den Worten des so schwer Geprüften . Und diesem Mann , dessen Herz durch ein grausames Schicksal zerrissen sein mußte , auf dem die ganze furchtbare Schwere des Lebens lastete , dem hatte sie die kleine sonnige Schmetterlingsseele ihres jungen Kindes zugesellen wollen ? Sie kam sich plötzlich vor wie eine 238 Barbarin . » Röschen , « sagte sie , » hast du nicht Lust , deine alten Spielplätze aufzusuchen ? « Das Mädchen sprang auf und huschte wie erlöst die Steintreppe hinunter , um in den grünen Wegen des Gartens zu verschwinden . Der Oberamtmann sah ihr nach . » Glückliche Jugend ! « sagte er lächelnd . Und dann suchte er das Auge der Frau an seiner Seite , warm und fragend . » Nicht wahr , es ist schön hier in Hilgendorf ? « sprach er weiter , » aber schrecklich einsam , um so schrecklicher , weil die Erinnerungen so schwere sind ! « Sie nickte nur und blickte sinnend an ihm vorüber . » Über diese Treppe haben sie den Sarg meines Mannes getragen , « sagte sie dann leise . Und wie sie den Blick hob , traf sie wieder sein Auge , das noch nicht von ihr gelassen hatte : ein seltsam bittender Strahl grüßte sie daraus . » Wollen wir nun unsere Rundreise antreten ? « fragte sie verwirrt . Er erhob sich , straff und aufrecht stand er vor ihr und bot ihr den Arm . Sie schritten durch den weiten Flur auf den Hof hinaus , und die Frau lachte und weinte beim Wiedersehen 239 der alten lieben Heimat , sie lobte und tadelte und gab Ratschläge und war so ganz hingenommen von der prächtigen Wirtschaft , daß sie die lächelnde , freudig gerührte Miene des stattlichen Witwers ganz übersah . Lebhaft miteinander redend , kamen sie endlich aus den Schweineställen , wo die kleinen weißrosigen Ferkelchen an die alten Säue geschmiegt , jedes Völkchen in seiner eigenen geräumigen Kinderstube , lagen , nach dem Gemüsegarten und schritten den Weg hinunter zwischen Bohnen und Gurken und duftenden Suppenkräutern . In den Rabatten standen Stachelbeer- und Johannisbeerbüsche , die hatte sie noch gepflanzt , und die Brombeeranlagen waren prächtig gediehen . Sie wollten durch den Park nach der Forellenzucht wandern . » Versuchen Sie es nur « , sagte Frau Amtsrat im Anschluß an ein Gespräch über Erdbeerzucht , » mit › König Albert ‹ es ist die allerbeste Sorte , ich ziehe sie auch . « Wie sie aber um das sogenannte große Boskett bogen und sich der Pforte in der Parkmauer näherten , die nach dem Walde führt , stand diese weit offen , was einmütig von beiden als große Ungehörigkeit bezeichnet wurde . » Dort ist jemand hinaus , der den Kniff am Schlosse kennt , « meinte Frau Amtsrat , » sofern es nämlich noch dasselbe ist wie zu meiner Zeit . « » Ganz das nämliche , – das mit dem versteckten Riegel , gnädige Frau . « » Das müssen Sie ändern lassen , Herr Oberamtmann , mit der Zeit bleibt auch ein Vexierschloß nicht geheim . Übrigens wurde zu meiner Zeit vom Gärtner jeden Abend diese Pforte mit einem wirklichen Schlüssel abgeschlossen . « » Ja , ja , das soll geschehen , und heute noch , « gelobte er . Der Waldweg jenseit der Parkmauer war sehr schmal , sie mußten einer hinter dem andern gehen bis zu der kleinen Lichtung am Forellenteich . Sie sprachen nicht ; der Oberamtmann schritt hinter Frau Rosa Wendenburg und ließ kein Auge von ihr . Plötzlich , am Ausgange des engen Pfades angelangt , blieb 240 sie stehen , und die Hand , mit der sie ihr Kleid gehalten hatte , ließ die seidenen Falten los und hing schlaff herunter : sie war einer Ohnmacht nahe . – Gar nicht weit entfernt saß ihr einziges Kind neben einem jungen Mann , von dessen Arm umfangen , und ließ sich küssen ! Und so eifrig waren diese beiden wohlbekannten Schelme dabei , daß sie das Kommen der Mama völlig überhörten und zwischen den Küssen immer wechselseitig das Glück priesen , einander hier gefunden zu haben . Frau Amtsrat wandte sich ebenso plötzlich um , wie sie stehen geblieben war , und flüchtete förmlich zurück in den dämmerigen Waldpfad , leise lachend folgte ihr der Mann . Im Park blieb sie stehen , und die tränenden Augen zu dem Oberamtmann aufschlagend und die ineinander geschlungenen Hände gegen ihn erhebend , fragte sie : » Was soll man dabei nun machen , was soll man machen ? « Es lag ein wehes Jammern in ihrer Stimme . Er nahm die beiden kräftigen schönen Frauenhände in die seinen und streichelte beruhigend mit der Rechten darüber . » Nichts , 243 meine liebe Frau Amtsrat , « flüsterte er , » das ist der Lauf der Dinge . Sagen Sie ja ! Sagen Sie einfach ja ! « » Ach Gott , ach , wenn Sie wüßten – « schluchzte sie . » Ich weiß , ich verstehe ! Jede Mutter , die ihr Kind hergeben soll , fragt bange : Was soll ich nun beginnen ? Noch dazu , wenn es das einzige ist , wenn sie denken muß , fortan ganz allein zu stehen – die Einsamkeit schreckt . Aber , müssen Sie denn einsam bleiben ? Kommen Sie Ihrem Kinde zuvor . « Er zögerte ein wenig , ehe er fortfuhr : » Gott weiß es , liebe gnädige Frau , ohne diesen kleinen Zwischenfall hätte ich vielleicht noch lange nicht den Mut gefunden , Sie zu bitten ! Kommen Sie zu mir , kommen Sie wieder hierher , Hilgendorf schreit ja förmlich nach Ihnen ! « Einen Augenblick überkam es die Frau Amtsrat wie ein Schwindel , als ob sie den festen Boden unter den Füßen verlöre und wie eine Feder in der Luft umherwirbelte . Das Kind hatte sie verloren , das war Tatsache ,