wird es nun immer sein , jeden Tag , jeden Abend , einsam sollt ' ich hier sitzen die kommenden Tage und Wochen und Jahre ! Wie ein Alp lag dieses Bewußtsein auf mir ! Wie werde ich es ertragen , dieses Leben ? Kann es denn nicht wieder anders werden ? Ist denn alles schon verloren ? Unwiderruflich ? Dann sprang ich auf und zündete ein Licht an , ich wollte an ihn schreiben , und ich schrieb und schrieb die halbe Nacht hindurch , sagte ihm alles , klagte ihm meine Verzweiflung , meine grenzenlose Angst , und bat ihn , zu prüfen , ehe er mich von sich stieß für immer . Aber wer soll das Schreiben besorgen ? Im nächsten Orte war Poststation , Wiesenau lag vielleicht drei Viertelstunden von hier – gleichviel , hin mußte der Brief , und sollte ich ihn selbst morgen hintragen . Der Rest der Nacht verging wieder schlaflos , ermattet erhob ich mich am Morgen . Umsonst hatte ich unaufhörlich darüber nachgesonnen , wen ich zu Eberhardt schicken könne – ich hatte niemand gefunden . Kathrin schlummerte noch , als ich mir ein Tuch umband und , den Brief in der Tasche , die Richtung nach Wiesenau einschlug . Der Weg glich mehr einem kleinen Flusse , als einem Pfade für Menschen . Der Regen sprühte noch ebenso wie gestern , und ich versank manchmal bis über die Knöchel in dem aufgeweichten Boden . Ein scharfer Wind wehte mir ins Gesicht und machte mein betäubendes Kopfweh noch unerträglicher . Da kam ein Wagen hinter mir her , ein Bauernwagen mit einem Leinwanddache . Ich versuchte rascher zu gehen , doch er war bald neben mir , die Pferde traten rücksichtslos in die Pfützen , so daß mich das schmutzige Wasser von oben bis unten bespritzte . Ich blieb endlich stehen , um das Gefährt vorbeizulassen , da rief eine mir wohlbekannte Stimme : » Fräulein Gretchen ! Seh ' ich denn recht ? Was tun Sie hier auf freier Landstraße und in diesem Wetter ? « Pastor Renner bog sich aus dem Wagen und sah mich fragend und verwundert an . » Ich will nach Wlesenau « , sagte ich , mechanisch seine Frage beantwortend , und wollte weitergehn . » Aber Sie können ja unmöglich in diesem Schmutz vorwärtskommen , der Weg wird dort oben am Wasser noch grundloser . – Darf ich Ihnen einen Platz im Wagen anbieten ? « fragte er schüchtern . » Ich fahre durch Wiesenau und will nach G. « » Nach G. ? « rief ich . » Ja , es ist heute Synode dort . « Eine Flut von Gedanken fuhr mir durch den Sinn , dann trat ich entschlossen etwas näher zum Wagen und fragte , meine Augen voll und groß auf das feingeschnittene Gesicht vor mir heftend : » Wollen Sie mir einen Gefallen tun , mir einen Dienst erweisen , von dem mein Lebensglück abhängt ? « » Sie sprechen immer so feierlich « , entgegnete der junge Mann etwas scheu und verlegen . » Erst neulich gab ich Ihnen auf Ihren Wunsch ein ähnliches Versprechen – , wenn ich Ihnen mit irgend etwas dienen kann , gewiß , von Herzen gern . « » Geben Sie diesen Brief in der Wohnung des Leutnants v. Eberhardt ab « , bat ich und hielt ihm mit zitternder Hand das Schreiben entgegen . Eine heiße Glut stieg mir in die Wangen , als die Augen des jungen Mannes forschend und erstaunt zugleich auf mir ruhten . Er nahm den Brief und las halblaut : » Dem Herrn Leutnant W. v. Eberharde , ... tes Regiment . G. , Tempelstraße Nr. 7. « » An Leutnant v. Eberhardt , und von Ihnen ? « fragte er und sah plötzlich leichenblaß aus . » Wollen Sie den Brief abgeben ? « rief ich aufgeregt und hastig . » Ich soll das tun ? Ich ? Warum gerade ich ? « kam es tonlos von seinen Lippen . » Weil ich niemand habe , dem ich vertrauen kann . O seien Sie barmherzig , tun Sie es mir zuliebe ! « bat ich . » Ihnen zuliebe ! « wiederholte er leise . » Aber warum nur gerade dieses ? « Er verstummte und sah einen Augenblick an mir vorüber starr ins Leere . Dann richteten sich wieder die ernsten Augen auf mich , die ich im Wind und Regen und vor Kälte und Aufregung zitternd am Wagen stand und ihn bittend ansah . Mein bleiches Gesicht ließ ihn schnell entscheiden ; er reichte mir die Hand aus dem Wagen und sagte : » Gehen Sie rasch nach Hause , ich werde tun , was Sie fordern , der Brief soll in seine Hände kommen . Ängstigen Sie sich nicht , ich ehre Ihr Vertrauen und ich weiß , Sie tun nichts , was Ihrer nicht würdig wäre . Gehen Sie rasch , Ihre Kleider sind ja schon ganz feucht . Gehen Sie ohne Sorge , Margarete . « Er nahm den Hut ab , und ich trat vom Wagen zurück . Doch ehe er noch dem Kutscher zurufen konnte , weiterzufahren , war ich schon wieder am Wagen und bat mit Todesangst : » Geben Sie mir den Brief zurück ! Ich trage ihn selbst nach Wiesenau . « Mit einem Male war es mir in den Sinn gekommen , welch einen Boten ich gewählt ! Die erste Freude , überhaupt einen solchen zu finden , hatte es mich ganz übersehen lassen , daß keine unpassendere Persönlichkeit den Brief in Eberhardts Hände legen konnte . – Wie , wenn er , wirklich eifersüchtig , mit dem jungen Prediger in Wortwechsel kam ? Wer konnte wissen , in welcher Stimmung er sich auch heute wieder befand ? Welchen Beleidigungen setzte ich den Boten aus durch mein Begehren ? Was konnten für Unannehmlichkeiten , ja , was für ein Unglück entstehen , wenn diese beiden