ohne Knute regiert werden kann . « Und er schob die gestickten Pantoffeln ( » dem Müden zum Trost « ) an die Füße . Die Pantoffeln waren bedeutend gealtert und Jason Philipp selbst war gealtert . In seinem Bart schimmerten silberweiße Haare . Therese überrechnete den Schaden , den der Pöbel angerichtet . Sie fühlte , daß es mit Jason Philipps Glück zu Ende ging . Ausgestreckt im Bette liegend , sagte Jason Philipp : » Ich habe demnächst ein ernstes Wörtlein mit dem Baron Auffenberg zu reden . Entweder die freisinnige Partei entschließt sich zu einem energischen Schritt gegen den Übermut der untern Klassen , oder ich bin ihr Mann gewesen . « » Wieviel Maß Vier hast du getrunken ? « fragte Therese aus den Kissen . » Zwei . « » Das ist sicher gelogen . « » Möglich , daß es drei waren , « versetzte Jason Philipp gähnend , » aber deswegen einen Mann wie mich der Lüge zu beschuldigen , das bringt nur eine so ungebildete Frau wie du fertig . « Da blies Therese die Kerze aus . 2 Der Baron Siegmund von Auffenberg war von München zurückgekehrt , wo er eine Konferenz mit dem Minister gehabt hatte . Er hatte außerdem mit vielen andern Leuten gesprochen und sich beständig herablassend , jovial und witzig gezeigt , denn seine Liebenswürdigkeit im Umgang war beinahe sprichwörtlich . Jetzt saß er mit düsterem Gesicht am Kamin , und keiner von denen , die noch vor wenigen Stunden durch seine Plauderkunst entzückt worden waren , hätte ihn so wiedererkannt . Die Stille und Einsamkeit peinigte ihn . Eine Gewalt , der er nicht mehr widerstreben konnte , zog ihn zu seiner Frau . Seit sieben Wochen hatte er sie nicht einmal gesehen , obwohl er in demselben Haus lebte wie sie . Es zog ihn hin , weil er wissen wollte , ob sie eine Nachricht erhalten hatte von ihm , dessen Namen er nicht denken mochte , von dem Sohn , dem Feind , dem Erben . Nicht als ob er hätte fragen wollen ; in ihr Gesicht wollte er schauen und darin lesen . Da niemand in seiner Umgebung von Eberhard zu sprechen wagte , war er auf Vermutungen angewiesen und auf die Feinheit seines Spürsinns . Er durfte die Begierde nicht merken lassen , mit der er darauf lauerte , daß ihm endlich einer den Untergang des Verhaßten ankündigen würde . Sechs Jahre waren verflossen und noch immer vernahm er die freche Stimme , von der er das Ungeheuerliche hatte hören müssen , das ihn aus der Dämmerung seiner Selbstgenügsamkeit und Selbstfreude gerissen hatte ; das Wort , welches keine Seelennot in der Heimlichkeit seines Schlafzimmers ihm entgegengeworfen und das ihm alle Genüsse des Daseins für alle Zeiten verbittert hatte . » Dépêche-toi , mon bon garçon , « schnarrte nebenan der Papagei . Der Baron erhob sich und schritt zu den Gemächern seiner Frau . Die Baronin erschrak , als sie ihn eintreten sah . Sie lag auf einem Polstersessel , das Haupt von Kissen gestützt , über den Beinen eine schwere , indische Decke . Sie hatte ein breites , aufgeschwemmtes Gesicht mit dicken Lippen und außerordentlich großen schwarzen Augen von krankhaftem Glanz . In ihrer Jugend hatte sie für schön gegolten , aber von dieser Schönheit war nichts mehr übrig als eine gewisse Frische der Haut und die würdevolle Haltung der geborenen Weltdame . Sie schickte ihre Zofe hinaus und schaute ihren Gatten schweigend an . Als sie die jesuitisch freundlichen Falten in seinem Gesicht bemerkte , vermittelst welcher er dessen wahres Gepräge verbarg , steigerte sich die Angst in ihrem Blick . » Du hast heute noch gar nicht musiziert , « begann er mit süßer Stimme ; » da ist einem zumut , als fehle dem Haus etwas . Du sollst dich ja sehr vervollkommnet haben , höre ich ; du sollst dir einen neuen künstlerischen Beirat zugelegt haben . Emilie hat es mir erzählt . « Emilie war die an den Rittmeister Graf Urlich verheiratete Tochter des Ehepaars . In den Augen der Freifrau war ein Ausdruck wie bei einem angeketteten Tier , dem man sich mit dem Schlachtbeil nähert . Die schmiegsame Glätte des Mannes , von dem sie seit fünfundzwanzig Jahren nur Brutalität und Hohn hinzunehmen gehabt , und der ihr die schlimmste Erniedrigung nicht erspart hatte , wenn kein Lauscher nah gewesen , war ihr qualvoll . » Was willst du von mir , Siegmund ? « stieß sie zitternd hervor . Der Baron trat dicht vor sie hin , kniff die Lippen zusammen und schaute sie mit einem furchtbaren Blick zehn bis zwölf Sekunden lang fest an . Da packte sie mit ihren beiden Händen seinen linken Arm . » Was ist mit Eberhard ? « schrie sie . » Du weißt etwas von ihm ! Sag mir alles ! « Der Baron schüttelte ihre Hände mit einer Bewegung des Widerwillens ab und wandte sich kalt zum Gehen . » O du , « stammelte die Frau , sinnlos vor Schmerz und zum erstenmal im Leben entschlossen , ihm zu sagen , was in tausend Stunden des Schreckens und der Bedrängnis ihr Herz verbrannt hatte , » du Unmensch , warum denn hat dich das Schicksal auf meinen Weg geführt ! Wo in der Welt ist noch ein Weib , dem ein solches Los beschieden ist ! Die ohne Freude , ohne Liebe , ohne Achtung , ohne Freiheit und ohne Ruhe sich hinschleppt , den Menschen eine Last und sich selber am meisten ! Die in Sammet und Seide geht und sich täglich den Tod wünscht ; die von allen für glücklich gehalten wird , weil der Teufel , der sie martert , alle mit seiner Falschheit betrügt ; die ihrer Kinder beraubt worden ist , schmählich beraubt ; denn ist nicht meine Tochter die Gefangene und Konkubine eines halbwahnsinnigen Strebers , und mein Sohn , ist er mir nicht genommen