mit weisem Herzen in die Waage gelegt gegen seine Schroffheiten , sein absprechendes Wesen und seine Spöttereien über Geistlichkeit und Gottesdienst , die vielleicht doch im Grunde weniger schlimm gemeint waren , als sie übel klangen . Doch war sie – nach dieser rauhen Begegnung mußte sie sich ' s gestehen – noch keineswegs zu einem günstigen Ergebnis gekommen . So entschlug sie sich dieser Gedanken ohne daß es sie große Mühe kostete und wandelte , den silberhellen Blumenstrauß in ihrer Hand ordnend , langsam die letzten Stufen hinauf . Fräulein Amantia hegte für den edlen Gast ihres Vaters eine unbegrenzte Verehrung , welche die liebenswürdige Leutseligkeit des Herzogs von jeder Zutat beklommener Scheu befreit hatte . Sie pflegte alltäglich zu einer Stunde , wo er sich nicht ungern stören ließ , in seinem Empfangszimmer zu erscheinen und nach seinen Wünschen zu forschen . Er ermangelte dann nie , hatte er nicht dringende Geschäfte , das gute Kind zurückzuhalten und sich nach den Interessen ihres Tages zu erkundigen . Heute kam sie eben aus der Wochenpredigt , weniger erbaut als in Zweifel versenkt , denn der Pfarrer Saluz hatte über einen außer der Reihenfolge liegenden Text mit großer Heftigkeit gepredigt , und über welchen schauerlichen Text – den Verrat des Judas Ischariot , Matthäus am sechsundzwanzigsten ! Er hatte dadurch seine Zuhörer in große Aufregung versetzt , die sich ängstlich nach dem Zielpunkte dieser Anspielung umsahen , und sich , sagte Fräulein Amantia , fast wie seinerzeit die Jünger fragten : » Herr , wer ist es , der dich verrät ? « Achtes Kapitel Achtes Kapitel Wenige Tage später , den 19. März , eilte der gelehrte Ritter Fortunatus Sprecher die Treppe zu den Gemächern seines erlauchten Gastes herauf . Diese frühe Morgenstunde konnte unmöglich zur Fortsetzung der Biographie des Herzogs geeignet sein ; auch war das Antlitz des Ritters , der krampfhaft ein großes mit dem Bündnerwappen verziertes Druckblatt in der Hand hielt , wie solche zu öffentlichen Kundgebungen an die Mauer geschlagen werden , heute besonders schwer verdüstert . Oben angelangt , blieb er atemlos einen Augenblick stehen und sammelte sich . Doch ließ er dem Kammerdiener kaum Zeit ihn anzumelden und drang ohne die gewohnte Rücksicht und Höflichkeit in das Arbeitszimmer des Herzogs ein , wo dieser , seine Bibel lesend , im Erker saß und jetzt , über die Störung erstaunt , zu dem Eintretenden aufblickte . » Es sind unerhörte Ereignisse « , begann Herr Sprecher , » die mich zwingen , erlauchter Herr , Eure Morgenandacht zu stören . Es ist , kaum wage ich es auszusprechen , die Sorge um die Sicherheit Eurer edlen Person , die mich dazu treibt . Könnt ich Euch doch in mein Herz blicken lassen , damit Ihr darin meine aufrichtige und in jeder Probe stichhaltige Ergebenheit läset , überzeugender als mein Mund sie ausdrücken kann ! – In meine geschichtlichen Arbeiten vertieft und gewohnt auf die eiteln Geräusche des Tages wenig zu merken , habe ich leider die Bedeutung der wirren Stimmen unterschätzt , die allerdings in der letzten Zeit an mein Ohr schlugen . Ich wollte Euch nicht unnötig damit beunruhigen . « Der Herzog erhob sich rasch . » Kommt zur Sache , Herr ! « sagte er bestimmt und ruhig . » Was ist das für ein Blatt ? Gebt her . « Sprecher überreichte das verhängnisvolle Druckblatt und stöhnte mit sinkender Stimme : » Es ist der Aufstand gegen Frankreich und die Ernennung des Jürg Jenatsch zum Obergeneral der drei Bünde ! « – Rohan durchlief das Blatt und erblaßte . Es enthielt einen Aufruf an das Volk , der die Beschwerden der Bündner gegen die Krone Frankreich in kurzen , treffenden Worten zusammenfaßte und zum Vertrauen auf Spanien-Österreich aufforderte , das sich bereit erkläre , Bündens alte Grenzen und Freiheiten zu gewährleisten . Alle bündnerischen Waffen wurden unter den Befehl des Jürg Jenatsch gestellt . Die Schlußworte lauteten : » Ihr Gemeinden der drei Bünde , greift zum Schwert , erhebt euch zum Landsturm im Namen des Herrn . Sammelt euch bei Zizers nächst Chur am neunzehnten des Märzen . « Hier folgten die Unterschriften der drei Bundeshäupter , obenan diejenige des Amtsbürgermeisters Meyer von Chur . Der Herzog warf das Blatt empört auf den Tisch . Er rief nach seinen Dienern , befahl zu satteln und fragte nach Wertmüller Mit diesem wollte er nach der Rheinschanze reiten . Seine schnelle Geistesgegenwart und militärische Spannkraft verließ ihn nicht einen Augenblick . Während ihn sein Diener ankleidete , wagte der geängstigte Sprecher noch einige Beteuerungen , Andeutungen und Räte . » Die Unterschriebenen sind alle Mitglieder des Kettenbundes Gott weiß , ich hielt ihn für eine gemeinnützige Gesellschaft ohne gefährliche Nebenzwecke ! – Und dieser Bürgermeister Meyer , der sich immer so verächtlich über den charakterlosen Jenatsch und so feindselig gegen das papistische Spanien äußerte ! . . . Ich fürchte , erlauchter Herr , mein Hausrecht wird Euch hier nicht schützen können ! . . . Ihr kommt durch die nach Zizers strömenden Volksmassen nicht mehr in die Rheinschanze ... Horcht ! Mein Gott , nun läutet es auch in der Stadt von allen Türmen Sturm ... Vielleicht ließe sich nächtlicherweile ein Fluchtversuch nach Zürich wagen und von dort würdet Ihr auf Umwegen Euer Heer im Veltlin erreichen ! « – Während dieser Worte war der Galopp eines Pferdes auf dem Pflaster erklungen und schon stand der Adjutant Wertmüller in dienstlicher Haltung , aber mit zornblitzenden Augen vor dem Herzog . » Die Bündnerregimenter im Domleschg meutern und marschieren mit fliegenden Fahnen auf Chur , Erlaucht « , meldete er . » Ich wäre ihnen bei einem Morgenritte nach Reichenau fast in die Hände gefallen . Sie sind mir auf den Fersen . Hier in der Stadt liegt , wie der edle Herr weiß , nur die Freikompanie der Prätigauer Treue Leute ! Ich habe sie an das nördliche Tor beordert . Ihr Hauptmann Janett schwur mir zu , er sei