Leben wieder leicht und unterhaltend und herrlich . Und das gab ihr dann immer von neuem eine zärtliche und fröhliche Stimmung , mit der sie im Hause seine geliebte Mutter in die Täuschung wiegte - ohne auch nur im mindesten täuschen zu wollen - daß sie sich diesem Leben anzupassen beginne . So waren diese Wochen vor Ostern doch wie ein Idyll . Und zu Ostern hatte Raspe Urlaub genommen - zehn Tage , lange - zehn Tage - ja , die können wohl eine Ewigkeit von Glück werden . Aber noch vor Ostern kam in das Idyll eine schwere Störung . Doktor Dorne war für einige Tage verreist . Das geschah sehr selten . Aber er mußte zur Förderung und Nachprüfung seiner chemischen Versuche durchaus das Laboratorium eines befreundeten Fachgenossen in Wien aufsuchen . Er hatte den Reiseplan und die Zeit der Abwesenheit mit seiner Frau besprochen . Am Sonntag nachmittag fuhr er nach Berlin , um dort den Nachtzug nach Wien zu nehmen . Die Rückreise sollte ebenfalls mit möglichster Zeitersparnis ausgeführt werden . Ja , sogar die kurze Strecke von Berlin nach Hamburg wollte Dorne nachts zurücklegen , und er versprach seiner Frau bestimmt , am Donnerstag früh sechs Uhr wieder daheim zu sein . Sie sagte , sie habe eine zu große Unruhe , wenn sie nicht mit allen Gedanken einer solchen Reise folgen könne , Station für Station ; deshalb möchte sie gern so genau wissen ... möchte das Kursbuch im Kopfe kontrollieren ... die Hotels wissen , wo er absteige , kurz - im Geiste mit ihm reisen . Und so entsetzlich ihr es sei , früh aufzustehen : sie werde am Donnerstag morgen an der Bahn sein . Dies scheine denn doch ihre einfachste Pflicht , als Dank für all die Arbeit , die sie bewundere , für die er sich die Strapazen dieser hastigen Reise auferlege . Die Augen des Mannes bekamen einen Glanz von Glück . Und er reiste lächelnd ab . Schon am Montagmorgen erhielt Allert dann ein Eilbotenbriefchen : » Lieber Freund ! Nun fühle ich mich noch einsamer als sonst . Sie müssen mir heute abend Gesellschaft leisten - nicht Sie allein - wie vielleicht Ihr männlicher Größenwahn sich gleich einbildet - ich improvisiere einen kleinen Kreis : Marieluis , Ihr Vetter Patow , der so liebenswürdig war , Karten bei uns abzugeben , Dory Vierbrinck - ich weiß noch nicht , ob mit oder ohne den vornehmen Bruder . Also bringen Sie Ihren Vetter nicht in die entsetzliche Lage , der einzige Mann zwischen drei Damen zu werden . Bitte eine Telefonnachricht ! Ich habe aber nur ein Ohr für sie , wenn es ein Ja ist ! « Nun , dies war harmlos und nett und begreiflich . Es kostete Allert keine Ueberwindung , am Telefon das gewünschte » Ja « nach dem Alsterufer hinzumelden . Vielleicht , nein gewiß : seine schroffen Worte damals nach der Blumensendung hatten ihr gezeigt , daß sie niemals Glück damit haben werde , ihn zu ihrem Ritter heranzubilden . Wie es mit dieser Ritterschaft auch gemeint sein mochte : schuldvoll oder schuldlos ! Zu einem Spiel mit Ehre und Ruhe hielt er sich zu hoch ; zu einem törichten Eitelkeitsdienst hatte er keine Zeit . Aber man mußte eben doch leidlich miteinander auskommen . Er hatte gedacht , sie werde sich rächen für den Abfall . So war er ihr fast dankbar , daß sie den ganz ignorierte . Und es war klug und überraschend vernünftig von der lebensgierigen Frau , daß sie sich nun einen Kreis jüngerer Menschen zu bilden suchte . Innerhalb eines solchen wollte er ihr gern jederzeit gesellige Opfer bringen . Und dann : er sah jetzt bei ihr auch die eine - die er zu meiden wünschte und dennoch nicht meiden konnte . Er war nie mit ihr zusammen , ohne sich voll Zorn zu geloben : ich will sie niemals wiedersehen . Und er war nie drei Tage von ihr entfernt , ohne sich auf das qualvollste nach ihrem Anblick zu sehnen . Allert ging absichtlich recht spät . Und traf trotzdem die noch nicht , um derentwillen er ja eigentlich kam . Da war Dory Vierbrinck , mit ihrem hochmütigverbindlichen Bruder , der sich immer so benahm , als gehöre er dem englischen Oberhause an . Und da war auch Fritz Patow . Allert machte einige merkwürdige Beobachtungen . Der etwas steifen und sehr vornehmen Haltung John Vierbrincks begegnete die Hausfrau mit einer vollkommenen Art von sicherer , aber begrenzter Freundlichkeit . Ihre Koketterie schien sie mit ihren bunten Schuhen in den Schrank geschlossen zu haben . Sie war wie immer sehr schön gekleidet , aber doch hatte sie einige der raffinierten Einzelheiten vermieden , mit denen sie sonst , in der Intimität des Hauses , ihrem Anzug etwas - ja , etwas - Einladendes zu geben wußte . Wie klug diese Zurückhaltung ! Sie spürte wohl , daß ein noch so leises Herausfallen aus der strengsten Korrektheit Herrn John Vierbrinck veranlaßt hätte , seinen Eltern zu sagen : diese Frau Dorne ist kein Umgang . Sie sah das Geschwisterpaar zum erstenmal bei sich . Welche Fähigkeit , sich auf die Menschen einzustimmen ! Oder vielleicht die Erkenntnis , daß hier eine würdige Zurückhaltung der einzige Weg zu gesellschaftlichen Erfolgen war ? Nun - hoffentlich . Und die andere Beobachtung war , daß Dory Vierbrinck und sein Vetter , der Baron Patow , sich auf das offenkundigste miteinander beschäftigten ... Im Januar war es doch Allert vorgekommen , als ob die lebhaften Augen hinter den Gläsern ihm mit besonderem Blick begegneten ... Und es hatte ihm manchmal geschienen , als ob das Gesicht mit den reizenden Grübchen sich ganz verklärte , wenn er sich ihr zuwandte . Das hatte ihn mit Verlegenheit , fast mit leisem Schmerz erfüllt . Und nun ? So rasch war , was da keimte , schon hingewelkt ? Eine Erleichterung . Gewiß . Und so lehrreich .