Lager , dort der steinerne Wasserkrug ; eiserne Stangen , kreuzweise miteinander verbunden , versperren die Fensteröffnung , und eiserne Schienen und schwere Riegel lassen kaum noch eine Probe von dem Holz der Thüre durchschimmern . » Ach , welche Vorsichtsmaßregeln , um einen einzigen schwachen Sterblichen gefangen zu halten ! Und dennoch , sie sind nicht zu stark ; denn hinter den eisernen Stangen und hinter den schweren Schlössern liegt die Freiheit , die holde , süße Freiheit , und wer fühlte nicht Riesenkräfte in seinen Armen , wenn es gilt , die Freiheit zu erringen ! Solche Gedanken beschäftigten meinen Geist , als ich den ersten Schlag meiner Verhaftung überwunden und eine ruhigere Ueberlegung an Stelle des wahnsinnigen Schmerzes getreten war . Traurig und langsamen Schrittes durchmaß ich meine düstere Zelle , und vergeblich versuchte ich eine letzte Spur von dem jugendlichen Muth wachzurufen , der mich vor Kurzem noch in so hohem Grade beseelte . Mein Fenster lag nach der Straße hinaus ; aus Besorgniß , daß ich oder Andere , die mein Schicksal theilten , sich durch Zeichen mit den vorüberwandelnden Menschen verständigen könnten , hatte man vor den eisernen Gittern hölzerne , grün angestrichene Jalousien angebracht , deren Oeffnungen aber nach oben wiesen . Man gönnte uns nicht den Anblick lebender Wesen ; einige schmale Streifen des Himmels waren Alles , was man uns ließ . Wie wenig , und roch schöpfte ich daraus so manchen Trost , so manche Hoffnung . Stundenlang stand ich vor den knapp zugemessenen Oeffnungen , die Blicke emporgerichtet . Andächtig betrachtete ich den bald blauen , bald verschleierten Himmel . Die dahinziehenden Wolken schienen in meinen Augen Leben zu erhalten und ich beneidete sie um die weite Fernsicht , welche ihnen dort oben offen stand . Erblickte ich aber gar eine Schwalbe , die fröhlich und sorglos meinen so neidisch begrenzten Gesichtskreis durchsegelte , dann hatte ich weinen mögen vor bitterem Weh und Herzeleid . Als die Schwalben zum letzten Mal beim Herannahen des Winters schieden , da zog in meine Brust der Frühling ein , und jetzt , da die Verkünderinnen des Frühlings wieder eingetroffen , durchbebte winterliche Kälte meine Seele . Ich war gealtert , mein Lebensmuth gebrochen , und an den schönsten Traum meines Lebens durfte ich nicht denken , wenn ich nicht dem Wahnsinn anheimfallen wollte . Welchen Begriff hatte ich ehemals von der Freiheit , und welchen jetzt ? Und wie erniedrigt erschien ich mir , der ich , einem leeren Phantom nachjagend , ein irdisches Paradies leichtsinnig von mir gestoßen hatte ! Ich wollte an Johanna schreiben , in einem Briefe an sie Trost suchen , ihr mein Verhalten , so gut es in meinen Kräften stand , erklären und ihre Verzeihung erflehen , allein ich wurde als Hochverräther behandelt , der sogar nicht einmal in brieflichen Verkehr mit der Außenwelt treten durfte . Ebenso wurden auch alle Briefe zurückgewiesen , welche an die Gefangenen einliefen . Es war ein grausames Verfahren , welches man gegen uns einschlug , ich ertrug es aber mit verhältnißmäßig ruhiger Ergebung , denn nachdem ich Alles , Alles verloren , gab es ja nichts mehr , das mich noch tiefer zu beugen vermocht hätte . So verstrich die erste Zeit meiner Haft ; mich kümmerten weder Verhöre noch Verurtheilung . Ich gab mir nicht einmal die Mühe , darauf hinzuweisen , daß ich eigentlich und ursprünglich wider meinen Willen in die demagogischen Umtriebe hineingerissen worden sei und mich erst später mit leicht entzündlichem , jugendlichem Enthusiasmus denselben rücksichtslos in die Arme geworfen habe . Ich war ja ein Mann , der wissen mußte , was er thun und lassen durfte und daher für seine Handlungen verantwortlich gemacht werden konnte ; und selbst um den Preis meines Lebens oder , was mir gleichbedeutend war , der Freiheit , hätte ich Keinen meiner Mitschuldigen genannt , obwohl die Zweifel , welche über Bernhard ' s Redlichkeit in mir erwacht waren , sich allmälig immer mehr befestigten und klarere Formen erhielten . Meine Verurtheilung zu lebenslänglicher Einschließung vernahm ich ohne zu beben ; ich zuckte höhnisch die Achseln , in der Ueberzeugung , daß mein Leben unter der Last der an meiner Seele nagenden Selbstvorwürfe von keiner großen Dauer sein könne . Ich war auf das Urtheil gefaßt und suchte einen gewissen Stolz darin , auch nicht den leisesten Anflug von unmännlicher Schwäche zu verrathen . In meinen Kerker zurückgekehrt , gab ich mich indessen wieder ganz meinem Brüten hin , welches so weit ging , daß ich endlich nur noch wie ein Schlaftrunkener dahinvegetirte und weder den Schließer , noch den Gefängnißwärter eines Wortes oder eines Blickes würdigte . Ob der Schließer Mitleid mit meiner Jugend und mit meiner hoffnungslosen Lage empfand , oder ob er nach den Eingebungen Anderer handelte , gab ich mir nicht die Mühe zu ergründen ; ich bin aber geneigt , Ersteres anzunehmen , denn vier Monate mochte ich in meiner Haft zugebracht haben , als er eines Morgens zur ungewöhnlichen Stunde bei mir eintrat und mir zwei Briefe überreichte . « » Sie werden mich nicht verlachen , « sagte er in gleichgültigem Tone , » der eine Brief traf vierzehn Tage nach ihrer Verhaftung ein , der andere vor zwei Monaten . Ich unterschlug sie , anstatt sie zurückzusenden , und da nicht weiter nach dem Verbleib derselben geforscht wurde , stelle ich sie Ihnen jetzt zu . « Dankend nahm ich die Briefe entgegen , ich hatte die Handschrift meines Vormundes erkannt , und kaum noch fähig , meine tiefe Bewegung zu verbergen , leistete ich das feierliche Versprechen , nie ein Wort über den Empfang derselben verlauten zu lassen . Sobald ich wieder allein war , setzte ich mich auf mein Lager nieder . Lange und aufmerksam betrachtete ich die Aufschrift ; ich fürchtete mich , den Inhalt kennen zu lernen , denn was konnte mein Vormund mir anders mitzutheilen haben , als die Versicherungen seines Zornes und seiner Verachtung