Schwester , „ es ist ja ein Posten für einen Invaliden , aber nicht für dich – für dich ! “ Toni erhob sich . „ Es wird am besten sein , daß ich gehe , “ sagte sie , „ denn schön ist ’ s nicht , mit anhören zu müssen , daß du zu Grunde gehen wirst , weil – na ja , weil du mich geheiratet hast , denn sonst – sag ’ s doch ehrlich – sonst wandertet ihr beide aus , um das Glück zu suchen , um unerhörte Thaten zu vollbringen ! Vorläufig bin ich nun aber leider noch auf der Welt – Das [ 172 ] weitere erstickte in Weinen , sie hatte das Tuch gegen das Gesicht gepreßt und stürzte hinaus , krachend fiel die Thür hinter ihr zu . „ Entschuldige einen Augenblick , “ bat er mit völlig verändertem Gesichtsausdruck „ Ich bin gleich wieder bei dir , und folgte seiner Frau mit raschen Schritten . Nach einer Viertelstunde kam er zurück und setzte sich schweigend Hedwig gegenüber . Er sah hochrot und ärgerlich aus . „ Na , “ sagte er endlich , „ über Ansichten ist nicht zu streiten ; die beiden Damen preisen uns glücklich , finden meine Stellung ideal , und Tante Gruber sagt , sie halte es mit dem Sprichwort : ’ Lieber auf einem Dorfe der erste , als in Rom der zweite ’ . – Also , Hede , spielen wir Schloßhauptmann ! Uebrigens ist ’ s schon spät , Kind , komm , ich werde dich hinunterbringen . “ Sie erhob sich stumm , und stumm schritten sie draußen nebeneinander hin , die Geschwister . Kein Mensch begegnete ihnen , Totenstille ringsum , und über dem Schloß stand jetzt der Vollmond und umspann es mit fahlem , bläulichem Licht . Wie ein Stück Vergangenheit lag es da , so schattenhaft , so dem Leben entrückt , und die Trauerfahne flatterte drüber wie ein düsteres Wahrzeichen . – – Und dort sollte er leben , der junge Mann mit seinem begeisterten Herzen für alles , was groß , schön , gewaltig ist in der Welt , der nützen will , streben will , etwas vollbracht haben will am Schluß seines Lebens , und der verdammt ist , all diese köstliche Jugend in einem thatenlosen greisenhaften Dasein ersticken zu müssen ! „ Weinst du ? “ fragte er plötzlich und legte den Arm um ihre Schulter – „ weine doch nicht , Hede ! “ Aber da hielt sie sich nicht länger , die Thränen drängten sich gewaltsam aus den Augen . „ Ach , Heinz , “ schluchzte sie , „ warum mußt du denn so unglücklich sein ! Wenn wir nicht gewesen wären , wir armen , unseligen Mädchen – warum giebt Gott es nur zu , daß arme Mädchen geboren werden , warum schlägt man sie nicht gleich tot , da sie doch nur leben , um sich und andere unglücklich zu machen ! “ „ Na , sei so gut , “ sagte er , mühsam scherzend , „ das wäre eine neue Beleuchtung der Frauenfrage . Reden wir von was anderem ; nur das eine noch , du närrisches Mädel , du hast mich doch lieb – wie ? “ „ Ach Heinz ! Heinz , du bist ja der Einzige auf der Welt – “ „ Na , siehst du ? Und ebenso lieb hab ’ ich dich ! Und nun wollen wir zusammenhalten , alte Hede – den Kopf hoch , trotz alledem und immer ! “ Er schüttelte ihr die Hand , als sie vor der Hausthür angekommen waren , lange und herzlich , seine Augen schimmerten feucht . „ Na , und über das Winken reden wir noch , “ sprach er weiter . „ Tante Christiane wird sich wohl , wenn die Langeweile sie mürbe gemacht hat , auch noch mit deiner Stellung aussöhnen . Gute Nacht , Kind ! “ Er drehte sich rasch um und schritt zurück . „ Wie elastisch er den steilen Berg hinaufgeht , “ dachte sie und wischte die Thränen aus den Augen , „ und der soll nun immer hier sein , bis er ein müder , verbitterter Mensch geworden ! “ Und im herben Schmerz preßte sie die Handflächen gegeneinander , und so lange sie den liebsten Menschen , den Sie auf der Welt hatte , noch sehen konnte , blieb sie da stehen in der kalten Winternacht . – – Wie seit Jahren lag sie auch an diesem Abend noch bis tief in die Nacht hinein wach und grübelte , aber das Schicksal des Bruders ließ sich nicht wenden , überall wo sie einen Ausweg wähnte , fand sie die festgefügten , starren Mauern seiner traurigen Verhältnisse . Es weinten noch mehr Leute in dieser Nacht : in Breitenfels , die Armen , die in der Herzogin ihre Wohlthäterin verloren hatten , die regierende Herzogin , die in der verblichenen Stiefmutter ihres Gemahls eine Vertraute verlor , welche unermüdlich den lebenslustigen Sohn auf die Wege der Treue gewiesen , von denen er so gern einmal abschwenkte , die alten treuen Diener und Dienerinnen der Verblichenen , die , auf knappe Pension gesetzt , im Alter das Einschränken lernen mußten , die Beamten , die stellenlos geworden . Frau Medizinalrat May saß auf ihrem Lager und wand die Hände ineinander , es war ja gar zu hart über ihr Haus gekommen ! Die Hälfte Gehalt fortan , und die Forderungen der Herren Söhne größer denn je , ihres Hauses Sonnenschein , die Aenne , in der Fremde ! Anstatt des Hochzeitsfestes , des traulichen Verkehrs mit einer glücklich verheirateten jungen Tochter – spärliche Briefe , immerwährende verzehrende Angst und Sehnsucht ! Sie sah ihren Mann an , der neben ihr schlummerte . Er schien ihr sehr gealtert seit den letzten Wochen und trotzdem hieß es für ihn : doppelt arbeiten , die Praxis ausdehnen in Wind