junge Mädchen . » Ich kann nicht gerade sagen , daß ich das Reiten der Damen sehr liebe – allein ich will stark und kräftig werden , und solch ein Ritt in der frischen Morgenluft stählt Muskeln und Nerven . « » Und darf man wissen , weshalb Gräfin Sturm sich um jeden Preis zur Walküre ausbilden will ? « examinierte der Minister weiter – das satirische , anziehende Lächeln umspielte seine Lippen . Giselas schöne braune Augen sprühten auf . » Weshalb ? « wiederholte sie . » Weil gesund sein › leben ‹ heißt – weil es mich beleidigt und verletzt , ewig der Gegenstand des allgemeinen Mitleids zu sein – weil ich die letzte Sturm bin ! Ich will nicht , daß dies hohe Geschlecht in einem elenden , gebrechlichen Geschöpf endet ... Wenn ich in die Welt eintrete – « Die Baronin hatte bis dahin Frage und Antwort spöttisch lächelnd , doch vollkommen ruhig mit angehört – in diesem Augenblick aber überflammte eine Scharlachröte ihr Gesicht . » Ah – du willst zu Hofe gehen ? « unterbrach sie das junge Mädchen . » Sicher , Mama « , antwortete Gisela ohne Zögern . » Ich muß ja schon um der Großmama willen – sie ist ja auch zu Hofe gegangen ... Ich sehe sie noch , wenn sie , mit Brillanten bedeckt , abends in mein Zimmer kam , um mir adieu zu sagen ... Aber ich habe auch einmal gesehen , wie ihr das Diadem einen tiefen , roten Streifen in die Stirne gedrückt hatte – ich habe einen wahren Abscheu vor den kalten , schweren Steinen , und es macht mir angst , zu denken , meine Stellung könnte mich einmal zwingen , Großmamas Brillanten zu tragen . « Sie fuhr unwillkürlich mit beiden Händen nach dem warmen weißen Halse , als fühle sie dort bereits das eiskalte , gleitende Diamantkollier . So sehr auch der Minister seine Züge in der Gewalt hatte , über ein Erbleichen , das bei Erwähnung der Brillanten seine Wangen bedeckte , vermochte er doch nicht zu gebieten . Er schleuderte seine Zigarre als unbrauchbar weithin über die Wiese und beschäftigte sich angelegentlich damit , eine bessere in seinem Etui zu suchen . Das schöne Gesicht seiner Gemahlin aber versteinerte förmlich in dem Ausdruck finsteren Nachsinnens . Sie rührte unablässig mit dem Löffel in der Schokolade – diese strahlenden Augen senkten sich sonst nie – innere Beschaulichkeit war nicht Sache Ihrer Exzellenz – jetzt aber breiteten sich die langen Wimpern wie ein unheimlicher Schatten über die weißen Wangen . Als ob er nicht eine Silbe von dem Wortwechsel der beiden Damen gehört habe , sagte der Minister nach einer Pause ganz in dem gütig nachgiebigen Tone , den er früher dem kranken Kinde gegenüber stets festgehalten hatte : » Ich sehe schon , daß ich unserem guten alten Medizinalrat werde den Laufpaß geben müssen – er imponiert seiner kleinen eigensinnigen Patientin nicht mehr – und dich zu irgend etwas zwingen zu wollen , kann mir nicht einfallen , Gisela ... Vielleicht gefällt dir Doktor Arndt in A. ; ich werde ihn kommen lassen , denn , Kind – so himmelstürmende Begriffe du auch von deinem Gesundheitszustand hast – du bist noch lange nicht hergestellt , im Gegenteil , der Medizinalrat prophezeit für die allernächste Zeit einen um so heftigeren Ausbruch deiner Anfälle als – « Er hielt inne und blickte mit gerunzelter Stirne nach der entgegengesetzten Seite des Waldes . » Sehen Sie doch dort einmal hinüber – ich glaube , es kommen Leute « , sagte er zu einem herbeigerufenen Lakai . » Exzellenz , der nächste Fußweg nach Greinsfeld geht hier vorüber « , wagte der Mann vorzustellen . » Sehr weise bemerkt , lieber Braun – so viel weiß ich auch , will aber nicht , daß die Leute vorbeigehen , wenn ich da bin ; es führen noch andere Wege nach Greinsfeld « , sagte der Minister scharf . 14 Währenddessen war das Menschenkind , dessen Gewand hell durch das Dickicht schimmerte , auf die Wiese herausgetreten ; es war das Töchterchen des Neuenfelder Pfarrers . Gisela sah das Kind daherkommen ; einen Augenblick überschlich sie dasselbe Gefühl , infolgedessen sie vorgestern , wenn auch nur während der Dauer eines Pulsschlages , überlegt hatte , wie sie wohl die Kinder im Kahn beseitigen könne : die Scheu , im Verkehr mit Niedrigerstehenden von Standesgenossen betroffen und von ihnen verurteilt zu werden – eine feige , erbärmliche Empfindung , welche die Menschenseele entwürdigt und die , seit die menschliche Gesellschaft durch selbsterfundene Schranken sich trennt und zersplittert , zahllose Tränen schwergekränkter und beleidigter Herzen verschuldet hat ... Aber auch jetzt siegte die ursprüngliche Charakteranlage über die Resultate der Erziehung bei der jungen Gräfin . Sie erhob sich rasch und streckte dem nun pflichtschuldigst vorschreitenden Lakai abwehrend die Hand entgegen . » Das Kind darfst du mir nicht wegschicken , Papa « , sagte sie sehr entschieden zu dem Minister . » Es ist die Kleine , die vorgestern durch meine Schuld beinahe ertrunken wäre . « Sie nahm das Kind , das auf sie zulief , bei der Hand und küßte es auf die Stirne . Das allerliebste Geschöpfchen hatte genau das Kindergesicht , wie es der Leser vor zwölf Jahren unter dem Christbaum des Neuenfelder Pfarrhauses in siebenfacher Wiederholung gesehen hatte – rund und rosig weiß wie die Apfelblüte , und mit einem Paar strahlender Blauaugen , die glückselig zu der jungen Gräfin aufsahen . » Ich danke auch schön für die vielen , vielen Apfelsinen , die Sie mir geschenkt haben ! « sagte die Kleine . » Ach , die riechen so gut ! ... Und meine blaue Orleansschürze hat die Mama ausgebügelt , und sie ist wieder wie neu ! ... Die Mama kommt auch – wir gehen nach Greinsfeld ; ich bin vorausgelaufen und habe für die Muhme Röder Erdbeeren im Walde gesucht , aber Ihnen geb ' ich sie