Geschäftsfreunde mitgebracht , die in den Fremdenzimmern logierten . Die Gäste waren Koryphäen der Handelswelt ; sie wollten Nachmittags ihre Reise fortsetzen , und um ihnen Gelegenheit zu geben , auf der Durchreise mehrere ihrer Bekannten in der Residenz zu sprechen , hatte der Kommerzienrat in der Nacht noch ein großes Herrenfrühstück für den anderen Morgen angeordnet . Köchin und Hausmamsell hatten vollauf zu tun , und die Bedienten liefen treppauf , treppab . Käthe hatte die ganze Nacht schlaflos verbracht . Die am Tage empfangenen Eindrücke und die Sorge um Henriette hatten sie nicht ruhen lassen . An dem einen Eckfenster ihres Zimmers hatte sie stundenlang gestanden und über die windgeschüttelten Parkbäume hinweggeforscht , ob nicht wenigstens eine im Mondschein flimmernde Spitze der Wetterfahnen auf dem Hause am Flusse zu sehen sei , aber es war wie versunken gewesen , das niedrige Haus , und still geblieben war es dort auch , obgleich Käthe jeden Augenblick gemeint hatte , es müsse Jemand die Allee heraufkommen , um mit einer schlimmen Nachricht die Schlafenden in der Villa aufzurütteln . Und vom anderen Fenster aus hatte sie dann die Ankunft des Kommerzienrates mit angesehen . Im Nu , wie aus der Erde gestampft , waren die Dienstleute der Villa mit ihren Sturmlaternen um den Wagen postiert gewesen ; die hellen Lichtflammen hatten die weißen Säulen des Portikus angestrahlt , hatten sich in dem silberfunkelnden Pferdegeschirre und den glänzenden Leibern der Goldfüchse gespiegelt und waren kräftig genug gewesen , auch das bronzierte , an der Promenade hinlaufende Gitter und mehrere herrliche Marmorfiguren aus dem Dunkel hervortreten zu lassen . Das Alles hatte hocharistokratisch ausgesehen . Dann war der Kommerzienrat aus dem Wagen gesprungen , die stattliche , noch jugendlich elastische Gestalt in den eleganten Reisepelz gehüllt , in jeder seiner gebieterisch sicheren Bewegungen der reiche Mann , der eben noch reicher geworden , ein glänzender Komet , an dessen Fersen , magnetisch angezogen , der glitzernde Goldstrom sich hing . Er hatte seine Gäste in ihre Appartements geführt und erst gegen zwei Uhr das Haus mit dem voranleuchtenden Bedienten verlassen , um sich im Turme zur Ruhe zu begeben . Dann war es allmählich still geworden in der Villa , aber der Wind hatte sein Pfeifen und Blasen um das Haus fortgesetzt und den Schlaf von Käthe ’ s Augen verscheucht . Erst mit Tagesanbruch war sie eingeschlummert , zu ihrem großen Verdruß ; denn nun hatte sie sich verspätet , und statt um sechs Uhr Morgens , wie sie gewollt , das Haus am Flusse zu betreten , kam sie erst in der neunten Stunde dort an . Es war ein schöner , klarer Morgen . Der ungestüme Nachtwind hatte sich zu jenem südlich warmen Hauche gesänftigt , der den Duft der ersten Frühlingsblumen im Athem behält , und der spröde zögernden Knospe schmeichelnd , aber beharrlich den braunen Schleier vom Gesichte zu ziehen sucht . … Auf des Doktors Hause zwitscherten die Vögel ; das dunkle Geäst der Kirschbäume , das sich an die eine Hausecke schmiegte , erschien mit unerschlossenen , winzigen Blüthenköpfchen zartweiß gesprenkelt , und vor der glanzvollen Morgenbeleuchtung konnten sich die sprossenden Halme im Rasengrunde auch nicht mehr verstecken – der ehemalige Bleichplatz schimmerte in einem schwachen jungen Grün . Als Käthe die Brücke passierte , floß das Wasser sonnendurchleuchtet und klar bis auf den Grund unter dem morschen Holzbogen dahin , fast sanftmüthig und friedlich – was Wunder ! Die Wellen , die gestern den fortgeschleuderten Ring empfangen , hatten unterdeß ein weites Stück Weges zurückgelegt und strömten dem Ozean zu – nur sie konnten erzählen von den verrätherischen Frauenhänden , die so gewaltsam eine drückende Kette gesprengt . Das Haus am Flusse hatte heute etwas eigenthümlich Feierliches . Das rote Ziegelgetäfel im Flure war mit feingesiebtem , weißem Sande bestreut ; der Duft einer feinen Räucheressenz schlug dem Eintretenden entgegen ; auf dem kleinen Tische , nahe der Hausthür , lag eine frische Serviette , und darauf stand ein mächtiger Strauß von Tannenzweigen , Maikätzchen und Anemonen , in einer alterthümlichen , großen Thonvase . … Und die alte , getreue Köchin war auch angekommen ; sie stand schon in voller Thätigkeit , mit aufgestreiften Aermeln , die glänzend weiße Schürze über die derben Hüften gebunden , als sei sie nie fortgewesen , am Küchentische , und das gute , rotbackige Gesicht sah zufrieden und glücklich aus . … Warum aber erschien die Tante Diakonus heute , am frühen Morgen , im kaffeebraunen Seidenkleide , auf dem vollen Scheitel eine weiße Spitzenbarbe , und auch an Hals und Handgelenk mit Spitzen umkräuselt ? Käthe ’ s Herz zog sich zusammen vor Weh und Angst – geschah das Alles der Braut zu Ehren , die doch heute wiederkommen mußte , um die kranke Schwester zu besuchen ? Die alte Frau sagte kein Wort darüber . Sie schien nur sehr bewegt zu sein , und man sah es noch an den zartgerötheten Augenlidern , hörte es in der weichen Stimme , daß Thränen der Rührung geflossen waren . Sie theilte dem jungen Mädchen freudig mit , daß die Nacht für die Leidende gut verlaufen und der Anfall nicht wiedergekehrt sei . Für diese beruhigende Nachricht küßte ihr Käthe die Hand , und da geschah das Seltsame , daß die sonst so zurückhaltende Frau plötzlich die Arme um die schöne , jugendliche Mädchengestalt schlang und sie wie eine Tochter zärtlich an das Herz zog . Dann führte sie die froh Erstaunte schweigend in das Krankenzimmer . Henriette saß aufrecht im Bette , und die Jungfer ordnete ihr ein wenig das reiche Haar unter dem Nachthäubchen , der Doktor aber hatte sich vor einer Stunde zurückgezogen , um zu ruhen . … Das schmale , langgezogene Gesicht der Kranken mit den fleischlos hervortretenden Backenknochen und den verhängnißvollen schwarzen Ringen unter den Augen hatte in der einen Nacht einen scharf hippokratischen Zug angenommen , der Käthe erschreckte , aber der Ausdruck der Züge war ein glücklicher . Sie konnte