef zu gelangen , “ erklärte der Hofrath , „ sonst hätte ich sicher versucht – “ „ Nicht doch ! “ fiel ihm der Freiherr in ’ s Wort . „ Von Ihrer Seite wäre es ein ganz unnöthiges Wagniß gewesen , während es für mich und den Polizeidirector Pflicht war . – Es bleibt also bei den besprochenen Maßregeln , “ wandte er sich an den Letzteren . „ Ich hoffe , sie werden für die Nacht ausreichen . Morgen kommt Oberst Wilten zurück , und ich werde sofort Rücksprache mit ihm nehmen damit der Wiederholung solcher Scenen ein für alle Mal vorgebeugt wird . Für den Augenblick ist alles Nothwendige geschehen . Sollten sich die Excesse wider Erwarten an irgend einem Punkte der Stadt wiederholen , so benachrichtigen Sie mich ! – Guten Abend , meine Herren ! “ Er verabschiedete sich mit kurzem Gruße von seinen Begleitern und trat in das Portal . Gabriele schloß leise das Fenster ; sie wollte das Zimmer verlassen ; der Freiherr sollte sie nicht hier finden , aber es war zu spät . Er mußte in stürmischer Eile die Treppe erstiegen haben , denn sie hörte bereits seinen Schritt in einem der Nebengemächer und hörte ihn auch zugleich fragen : „ Wie ? Baroneß Harder ist nicht in ihrer Wohnung ? “ „ Das gnädige Fräulein ist im Arbeitszimmer Eurer Excellenz , “ erwiderte die Stimme des Dieners , „ und wartet dort schon seit länger als einer Stunde . “ Es erfolgte keine Antwort , aber der Schritt kam mit verdoppelter Eile näher ; die Thür wurde aufgerissen und Raven trat ein . Sein erster Blick fiel auf Gabriele , welche die Fensternische verlassen hatte und jetzt , bebend an allen Gliedern , dastand . Er errieth , weshalb sie gerade hier auf ihn gewartet , und war im nächsten Augenblicke an ihrer Seite . „ Ich wollte Dich drüben in Deinen Zimmern aufsuchen und hörte , daß Du hier seiest , “ sagte er – seine Stimme klang athemlos , gepreßt . „ Es war mir nicht möglich , Dir eine beruhigende Nachricht zu senden , der Tumult ist erst jetzt bezwungen worden . Für den Augeublick ist