um lauschen zu können . Bei solchem Wunsche wurde sie von einer galligen Erbitterung befallen . Diese Zeiten ! Und diese Menschen , diese Narren , diese Ochsen ! Und weil sie nicht wissen , was Redlichkeit und Frieden heißt , weil sie Torheit und Schlechtigkeit aufeinanderbauen wie Kinder die hölzernen Klötzlein , drum muß eine Mutter ihren Sohn , den sie mit Schmerzen geboren , den sie mit aller Zärtlichkeit einer guten Seele umklammert , hinausreiten lassen in Not , Gefahr und Elend ! Bei finsterer Nacht ! Denn daß da draußen der Vollmond freundlich schimmerte , das sah Frau Marianne in ihrem sorgenvollen Zorne nicht . Sie sah nur die schwarzen Dinge des Lebens und dachte : Wenn es nach Meinung der Mütter ginge , dann gäbe es bald keinen Krieg mehr , und ewiger Friede wäre auf der schönen Erde . Da sollten sich die Mütter einmal zusammentun , wie die Fürsten ihre Heerhaufen sammeln . Und sollten diesen unsinnigen Mannsbildern und Streithammeln so lange , die naßkalten Putzfetzen um die Ohren schlagen , bis sie zu Vernunft und friedlicher Besinnung kämen . Als Frau Marianne ihr mütterliches Fürsorgewerk vollendet hatte und hinunterkam zur Tür der Wohnstube , klangen da drinnen noch immer die zwei Männerstimmen . Sie wagte nicht einzutreten . Doch in dieser brennenden Minute ihrer Muttersorge hielt sie es für keine unschöne Sache , an der Tür zu lauschen . Nur lauschen ? Frau Marianne war eine von jenen Müttern , die fähig sind , für Wohl und Glück ihres Kindes das schwerste Verbrechen zu begehen und dabei des Glaubens zu sein , daß sie einem heiligen Gebot gehorchen . Sie hörte Herrn Peter Pienzenauer mit ernsten Worten sagen : » Nein , Lampert ! Als redlich fühlender Mensch magst du recht haben : Der Anfang dieses üblen Handels war eine Torheit , die man hätte vermeiden können . Aber nun sind die Dinge so , wie sie sind . Und da muß ich denken und fühlen als Fürst . Stehen große Werte auf dem Spiel , so scheiden Mitleid und Barmherzigkeit mit einzelnen Menschenschicksalen völlig aus . Nach dem , was du mir jetzt über den Runotter sagtest , denk ich anders von diesem wunderlichen Manne als vor einer halben Stunde noch . Aber das zählt nicht mehr . Ein paar Menschen ? Was gut das ? Jetzt muß ich mich wehren um mein Land . Und ich hoffe , da kann ich mich auf dich verlassen ? Nicht ? « » Ja , Herr ! Mit Leib und Seele ! « klang Lamperts heisere Stimme . » Aber den Gedanken , daß wir an einem Karren ziehen , der mit einem Wirrsal von Recht und Unrecht beladen ist , bringe ich nicht mehr aus mir heraus . Freilich , die andern da drüben , die machen es nicht anders als wir . Aber immer muß ich mich fragen , wie Gott das geschehen lassen kann , daß aus dem Unverstand einer Stunde das Elend vieler Jahre und das Leiden von tausend Menschen wachsen darf . « Frau Marianne hörte ein kurzes Lachen und dann die Stimme des Fürsten : » Da bin ich überfragt . Und du , Lampert , du bist sehr neugierig , mehr , als nötig ist für die Ruhsamkeit eines Menschenlebens . « » Herr ? « » Was ? « » In finsteren Nächten muß ich mich immer fragen , ob Gott , während die Menschen sinnlos hadern , in kühlem Schatten ruht oder in heißer Sonne liegt . « Ein kurzes Schweigen . Und in Mutter Marianne schlugt das angstvolle Herz wie ein schmerzender Hammer . » Lampert ? - Das ist eine seltsame Frage . Vielleicht versteh ich sie . Vielleicht auch nicht . Im kühlen Schatten ruhen die Müden , in heißer Sonne liegen die Trägen . Das sind Eigenschaften des Lebens . Wenn Gott unermüdlich und immer werksam ist , dann müßte ihm das träge , müde Leben eine ferne , gleichgültige Sache sein ? Nein ! Lassen wir das ! Da sind Abgründe . Gott hat uns Wahrheit gegeben . Manchmal fühle ich , wie du , daß sie nicht ausreicht . Aber bessere Wahrheit kann ich als Mensch nicht finden . So muß ich warten , bis Gott sie mir sagt . Schweigt er , so bleib ich ohne Neugier und nehme in Licht und Dunkelheit die Dinge des Lebens so , wie sie mir erscheinen . Aber solche Worte sind unfruchtbar wie alte Frauen . Und die Stunde drängt . Geh und sieh , Lampert , wie weit deine Mutter mit der Arbeit für deine Reise kam ! « Erschrocken , mit verstörten Augen , trat Frau Marianne rasch in die Stube und sah , wie Lampert einen gesiegelten Brief , der auf dem Tische lag , an seiner Brust verwahrte . » Alles fertig ! « stammelte sie . » Ist alles schon fertig ! « » Brav , Mutter Marianne ! « Der Propst legte ihr lächelnd die Hand auf die Schulter . » Und ganz ohne Sorge ! Ich habe deinem Sohne sicheres Geleit verschrieben . Und gebe ihm von meinen Hofleuten den verläßlichsten mit , den Marimpfel . « » Nein , Herr ! « sagte Lampert hart . » Den nicht ! Ich nehme Heber den Stallknecht meines Vaters mit . Das ist ein guter und froher Mensch . Aber um drei feste Pferde muß ich bitten . Von unsern Gäulen ist nur der Moorle zu brauchen . Den reit ich , so lang er aushält . « Fürst Peter nickte . Dann sagte er schmunzelnd : » Bei so langem Ritt in den Mondnächten wirst du Zeit haben , um über die Wahrheit nachzudenken , von der wir sprachen . Bringst du was heraus dabei , so sag mir ' s , wenn du wieder heimkommst ! Ich werde dir dankbar sein . Und jetzt eile dich , daß du in den Sattel kommst