die Schilderung so ganz ihre Wirkung verfehlte . Eugenie hatte zwar mit sichtbarer Spannung zugehört , aber sie war auffallend bleich und ungewöhnlich still dabei geworden , und der Erzähler wartete am Schluß vergebens auf irgend eine Aeußerung von ihren Lippen . Sie hatte ihm , ohne die Sache auch nur mit einen Worte weiter zu berühren , höflich kühl gedankt und ihn dann höflich kühl entlassen , und der junge Mann war davon gegangen , höchst befremdet und etwas beleidigt über diesen Mangel an Theilnahme . Also auch die gnädige Frau hatte kein Verständniß für die Poesie solcher Situationen ! Oder hatte sie dieselbe vielleicht nur deshalb nicht , weil ihr Mann der Held derselben war ? Ein Anderer würde wahrscheinlich triumphirt haben bei dem Gedanken , aber Wilberg ’ s Dichterphantasie zeichnete sich gewöhnlich dadurch aus , daß sie natürliche Empfindungen geradezu auf den Kopf stellte . Er fand sich gekränkt , daß der begeisterte Vortrag , sein Vortrag , so ganz die Wirkung verfehlt hatte ; er fühlte überhaupt in der Nähe Eugeniens stets etwas von der „ Gletscheratmosphäre “ , die sie nach der Behauptung des Oberingenieurs umwehte . Sie war stets so fern , so hoch und unerreichbar und war es gerade dann am meisten , wenn sie sich voll Güte herabließ . Es blieb dieser Herablassung gegenüber wirklich keine andere Wahl , als entweder unbedingt anzubeten oder sich schrecklich unbedeutend und nichtig vorzukommen , und Herr Wilberg , dem Letzteres in keinem Falle passiren konnte , zog natürlich das Erstere vor . In diese und ähnliche Gedanken versenkt , war er bis in die Nähe der Wohnung des Schichtmeisters gekommen , und da er wie gewöhnlich weder rechts noch links sah , traf er auf der Brücke so dicht mit einer jungen Dame zusammen , die eben von drüben herkam , daß diese sich mit einem leisen Schrei und einem Sprunge seitwärts vor dem stürmischen Anprall in Sicherheit brachte . Wilberg sah jetzt erst auf und stotterte eine verlegene Entschuldigung . [ 190 ] „ Verzeihen Sie , Fräulein Melanie ! Ich sah Sie nicht . Ich war so in Gedanken versunken , daß ich gar nicht auf den Weg achtete . Fräulein Melanie war die Tochter des Oberingenieurs , dessen Haus der junge Beamte zuweilen besuchte , aber seine Ideen nahmen bekanntlich einen so hohen Flug , daß er wenig auf ein sechszehnjähriges Mädchen achtete , das allerdings eine zierliche Gestalt , ein allerliebstes Gesicht und ein Paar schelmische Augen , sonst aber gar nichts Romantisches besaß . Dergleichen war ihm lange nicht poetisch genug , und die junge Dame ihrerseits hatte sich bisher auch nicht viel um den blonden Herrn Wilberg bekümmert , der ihr ziemlich langweilig vorkam , der es jetzt aber doch für nothwendig hielt , seine unfreiwillige Unart durch einige höfliche Worte wieder gut zu machen . „ Sie kommen jedenfalls von einem Spaziergange zurück , Fräulein Melanie ? Waren Sie weit hinaus ? “ „ Ach nein , gar nicht weit . Papa hat mir alle größeren Spaziergänge verboten und sieht es überhaupt nicht gern , wenn ich jetzt allein ausgehe . Sagen Sie , Herr Wilberg , ist es denn wirklich so gefährlich mit unseren Bergleuten ? “ „ Gefährlich ? Wie meinen Sie das ? fragte Wilberg diplomatisch . „ Nun , ich weiß nicht , aber Papa ist bisweilen so ernst , daß mir angst und bange wird ; er hat auch schon davon gesprochen , die Mama und mich zum Besuch in die Stadt zu schicken . “ Der junge Mann legte sein Gesicht in melancholische Falten . „ Die Zeiten sind ernst , Fräulein Melanie , furchtbar ernst ! Ich kann es Ihrem Herrn Vater nicht verargen , wenn er Gattin und Tochter in Sicherheit wissen will , wo wir Männer stehen und kämpfen müssen bis auf den letzten Mann . “ „ Bis auf den letzten Mann ? “ schrie die junge Dame entsetzt auf . „ Um Gotteswillen ! Mein armer Papa ! “ „ Nun , ich meinte das nur bildlich ! “ beruhigte sie Wilberg . „ Von einer persönlichen Gefahr ist keine Rede , und sollte es dennoch dazu kommen , so schließen den Herrn Oberingenieur ja seine Jahre , seine Pflichten als Gatte und Vater davon aus . Dann treten wir Jüngeren in die Bresche ! “ „ Sie auch ? “ fragte Melanie mit einem etwas mißtrauischen Blick . „ Gewiß , Fräulein Melanie , ich zuerst ! “ Herr Wilberg , der , um der Betheuerung noch mehr Nachdruck zu geben , die Hand feierlich auf die Brust gelegt hatte , machte urplötzlich einen Satz rückwärts und retirirte dann eiligst nach der anderen Seite hinüber , wohin ihm Melanie mit gleicher Schnelligkeit folgte . Dicht hinter ihnen stand die riesige Gestalt Hartmann ’ s , der unbemerkt über die Brücke gekommen war , und dessen Gesicht jetzt ein verächtliches Lächeln überflog , als er den sichtbaren Schreck der beiden jungen Leute gewahrte . „ Sie brauchen sich nicht so zu fürchten , Herr Wilberg ! “ sagte er ruhig . „ Ich thue Ihnen nichts zu Leide . “ Der junge Beamte schien doch die Lächerlichkeit seines Zurückweichens zu fühlen und einzusehen , daß er als Begleiter und Beschützer einer jungen Dame nothgedrungen ein anderes Benehmen zeigen müsse . Er raffte deshalb seinen Muth zusammen , stellte sich dicht vor die nicht minder ängstliche Melanie und entgegnete mit ziemlicher Festigkeit : „ Ich traue es Ihnen auch nicht zu , Hartmann , daß Sie uns hier auf offener Straße anfallen werden . “ „ Die Herren Beamten scheinen doch so etwas zu glauben ! “ spottete Ulrich . „ Sie laufen allesammt davon , sobald ich mich nur blicken lasse , als wäre ich ein Straßenräuber . Nur Herr Berkow macht es anders , “ in Hartmann ’ s Stimme grollte es wieder , als könne er den gehaßten Namen nicht ruhig aussprechen . „