» großen Worte « , noch das nervös Prickelnde der Konversation . Wer das verlangt , wird nicht weit mit ihm kommen ; wer indessen weiß , daß ein lange gelagerter und ruhig gewordener Rauenthaler , der ' s aber in sich hat , besser ist als ein moussierender Mosel , der wird Geschmack und Genuß an Gentzscher Reserviertheit und an seiner das langsam Mecklenburgische streifenden Vortragsweise finden . Ich kann nicht einmal behaupten , überaus häufig mit ihm verkehrt zu haben , und bin ihm doch das Anerkenntnis schuldig , unter den etwa » hundert besten Geschichten « , die mich als eiserner Bestand durchs Leben begleitet haben und noch begleiten , ein halbes Dutzend ihm dankbar anrechnen zu müssen . Und das ist sehr viel . Gleich das erste derart , was ich schon vor beinahe zwanzig Jahren aus seinem Munde hörte , kann als ein Musterstück seiner Vortragsweise gelten , einer Weise , die mir darin zu gipfeln scheint , daß er den anderen oft eine halbe Stunde lang sprechen läßt , bis er plötzlich , an einer ihm passend erscheinenden Stelle , nun seinerseits das Wort nimmt , nicht um eine gleichgültige Bemerkung oder kurze philosophische Betrachtung ( darin er übrigens Meister ist ) , sondern um ein figurenreiches Bild einzuschieben . Er ist dann holländischer Maler mit dem Wort und malt heitere Genreszenen , die mich , in ihrer farbenfrischen Anschaulichkeit , immer an humoristische Schilderungen aus Achim von Arnim erinnert haben . Aber ich wollte von unserem Erzähler erzählen . Wir schlenderten am Tiergartenrande hin und ich klagte – wie das jedesmal geschieht , wenn man von einer Sommerreise heimkehrt – über die jämmerlichen Essereien in den qualvoll langweiligen Hotels , und wie mir immer noch das Leben in England als ein Ideal vorschwebe , wo man Ruhe habe vor Lachsmayonnaisen und Aal in Aspik , und sich seinem Genuß an Hammelrippen und Seezungen immer wieder freudig hingeben könne ; – nur die natürlichen Gerichte hätten einen Wert . » Ja « , nahm jetzt Gentz das Wort , » das meine ich auch und habe das nie lebhafter empfunden als einmal in Bayern , in Tagen , wo mir das Hotelessen auch so recht zuwider war . Es traf sich , daß ich zu selber Zeit von einem reichen Patrizier , einem Enthusiasten für Bilder und Archäologisches , zum Frühstück geladen wurde , nahm denn auch an und fand bei meinem Erscheinen schon ein paar andere Gäste vor , mit denen ich mich auch bald danach in ein mit Birkenreisern dekoriertes Eßzimmer geführt sah . Die Fenster standen auf , und alles um uns her war Appetitlichkeit und Frische . Und nun denken Sie sich , was gab es da ? Auf einem langen eichenen Tisch lag ein am Spieß gebratenes junges Schwein , aufgebrochen und mit kleinen Thymiansträußen ausgesteckt , was ganz reizend aussah . Wichtiger aber waren lange schmale Spitztüten , die daneben steckten und in denen sich Pfeffer und Salz befand . Nun wurde jedem von uns ein Messer gereicht , das eine ganz eigentümliche Form hatte , beinahe sichelförmig , und so bewaffnet gingen wir in einem Gänsereihen um den Tisch herum , um , wie Jäger , das Revier abzusuchen . Sie werden sich erinnern , daß , wenn man ein Gänsegerüst abknaupelt , es kleine Höhlen und Winkel gibt , wo die eigentlichen Delikatessen liegen , und diese sich halb verbergenden Stellen auch an dem jungen Schweine ausfindig zu machen und dabei dem andern zuvorzukommen , das war nun die Aufgabe . Natürlich wäre ich , als ein Neuling und Uneingeweihter , jämmerlich damit gescheitert , wenn nicht die Liebenswürdigkeit des Wirts sich meiner erbarmt hätte . Da ist mir denn erst klar geworden , was Schweinebraten heißt . Und dazu die Tüten und die Thymiansträuße , und das Kulmbacher Bier ( denn es war in der Kulmbacher Gegend ) , das immer frisch gereicht wurde , – ja , hören Sie , da kann der Halbe Mond in Eisenach oder das Zehnpfundhotel in Thale nicht gegen an , und Sie haben schon ganz recht , wenn Sie sagen , › nicht bloß das Gesunde , sondern recht eigentlich auch das Feine , das hat man bloß bei den Naturgerichten . ‹ Und wirklich , die was davon verstehen , die haben auch immer so gedacht , obenan Friedrich Wilhelm I. , der durchaus für Weißkohl und Hammelfleisch war . Kaiser Wilhelm soll auch den Tag gesegnet haben , wo er Brühkartoffeln kennenlernte , vom seligen Goethe gar nicht erst zu reden . Sie wissen , daß ich die Teltower Rüben meine . « Das war so ein in Worten gemaltes Gentzsches Bild , und wenn ich auch für den Wortlaut der Geschichte nicht mehr einstehen kann , so weiß ich doch die Hauptsache richtig wiedergegeben zu haben . Und so verliefen Gentzsche Geschichten überhaupt , nur daß die allerechtesten doch noch einen Beisatz von feinem Spott und sozusagen liebevoller Ausmalung menschlicher Schwächen zu haben pflegten . Eine derartig eulenspiegelisch gefärbte Geschichte möchte ich , als zweite Gentziade , hier noch erzählen , und zwar , wie ich zur Beruhigung der Leser gleich hinzusetzen will , auch als letzte . » ... Nun denn , der sogenannte Marine-Krause ( reizender Lebemann und tüchtiger Künstler ) war auch Lehrer an der Akademie . Kunsthändler Rudolf Lepke kaufte viel von ihm . Eines Tages hielt Krause wieder seine Klasse und ging eben von Platz zu Platz , als ein allen älteren Malern und natürlich auch allen Akademieschülern wohlbekannter Diener Lepkes eintrat , ein Bild unterm Arm . Krause sah sofort , daß es ein Bild von ihm selber war . » Nun , Zühlke , was gibt es ? « » Ja , Herr Professor ... « Und Zühlke sah verlegen auf die jungen Akademiker . » Na , man ' raus . « » Ja , Herr Professor , Herr Lepke schickt Ihnen das Bild wieder ... Sie