keinen Respekt vor unserem Geschlecht . “ „ Das ist einem Arzte seines Faches gerade nicht zu verdenken , “ murmelte Herbert den Kollegen zu , dann aber wandte er sich mit seiner süßesten Miene zu Angelika : „ Sollten Sie ihn nicht schon längst eines Besseren belehrt haben ? “ „ Ach nein , “ klagte Angelika . „ Seine Frau nennt er eine Ausnahme “ — schal ­ tete die Staatsrätin ein , „ es ist , als habe sie in ihm keinen Raum zur Teilnahme für die übrige Frauenwelt gelassen . Solch ein Mann , so aus ­ schließlich in seiner Liebe , ist mir noch nie vorge ­ kommen ! “ „ Eine Frau , wie Sie , verdient das aber auch , “ beteuerte Herbert , Angelika die Hand küssend . In dem Augenblicke ging die Tür auf und her ­ ein trat , die hohe Stirn nur spärlich von silberweißem Haare bedeckt , der alte Heim . — Alle verneig ­ ten sich ehrerbietig vor diesem „ Nestor der Wissen ­ schaft “ , wie man ihn nannte . Er hatte nach dem Tode seines Königs einen Ruf nach N * * * angenom ­ men und bekleidete schon seit zehn Jahren den dorti ­ gen Lehrstuhl der Pathologie . — Hinter ihm trat sein Pflegesohn Hilsborn ein , dem er die Professur der Augenheilkunde verschafft hatte , ein hübscher , blonder , junger Mann von schlankem Wuchs und sanftem Benehmen , dessen Hände so schmal und fein waren , als seien sie von der Natur nur dazu bestimmt , mit einem so zarten Gegenstande , wie das Auge , umzugehen . Die Staatsrätin und Angelika begrüßten die Beiden mit der alten Herzlichkeit , und Professor Herbert rief mit Emphase : „ Wie frisch und rüstig unser verehrter Kollege aussieht , bei ihm kann man lernen , sich jung zu erhalten ! “ „ Ja , wahrhaftig “ , sagte Meibert , „ wenn Bock ihn sähe , er nähme sicher sein grausames Wort , daß der Mensch nur bis zum fünfzigsten Jahre im Vollbesitze seiner geistigen Kräfte sei , zurück ! “ „ Das wird er ohnehin tun , wenn er selbst einmal über die Fünfzig hinaus ist , “ erscholl eine tiefe , volle Männerstimme . Die Anwesenden wendeten sich rasch zu dem Eintretenden : „ Ah , Möllner , hast Du uns belauscht ? “ „ Nein , ich hörte nur unter der Tür , daß Ihr Euch Schmeicheleien sagt , als säßet Ihr bei der Teetasse und nicht bei einem kräftigen Glase Wein . Was hat Euch denn so sentimental gestimmt ? “ „ Dein langes Ausbleiben wahrscheinlich , “ meinte Angelika und nahm dem Bruder Hut und Stock ab . Der schöne , stolze Mann sah freundlich auf sie nieder . „ Ja so — ich bitte um Entschuldigung . Es war mir im Praktikum ein Versuch verunglückt , den ich wiederholen mußte . Daher die Verspätung ! “ „ Da hast Du gewiß wieder einen Hund oder ein Kaninchen gequält ? “ fragte Angelika bekümmert , „ solch ein armes Tier ! “ 13 „ Schäme Dich , Angelika “ , sprach Möllner ernst . „ Bist die Schwester eines Physiologen , kennst die Zwecke unserer Wissenschaft und klagst noch um ein geopfertes Tier ! “ Angelika schwieg , denn sie sah mit Wohlgefallen , wie zärtlich Johannes den Hektor streichelte , der seinen Herrn aufmerksam beschnüffelte , als ob er ahnte , daß dieser das Blut eines Gefährten vergossen . Die Tür wurde ungestüm aufgerissen uud herein stürzte in großer Eile Angelikas Gatte , der Professor Moritz Kern , Direktor der Klinik und praktizierender Arzt . Er war eine nicht große , aber muskulöse Gestalt , mit blitzenden schwarzen Augen , einem scharf gezeichneten Profil und kurz geschorenen , gerade aufstehenden Haaren . „ Morgen , Morgen , “ rief er ganz außer Atem und seelenvergnügt , während er Hut und Handschuhe auf den Tisch und sich selbst in einen Stuhl warf . „ Verzeihung , daß ich so spät — süßes Weibchen — Hand — Kuß — mich noch lieb ? Ja ? Seit heute früh nicht gesehen , — hast Walter mit — nein ? War er brav ? “ „ Ja freilich , “ sagte Angelika und hing am Halse des ungestümen Gatten wie eine Rose am Dornen ­ zweig , „ er fiel nur einmal vom Schaukelpferd herun ­ ter und schlug sich eine Beule . “ „ So , das ist gut , das härtet ab , “ sagte der Gatte lächelnd . Er versenkte seine lebensprühenden Blicke in die blauen Augen Angelikas und das Feuer dieser Blicke mußte sie noch immer tief in das Herz hineinbrennen , denn es jagte ihr die helle Glut in die Stirne und sie senkte die Lider wie eine Braut am Verlobungstage . „ Nun , Moritz , liebäugle ein ander Mal mit Dei ­ ner Frau , “ unterbrach Johannes das stumme Zwie ­ gespräch der Beiden , „ es ist schon spät , wir müssen zur Sache kommen — warum bliebst Du auch so lange aus . “ „ Ja , lieber Freund , dafür konnte ich nicht , ich habe ein Mädchen in der Klinik , das mir furchtbar zu schaffen macht : Alter Herzklappenfehler , akute Ent ­ zündung , Blutpropf in der linken Fußarterie : Brand ! Das Bein muß noch heute herunter . “ „ Embolie “ , sagte Heim wohlgefällig , „ das ist ein schöner Fall . “ „ Freilich , freilich , “ bestätigte Moritz und rieb sich vergnügt die Hände . „ Gott bewahre mich , was seid Ihr für Barbaren , das nennt Ihr einen schönen Fall ! “ sagte Angelika entsetzt . „ Engel , wenn Du hier dem Rate rauher Män ­ ner beiwohnen willst , mußt Du nicht über einen so harmlosen terminus technicus erschrecken , “ rief der Gatte , sich